Themenwelt –
Mental Health

Essstörung Recovery

als Autistin

Mein Weg

Haben sich die Mühen gelohnt?

Jetzt muss ich mal hoffen, dass ich es schaffe, diesen Artikel sortiert hinzubekommen, während ich ihn schreibe. Ich habe nämlich noch kein wirkliches Konzept. Wie der Titel schon sagt, erzähle ich Euch im letzten Beitrag für dieses Jahr ein bisschen was über meinen eigenen Recovery Selbstversuch und darüber, was ich erreicht habe und was nicht. Vielleicht kann der/die eine oder andere ein paar Infos und Anregungen für sich nutzen und wer mehr braucht, der darf mich gerne jederzeit anschreiben oder kommentieren. Aus Rücksicht auf diejenigen, die sich von Details getriggert fühlen, gehe ich auf manche Aspekte nicht intensiver ein. Vor allem nenne ich keine Zahlen, die zu Vergleichen reizen könnten.

Fangen wir am Anfang an: 

Wie zeigt sich meine ESS?

 

Umgekehrter Belohnungszirkel

So, wie viele Autisten, kann ich meine Essstörung nicht kategorisieren. Eigentlich weiß ich nur ganz sicher, was es nicht ist: Bulimie, Binge Eating und Orthorexie.

Auch für Anorexie fehlt mir das entsprechende „Mindset“, und die zugrundeliegenden Persönlichkeitsmerkmale treffen auch nicht zu. Vor allem nicht der so typische Perfektionismus. Das (ehemalige) Untergewicht und das restriktive Essverhalten dagegen würden passen, genauso wie die Umkehrung des Belohnungszirkels. Nüchtern zu sein, beruhigt. Diese Auffälligkeit kann bei Anorexie vorkommen. Sie ist aber vor allem ein besonderes Merkmal des autistischen Gehirns. Nicht jeder Autist kennt das, aber wohl viele. Und eine Funktion hatte meine ESS natürlich auch, aber dazu später.

Ich finde mich am ehesten wieder in ARFID Plus, Kategorie „kein Interesse am Essen“. Das Plus steht dafür, dass es nicht nur um physiologische Aspekte geht, sondern eben auch eine Funktion dahintersteckt. Emotional ziehe ich keinen Benefit aus Essen. Es ist irgendwie immer anstrengend für mich. Ein anderes Wort fällt mir für dieses Gefühl nicht ein. Es ist schwer zu beschreiben. Ich lenke mich dabei immer ab, dann geht´s leichter. „Mindfull Eating“, also nur essen und sonst nichts, ist für mich keine Option.

Ich habe irgendwann heuer einen Beitrag im Fernsehen gesehen, über Autismus und körperliche Stressreaktionen auf Essen. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde sie am Karolinska Institut in Schweden gemacht, wo auch die größte Genstudie zu Anorexie läuft. Dort gibt es die Mandometer Therapie, die auch bei Autisten mit ESS erfoglreich anwendbar ist. Jedenfalls wurden da Probanden mit und ohne Autismus beim Essen mit Elektroden ausgestattet, die diverse Anspannungsparameter messen konnten. Die Autisten hatten während des Essens allein vom Essen an sich einen massiven Anstieg der stressrelevanten Werte (nicht zurückzuführen auf Angst vor Gewichtszunahme). Bei allen anderen blieben sie unverändert.

 

Same food, Same Time

Ich habe die Autismus- eigene, intensive Neigung zu Same Food und Same Time. Dasselbe zur selben Zeit. Die haben einige Menschen mit Anorexie auch, doch es gibt ein paar Unterschiede:

a: Same Food bei Anorexie/Orthorexie = kalorienarme oder besonders ausgewählte Varianten wegen Angst vor Kalorien, Inhaltsstoffen und Gewichtszunahme. Bei normalisiertem Gewicht verschwinden diese Rituale.

