Themenwelt –
Mental Health

Narben der Kindheit

Ärger, Trauer, Selbsthass, Selbstverletzung

Narben der Kindheit und wie man sie heilen kann

Wir können uns unsere Eltern nicht aussuchen.

Diejenigen, die liebende, wohlwollende, fürsorgliche und aufmerksame Eltern haben oder hatten, sind zwar nicht gefeit vor den unschönen Seiten des Lebens und vor dem Leid, das sie mit sich bringen können, doch sie haben in der Regel etwas, auf dass sie sich verlassen können: Selbstwert und Selbstvertrauen.

Die anderen, deren Eltern oder unmittelbare Bezugspersonen in ihrer Kindheit zwar anwesend waren, aber eher ignorant und (gewaltvoll) bestrafend statt liebend, schlagen sich mit oft unerklärbaren Emotionen und Verhaltensmustern herum, allen voran Ärger, Trauer, Unsicherheit, Selbsthass und dem Bedürfnis, sich ständig auf irgendeine Weise selbst emotional zu verletzen.

Stellt Euch ein Baby vor. Ein Säugling braucht erstmal nichts anderes als Nahrung, Wärme und die sichere, herzliche und bedingungslose Aufmerksamkeit und Fürsorge von Mama und Papa oder einer vertrauten und konstanten Bezugsperson. Es muss in seinen Bedürfnissen gesehen und in seinen Emotionen liebevoll gespiegelt werden. Wird es ständig ignoriert und allein gelassen, wenn es schreit oder wird gar bestraft für sein Weinen, bleibt eine große Wut und Trauer in ihm, weil seine Bezugspersonen auf sein Weinen nie so regieren, wie es liebende Eltern tun sollten.

Und so lernt das Kind unbewusst:

Da ist niemand, der freundlich zu mir ist und der mich liebt. Meine Eltern lieben mich nicht so bedingungslos, wie ich sie. Es kann aber nicht sein, dass sie es sind, mit denen etwas nicht stimmt, weil Eltern doch immer wissen, was richtig und was falsch ist. Also muss irgendetwas mit mir nicht in Ordnung sein. Ich bin nicht wichtig und nicht liebenswert.

Weil Menschen sich selten grundlegend ändern, ziehen sich die schädlichen Muster solcher Eltern mindestens durch die gesamte Kindheit: Ignoranz oder Wut statt Liebe. Aufmerksamkeit gibt es nur für Spitzenleistung, kindliche Emotionen werde nicht gespiegelt, sondern verboten oder bestraft und das Kind ist auch sonst weitgehend auf sich selbst gestellt. Damit wird der Grundstein gelegt für unser negatives Selbstbild. Wir denken, wir sind selbst schuld, dass wir[1] nicht geliebt werden. Diese ganze Wut, all die Trauer und die Scham bleiben in uns, in unserem Körper und in unseren Seelen. Die ständige Suche danach, wie wir sein müssen, um liebenswert zu sein, die permanente Anstrengung, das perfekte Kind zu werden, und der Selbsthass, weil es einfach nicht gelingen will, führen dazu, dass wir uns immerzu selbst im Weg stehen. Wir wünschen uns Liebe, doch der innere Kritiker sagt: Du bist es nicht wert. Er (unser Unterbewusstsein) will uns beschützen und verhindern, dass sich die Erlebnisse unserer Kindheit wiederholen.

Also tun wir das, was unseren eigentlichen Zielen entgegensteht:

Wir sehnen uns nach Freunden und Freundlichkeit, stoßen aber genau die Menschen von uns, die freundlich sind, weil wir tief in uns glauben, dass wir sie nicht verdienen.

 

Wir wünschen uns liebevolle Partner und suchen die aus, die uns behandeln, wie einst unsere Eltern, weil es das ist, was wir kennen.

 

Wir wollen positiv gesehen werden, aber provozieren andere, tun ihnen bewusst weh, damit sie uns durch ihre Reaktionen beweisen, dass wir die Minusmenschen sind, die wir in uns sehen.

 

Wir wollen Anerkennung und machen Dinge absichtlich falsch, weil wir nur Aufmerksamkeit bekamen für schlechte Leistungen.

 

Wir versuchen, alles perfekt zu machen, weil wir nur gesehen wurden, wenn alles fehlerfrei war. Oder weil wir uns und andere kontrollieren wollen.

 

Wir vermeiden Konflikte, weil wir nicht zurückgewiesen werden wollen. Und weil wir glauben, unsere Meinung und unsere Bedürfnisse seien weniger wichtig als die anderer.

 

uvm.

 

Wir suchen nach Bestätigung unserer Erfahrungen und unserer Meinungen über uns selbst, indem wir gezielt bekannte Reaktionen auf unser Verhalten provozieren und auch sonst wo immer möglich nach scheinbaren Beweisen suchen, dass wir richtig liegen bzw. falsch sind.

Wir provozieren das, wovor wir Angst haben, damit wir dieser Angst zuvorkommen, damit wir glauben, die Kontrolle zu haben über unsere Emotionen und über die Handlungen anderer. Wir verletzen uns selbst, damit es niemand anderer tut.

Wie kann man das heilen?

Wir müssen die Geschichten ändern, die wir uns ständig selbst erzählen, weil wir keine anderen kennen.

Wie wollen wir sein, was wollen wir in unserem Leben haben?

Wir können uns unsere neue Identität erstmal in unserer Vorstellung, in Affirmationen, kreieren. Und dann danach handeln.

Wir müssen anderen Menschen einen Vertrauensvorschuss geben und ihnen glauben, dass ihre Freundlichkeit, ihre Freundschaft und ihre Liebe ernst gemeint sind.

Wir müssen uns trauen, uns zu öffnen und andere zu lieben.

Wir müssen uns erzählen, dass wir all das Wert sind, was wir uns wünschen und dass wir verdient haben, gesehen und geliebt zu werden. Wir müssen glauben, dass wir uns selbst lieben. Diese Stories müssen wir uns so lange vorbeten, bis sie zu unserer Wahrheit werden.

Fake it, till you make it.

Keine Angst vor Ablehnung

Wir leben nicht mehr in der Steinzeit. Wir können auch mal eine Weile allein überleben. Wir sterben nicht daran, wenn wir hin und wieder abgelehnt werden, weil ein anderer Mensch nicht kompatibel ist oder auch, weil wir bestimmten Ansprüchen nicht genügen. Ablehnung und Zurückweisung haben sehr viel mehr mit den Umständen oder mit abweichenden Vorstellungen zu tun als mit unserem Wert als Mensch.

Und zu guter Letzt: Hilft es, unseren Eltern zu verzeihen?

Es kann helfen. Vor allem ist es wichtig zu verstehen, dass das Verhalten unserer Eltern nichts mit uns zu tun hat(te), sondern damit, dass sie die sind, die sie sind, mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihren Erlebnissen und den Geschichten, die sie sich erzählen.

Unsere Eltern haben uns nicht so behandelt, weil wir so sind, wie wir sind, sondern weil sie so sind, wie sie sind.

[1] „Wir/uns“ ist hier als Stilmittel gemeint