Themenwelt –
Mental Health

 Selbst-wert leben

Happy 2021

Warum man sich selbst treu bleiben sollte

Meine Lieben, für 2021 wünsche ich Euch das, was Ihr Euch wünscht.
Die letzten Tage eines alten und die ersten eines neuen Jahres sind immer wieder Momente der Reflexion.
Wir schauen zurück und je nachdem, wie wir uns selbst und unser Leben aus dieser Perspektive sehen, nehmen wir uns vor:

weniger oder mehr zu arbeiten

keine Schokolade mehr zu essen (hallo Fastenzeit)

nur noch „gesunde“ Lebensmittel auf den Tisch zu bringen

jede Woche dreimal joggen zu gehen

mehr Sozialkontakte zu pflegen

nicht mehr zu rauchen

unsere Leben sinnvoll zu verbringen, was immer das ist

weniger Alkohol, mehr Schlaf, bessere Laune, ein freundlicheres Gesicht usw.

Besonders anfällig für „das muss besser werden“ sind die mit dem FOMA Problem. Also im Grunde die meisten. Fear Of Missing Out beschreibt die Angst, etwas zu verpassen, nicht mithalten zu können und das Gefühl, nicht zu genügen.

Verglichen mit anderen.

Wir Menschen überprüfen unseren Stand ständig, selbst dann, wenn wir es nicht merken. Das ist ein übriggebliebenes Überlebensmuster aus Urzeiten. Konkurrenz kann durchaus mal nützlich sein. Doch vor allem Vergleiche, bei denen wir schlechter wegkommen, und die Emotionen, die sie auslösen, tun unserem Selbstwert nicht gut. Sie entfernen uns von unseren eigenen Werten. Zumal wir unser Umfeld ja immer nur von außen betrachten können. Wir können anderen nur vor den Kopf gucken und nicht hinein. So entsteht die Vorstellung, andere sind besser, attraktiver, wertvoller, reicher, haben mehr Freunde und weniger Stress. Schon fühlen wir uns mangelhaft und minderwertig. Und welche Zeit im Jahr könnte sich besser eignen, am eigenen erbärmlichen Dasein zu schrauben als der Jahreswechsel. Also nehmen wir uns vor, ab sofort alles besser zu machen und endlich und endgültig der Mensch zu werden, den wir uns einreden.
Der wir sein wollen, gemessen an unseren „Vorbildern“ und an dem, was uns tagtäglich als Ideal suggeriert wird.

Warum glaubt jemand, dreimal pro Woche joggen zu wollen, obwohl er laufen hasst?
Weil die Ehefrau, der Bruder oder der Nachbar jeden Tag durch die Gegend rennt und man die Glaubenssätze des „gesunden“ Lifestyles verinnerlicht hat. Man hat das genau so zu tun.

Weshalb habe ich als Autistin mir immer wieder vorgenommen, mich einer Gruppe anzuschließen?
Weil der Mensch ein soziales Wesen ist, was er dadurch zu beweisen hat, dass er gefälligst 20 Freunde zu haben hat, die sich selbstverständlich untereinander kennen. Weil niemand denken sollte, ich wäre so ätzend, mit mir könnte man nicht befreundet sein. Und weil ich vor allem das Gefühl loswerden wollte, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Blöd nur, dass genau dieser Eindruck gerade in Gruppen unerträglich wird.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich zu mir stehen konnte und dazu, dass ich mit Gruppen nicht kann.
Statt Gruppe habe ich einen besten Freund, männlich. Was ja gemäß gesellschaftlicher Regeln auch 2021 noch viel weniger geht, als keine Supersocializerin zu sein. Weil Frau und Mann ja nicht einfach nur befreundet sein können. Das weiß nun wirklich jeder.
Eine Frau braucht eine beste Freundin, mit der sie stundenlang telefoniert, shoppen geht, über Frisuren redet und gemeinsam Rezepte austauscht.
Und ein Mann, dessen bester Kumpel Brüste hat? Was stimmt nicht mit dem? Ein Mann braucht doch eine Saufclique oder wenigstens einen Typen, der mit ihm am Auto rumschraubt und Fußball guckt. Bei einer gegrillten Schweinshaxe.

Puh! Echt jetzt?

Folgen wir diesen auferlegten und leider allzu oft verinnerlichten Ver- und Geboten nicht, haben wir das Gefühl, wir verpassen etwas, wir haben zu wenig Spaß, zu wenig Leben, zu wenig Freunde oder nicht die Richtigen, wir sind zu ernst, zu arbeitsam

und sind überhaupt (hier) falsch.

Wer nicht im Mainstream schwimmt, wer anders ist, der ist sowieso ein Exot. Das zu spüren, ist unangenehm. Da kann ich mitreden!
Man braucht eine Menge Resilienz, einen guten Selbstwert, ein gesundes Selbstbewusstsein und sehr viel Übung in Selbstsicht, um nicht in die „SO-WIE“ Falle zu laufen oder sie wenigstens zu erkennen, wenn man drinsteckt. Man muss mutig sein, um sich treu zu bleiben und gemessen seiner Persönlichkeit und seiner Werte so zu leben, wie es für jeden von uns ganz einzigartig bestimmt ist.

Man kann das Vergleichen nicht verbieten oder sein lassen. Man hört oder liest diesen Rat oft, aber wer das empfiehlt, schickt die Menschen bereits auf den nächsten, nicht gangbaren Weg. Es kommt vielmehr darauf an, wie wir gedanklich und emotional einordnen, was wir wahrnehmen. Je besser wir uns selbst kennen, je mehr wir uns trauen, unsere eigenen Werte zu leben und zu uns selbst zu stehen, umso weniger beeinflussen uns das Sein und das Tun der anderen und die Vorgaben der Gesellschaft.

In diesem Sinne:
Wem es gut tut, einen ruhigen Tag auf dem Sofa zu verbringen, wem zwei gute Freunde reichen oder sogar nur einer, egal welchen Geschlechts, wer lieber eine Runde spazieren geht als zu joggen und wer keinen Bock auf Wasserfasten hat:

Go for it. Steht zu Euch selbst, zu dem, wie Ihr fühlt und seid und was für Euch zählt.

Der Vorsatz für das neue Jahr und am besten für den Rest unseres Lebens sollte also sein, unsere wirklichen Werte zu finden und uns Bedingungen zu schaffen, die es möglich machen, sie zu leben und uns selbst treu zu bleiben.

Und wenn Ihr dem Neujahrs- und vor Ostern Fasten Trend unbedingt folgen wollt, dann genießt Eure Schokolade und macht lieber Pause von Werbungen und Social Media. Lasst einen Detox über Euer Adressbuch laufen, schaut, wer Euch guttut und streicht, wer nicht.

Und vor allem: Reinigt Euer Gehirn von Regeln und Vorgaben, die nicht Eurem Sein und Eurem Wert entsprechen

 

Üben wir uns alle darin, unserer Selbst wert zu leben.

 

Happy 2021!