Die Kalorien in meinem Essen sind mir völlig egal, auch ob es Fett, Zucker oder was auch immer enthält. Ich esse das, was ich esse, weil ich es lieber mag als etwas anderes. Und weil es einfach zu kriegen ist, denn Kochen und Backen: Nope. Ich mache mir etwas zu essen, das ja. Aber so richtig kochen, nein. Vielleicht könnte ich es lernen, auf Umwegen, denn meine Exekutive Dysfunktion ist mir dabei ziemlich im Weg. Ich habe aber keine Lust dazu, um nicht zu sagen, einen ziemlichen Widerwillen. Außerdem macht mich Kochen, die Gerüche, satt, bevor ich gegessen habe. Das macht abwechslungs- und nährstoffreiche Ernährung nicht leichter.

b: Die Anorexie- und Orthorexie typische, ständige Beschäftigung mit Essen, Rezepten als Zeichen des hungrigen Gehirns und bestimmter Glaubenssätze kenne ich nicht.

So hungrig kann mein Hirn gar nicht werden, dass es mich auf Kochbücher loslässt. Oder mich per mentalem Hunger oder körperlich- verzweifelter Rettungsversuche mit Fressanfällen jedes Essen weg- exen lässt, das in meiner Nähe ist. Ich könnte sehr entspannt in einem Buffett Restaurant eingesperrt sein. Ich würde am Essen vorbei gehen, ohne zu sehen, was es da so gibt, und nach etwas zum Lesen suchen 😊. Und Glaubenssätze habe ich da auch recht wenige. Wenn überhaupt.

Wenn ich esse, schmeckt es mir durchaus, ich habe aber keinen hedonischen Antrieb (=Lust am Essen), es zu tun oder weiter zu essen, nur weil es schmeckt.

Sport

Das ist „tricky“. Sport hat schon immer zu meinem Leben gehört, ich liebe Athletik aller Art. Und meine Sportlichkeit war das gefühlt Einzige, was mich von vielen anderen positiv unterschied. Darin war ich besser als der Durchschnitt. Als ich jünger war, habe ich mich sehr viel bewegt, zeitweise vielleicht sogar zu viel, gemessen daran, dass ich nicht genug gegessen habe. Ich habe, neben dem Spaß, meine Anspannung damit reguliert und die war hoch. Trotzdem war ich nie „Sport- süchtig“.

Ich habe viele unterschiedliche solo Sportarten gemacht, von Laufen über Inliner fahren bis Schwimmen. Autistin halt. Irgendwann habe ich ein paar Gruppenstunden für mich entdeckt und ein Fitnessstudio gefunden, in dem die Leute mir sehr entsprechen. Letztendlich bin ich dann mehr wegen der Freundschaften dort hin gegangen als wegen dem Sport. Umso mehr trifft mich der Lockdown, denn er nimmt mir die für mich so unkompliziert möglichen und gut machbaren Kontakte.

Jetzt, seit ich nicht mehr arbeiten muss, bin ich ruhiger. Ich „muss“ nur noch selten Stress mit Bewegung kompensieren. Somit bin ich nun in einem Trainingslevel, der sicher nicht übertrieben ist.

Funktion

Als Jugendliche bekam ich mein Anderssein sehr zu spüren, vor allem von meinen Lehrern und meinen Mitschülern. Ich war die, die nicht das machte (machen konnte), was die Lehrer sagten und die mit meiner Moral, meinem Sinn für Fairness und Logik und meiner direkten Art immer die Spaßbremse war. Irgendwann fiel mir auf, dass die dünnen Mädchen nie gemobbed wurden. Meine damals beste Freundin war die Schmalste von allen. Copy and Paste konnte ich und nichts zu essen, war easy. Mission completed.

