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Mental Health/Essstörungen

Essstörung

Wenn Therapie schadet

Man muss sich als Arzt oder Psychotherapeut nicht auf Essstörungen spezialisieren, aber man kann. Wenn man sich denn dafür entscheidet, sollte man nicht nur die eigene Motivation hinterfragen, sondern auch, wie man zu seinen Patienten steht. Wer kein Verständnis aufbringt für diese schweren Erkrankungen, wer seine eigene Ernährung streng reglementiert und nicht dazu bereit ist, seine Vorurteile zu hinterfragen, ist in der Chirurgie vielleicht besser aufgehoben.

Nichts gegen die genannte Fachrichtung. Aber Internisten, Allgemeinärzte und Psychotherapeuten, die auf ihre Visitenkarten schreiben, Ahnung von Essstörungen zu haben und sie behandeln zu können, brauchen sowohl spezielle medizinische Kenntnisse und solche, die den biologischen Ursprung und die Psychodynamik dieser Erkrankungen erklären als auch Geduld, Empathie, Warmherzigkeit und die Größe, von ihren Patienten zu lernen. Fehlt auch nur irgendetwas davon, werden betroffene Kinder und deren Familien eher traumatisiert als dass ihnen geholfen würde.

Immer wieder geben Eltern, die hilflos, verzweifelt und gleichzeitig voller Hoffnung sind, ihre essgestörten Kinder- und Jugendlichen in die Obhut einer Akutklinik, nichts ahnend, was sie dann erleben müssen: Schuldzuweisungen, Unverständnis, Fehleinschätzungen und am Ende ein Gerichtsverfahren.

So führt das althergebrachte Erklärungsmodell der „schuldigen Eltern“ z.B. nicht selten dazu, dass ihnen per Gerichtsbeschluss die Erziehungsfähigkeit und damit das Aufenthaltsbestimmungsrecht abgesprochen wird, sobald sie ihr Kind wieder nach Hause holen wollen, weil es ihm während oder vielmehr „trotz“ Behandlung schlechter geht als je zuvor.

Vor allem Anorexie ist der Schrecken jedes Klinikers, denn sie ist diejenige unter den Essstörungen, die am häufigsten tödlich verläuft. Die Angst vor Behandlungsfehlern ist groß.

Es ist also nachvollziehbar, dass man ein schwer untergewichtiges Kind zunächst mit einer Magensonde wieder in einen Gewichtsbereich bringen möchte, der es am Leben erhält. Nur hat diese Methode einen Haken, sofern sie zu lange dauert: Anorexie ist vor allem eine Angsterkrankung, eine Phobie vor Essen und Gewicht. Eine Sonde kann kurzfristig vor dem Verhungern retten. Sie hilft aber nicht, diese Ängste zu besiegen. Im Gegenteil: Die Befreiung des Kindes von der Nahrungsaufnahme bestätigt unbewusst seine krankheitsbedingte Überzeugung, dass Essen etwas ist, das man besser nicht tun sollte. Je länger die künstliche Ernährung dauert, umso schwerer wird die Rückkehr zur normalen Ernährung. Und umso mehr verfestigen sich die Angst- gesteuerten Verhaltensweisen, wie Widerstand, Verweigerung, Essen verstecken oder vernichten, heimlich möglichst viel bewegen etc. Diese Reaktionen wiederum werden den jungen Menschen dann ausgelegt als aufmüpfiges Verhalten, und sie werden bestraft, anstatt in ihren Nöten gesehen und entsprechend therapiert zu werden.

Zugegeben, Magersüchtige zum Essen zu motivieren, ist eine große Aufgabe, die Geduld, Verständnis und Zeit braucht, alles, was im Klinikalltag nicht ausreichend vorgesehen ist.

Nur: Warum lässt man sie auch dann nicht essen, wenn sie es endlich tun? Warum bekommen sie nur 1600 kcal. und werden so dazu gezwungen, doch wieder dem Diktat der Magersucht zu folgen? Diesmal auch noch ärztlich vorordnet!

Den Patienten wird nicht erlaubt, nebenbei zu naschen oder etwas zu essen, das Mama mitgebracht hat, aus Sorge, aus einer Anorexie könnte eine Binge-Eating Störung oder gar eine Bulimie werden. Dass auch diesen beiden Essstörungen ein restriktives Denkmuster zugrunde liegt, das genau durch derartige Regeln manifestiert wird, erfährt man, wenn man sich mit den aktuellen Erkenntnissen zu diesen Themen beschäftigt.

Doch selbst wenn man keine Ahnung hat, würde es schon reichen, einfach nur logisch zu denken:

Welchen Sinn ergibt es, einer Magersüchtigen das zu verordnen, was die Krankheit längst diktiert?

Wie kommt man darauf, einer restriktiven Anorexie mit Restriktion zu begegnen, die Regeln der Erkrankung mit den Vorgaben der Klinik zu ersetzen, und dann auch noch zu glauben, das könnte helfen?

Tatsächlich sind die Heilungschancen so gleich null.

Gibt man den Kindern stattdessen möglichst schnell was sie brauchen und lässt sie über ihr Normgewicht zunehmen, kommen Hunger, Sättigung und Belohnungskreislauf wieder ins Lot und Ängste und zwanghaftes Verhalten können verschwinden oder sich mindestens so weit reduzieren, dass Heilung mit einer geeigneten Anschlusstherapie möglich wird.

 Aber mal ehrlich, das kann dauern. Und wer soll das bezahlen?

Ein Akutaufenthalt im Krankenhaus sollte sechs Wochen nicht überschreiten und eine Anschlussbehandlung darf gerade mal drei Monate dauern, sonst streikt die Krankenkasse. Wenn sich die Psychotherapie dann auch noch mehr auf Selbstliebe konzentriert als auf Expositionen, dann braucht man sich nicht wundern, wenn die, die einst Kinder waren, als Erwachsene erneute vor den Türen der Psychiatrie stehen. Sofern sie sich, traumatisiert von alten Erfahrungen und der auferlegten Scham, überhaupt noch einmal in eine Behandlung trauen. Und wenn sie wieder schiefläuft, weil die Methoden dieselben sind wie 20 Jahre zuvor, dann bedeutet das für die meisten: Therapie, nie wieder und Heilung, keine Chance!

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in den Diagnose- und Therapierichtlinien von Essstörungen und eine neue Generation Ärzte und Psychotherapeuten, die bestenfalls eigene Erfahrungen haben mit diesen Erkrankungen oder wenigstens aufgeschlossen genug sind, sich von der alten und belastenden Voreingenommenheit zu verabschieden. Nur dann haben Betroffene eine wirkliche Chance, dauerhaft zu genesen und gesund zu bleiben.