Zum ersten Mal bekam ich ein bisschen positives Feedback. Jetzt war ich die sportliche Dünne, das Ideal aller Mädels. Doch was noch viel besser war: Im Laufe der Zeit wurde ich praktisch unerreichbar. Ich hatte endlich meine Ruhe. Ich musste keine ungewollten Interaktionen mehr aushalten und keine Zwangsverabredungen mehr eingehen. Und weil das so gut funktioniert hat, habe ich immer auf diese Methode zurückgegriffen, wenn es sozial kompliziert wurde. Also oft. Natürlich war mir das nicht bewusst, nicht als Jugendliche und nicht als Erwachsene. Doch in dem Moment, in dem klar war, dass ich tatsächlich im Spektrum bin, war das Rätsel gelöst. 40 Jahre später, aber nicht zu spät.

Nun habe ich mich ja viel mit dem Thema Essstörungen beschäftigt, habe entsprechende Ausbildungen und Kontakte und weiß mehr darüber als manch anderer. Da bleibt Selbstreflexion nicht aus. Und Wissen verpflichtet. Somit kam ich schon vor einiger Zeit zu der Erkenntnis, dass ich wohl etwas ändern sollte. Ich habe dann zwei Anläufe genommen. Den ersten vor einem Jahr und einen weiteren vor ca. 3 Monaten.

 

Ziele

 Ich war zu dünn und auch nährstoffmäßig nicht gut drauf. Ich musste mich körperlich besser aufstellen, wenn ich gesund bleiben wollte.

  1. Meine Hündin Luna braucht eine Menge Bewegung und meine Lieblingssportarten will ich trotzdem nicht missen. Dafür brauche ich mehr und „gesündere“ Energie.
  2. Identität: Ich bin weit mehr als mein sportlicher Körper und ich will mich auch von anderen nicht mehr darauf reduzieren lassen. Ich weiß nun sehr viel mehr, wer ich bin und sein will, was ich brauche und was nicht und wie ich mich um mich kümmern kann. Die Funktion meiner ESS ist überflüssig geworden.

Welche Methode funktioniert für mich?

Die ersten Kilos habe ich vor ca. zwei Jahren zugenommen. Ich hatte damals zwar viel Wissen, aber keine Ahnung, welche Methode für mich als Autistin erfolgreich sein könnte. All-IN und MinniMaud kamen nicht in Frage. Ich bin von diesen Ansätzen nicht überzeugt und ich kann es so nicht machen. Essen, was man will, wann man will und so viel man will: Wenn ich das mache, könnt Ihr mich mit einem Bindfaden durch ein Gulliloch fädeln. Wenn sich kein Extremhunger einstellt, man nicht fünf Marsriegel hintereinander essen muss, weil man fear food integrieren muss, und man mit einem autistischen Gehirn weder normalen Hunger noch Appetit hat, dann ist All-IN keine Option. Ernährungsberatung kann ich selbst und weil ich eh nie umsetzen kann, was von Neurotypen für Neurotypen gemacht ist, habe ich auf professionelle EB verzichtet und mir meinen eigenen Essensplan gemacht. Ich dachte, das dürfte gut gehen, weil ich eh immer dieselben Lebensmittel esse und mein erstes Ziel noch nicht Flexibilität und Muster auflösen war, sondern mehr Gewicht. Ich bin dann aber tatsächlich zu oft davon abgewichen, weil ich doch etwas anderes essen wollte oder weil ich nicht zu Hause gegessen habe oder weil sonst etwas dazwischenkam. Also habe ich getrackt. My Fitness Pal ist dafür recht gut geeignet. Es hat eine große Datenbank und ist sowohl am PC als auch per Smartphone auszufüllen. Ich habe mir eine bestimmte Kalorienmenge vorgegeben, die am Ende des Tages erreicht sein musste und gegessen, was ich wollte. Das lief gut und darauf habe ich auch jetzt wieder zurückgegriffen. Außerdem habe ich meinem besten Freund xy Kilo bis Weihnachten versprochen, damit ich mich verpflichte.

Erfahrungen

 

Stimmt es, dass auch bei Autisten das Hunger- und Sättigungsgefühl spürbar wird, wenn wir uns ausreichend und vor allem abwechslungsreich ernähren? Wäre intuitive Ernährung möglich?

Aus der Forschung und aus Erfahrungen weiß man, dass Mangelernährung aus einseitigem Essverhalten und/oder Untergewicht die Hunger- und Appetitparameter im Körper runterfahren. Viele Autisten sind aufgrund ihrer Same- Food- Neigung mangelernährt. Bei Essgestörten stellt sich oft extremer Hunger ein, wenn der Körper merkt, dass er wieder genug und alles bekommt.

Meine Erfahrung ist folgende:

Extremhunger hat sich nicht eingestellt. Genauso wenig mentaler Hunger, also ständig an Essen denken müssen im Sinne von: Ich will das jetzt unbedingt (aber ich trau mich nicht.) Ich habe aber viel an Essen gedacht, weil ich immer überlegt habe, wie und womit ich meine Ziele erreichen kann. Sehr nervig, by the way!

In meiner zweiten Zunehm- Challenge wollte ich auch die Gewohnheiten angehen. Deshalb habe ich darauf geachtet, möglichst abwechslungsreich zu essen, egal, ob ich auf etwas Lust hatte oder nicht.
Ich bin z.B. kein Obst Fan, habe es aber bewusst integriert, als ich mein Gewichtsziel erreicht hatte. Erst dann, denn mit Obst, Gemüse und Salat nimmt man nicht zu. Um die warmen Gerichte abwechslungsreicher hinzubekommen und in den richtigen Mengen, habe ich mir bestimmte Fertiggerichte rausgesucht, die einigermaßen nährstoffreich sind. Da ist alles drin und alles drauf, auch die Kalorienangaben, die das Tracken realistischer machen als Schätzungen. Auch mein Frühstücksporridge ist vorportioniert abgepackt, in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Das geht so sehr gut. Ich muss nichts abwiegen, nicht (oft) kochen und nicht nachdenken. Ich schütte das Müsli in die Schüssel und gieße Milch drüber und ziehe abends eine Packung aus der Tiefkühle und fertig. Auftauen ist auch relativ geruchsarm. Mittags gönne ich mir meist mein Same Food, das lässt mir Kapazität für alles andere, was der Tag so bringt. Ich kann aber auch locker davon abweichen. Wenn es spontan sein soll, brauche ich immer einen Moment zum Switchen, aber geht. Das war nicht immer so, aber es war immer unabhängig von meinem Gewicht. Es ist den Lebensumständen geschuldet, wenn ich mich nicht flexibilisieren kann, egal, ob es ums Essen geht oder um etwas anderes.

Ich habe einige Lebensmittel ausprobiert, die ich sonst nicht esse. Manches habe ich beibehalten, vieles auch nicht. Ich ernähre mich variantenreicher. Trotzdem habe ich wie gesagt meine Same-Foods und meine Same Times.
Intuitive Ernährung im Sinne von „Essen nach Gefühl“ geht nicht für mich und wird auch nie gehen. Mein Gefühl und meine Bedürfnisse gehen da komplett in die falsche Richtung.

 

Körperformen/Bodyimage

Erstmal vorweg: Ich hatte nie eine Körperschemastörung. Ich wusste immer, wie ich aussehe, auch wenn mir unterstellt wurde, dass das nicht so sein könne. Unterstellt wurde mir vieles.

Vor ca. zwei Jahren ging die Gewichtszunahme sehr schnell und das meiste hat sich an die Bauchregion gehängt. Das war hart, denn da kann ich es am allerwenigsten ertragen. Ich habe aber nicht deshalb gestoppt, bevor ich an meinem eigentlichen Ziel war, sondern weil ich das ständige physische Unwohlsein durch das viele Essen nicht mehr ertragen habe. Ich war nicht darauf gefasst, dass mich das so beeinträchtigen würde. Ich habe mich durch die Kalorien gequält und es wurde und wurde nicht leichter. Irgendwann habe ich eine Pause gebraucht, weil mir wirklich jegliche Motivation, zu essen, verloren ging. Das war komplett kontraproduktiv. Die Pfunde sind aber gewollt geblieben und haben sich dann verteilt und das, was ich jetzt zugenommen habe, sehe ich gar nicht wirklich. Ich wundere mich immer, wo das hingegangen ist. Es hat diesmal auch wesentlich länger gedauert, bis das Gewicht gestiegen ist und ich habe noch mehr Kalorien gebraucht. Es fiel mir diesmal leichter, weil ich vorbereitet war auf das, was kommt. Ich finde es aber immer noch sehr schwierig, so gegen mein Bedürfnis anzuessen und hoffe, es wird noch etwas leichter.

Sportverhalten jetzt

Ich wollte nicht nur zunehmen, ich wollte auch meinen Stoffwechsel heilen. Das geht nicht, wenn man viel Cardiotraining macht, so gerne ich das mag, weil es mich runterbringt und sortiert. Cardio ist gut und wichtig für das Herz- Kreislauf- System. Aber es schiebt die Stresshormone hoch (vor allem nüchtern) und reduziert mittelfristig den Kalorienverbrauch beim Training und in Ruhe. (Über diese Prinzipien, über die Stoffwechselkiller, die kaum einer als solche erkennt, kann ich gerne mal einen extra Artikel schreiben.) Aber ich liebe Krafttraining und das habe ich weitergemacht, so gut es daheim geht. Denn durch den Lockdown habe ich viele Geräte nicht zur Verfügung, die ich dafür brauche. Sport und Bewegung hilft mir auch, die Mengen zu essen, die ich brauche, weil es doch ein wenig mein Essensbedürfnis steigert. Jetzt geh ich ab und zu wieder laufen, einfach, weil es Spaß macht, aber weniger als früher.

So sehr ich mein Fitnessstudio vermisse, so sehr hat es geholfen, weniger Sport zu machen UND ich bin gerade nicht konfrontiert mit den Bemerkungen meiner Mitsportler dort. Ich konnte mich ganz auf mich und mein eigenes Körpergefühl konzentrieren und mir darüber klar werden, ob und inwieweit ich meine Sporlterinnen- Identität verlassen möchte oder nicht. Ich bin erstaunlich ok mit dem, wie mein Body jetzt aussieht.

Sport zu machen, gehört zu mir, wie atmen. Ich bewege mich, um mich gut und stabil zu fühlen, nicht (mehr), um ein Image zu erfüllen. Dieser Teil von mir ist weg. Und das fühlt sich gut an.

Stresst mich Essen immer noch?

Ja! Essen ist nach wie vor bestenfalls neutral und in vielen Situationen würde ich lieber darauf verzichten, weil es mich (zusätzlich) stresst. Vor allem dann, wenn ich etwas Belastendes vorhabe, die äußeren Umstände nicht autismusgerecht sind (zu laut, zu viele…) und ich auch körperlich so gar kein spürbares Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme habe. Ich beneide alle, die einfach mal entscheiden können: „Ich esse heute nix, weil mir nicht danach ist.“ Das darf ich mir nicht erlauben, weil es sich in jeder Hinsicht zu gut anfühlt. Ich wünsche mir, dass es irgendwann nicht mehr so ist, befürchte aber, dass sich dieser Wunsch nicht erfüllen wird. Die Funktionen meiner ESS brauche ich nicht mehr, aber der autistische Anteil ist die größte Hürde und der ist nicht zu heilen.

 

Autismus bei besserer Ernährung

Menschen mit Anorexie sind oft sehr lärm- und lichtempfindlich, weil sie mangelernährt sind, sie schlafen schlecht und meiden Kontakte. Das alles ändert sich, wenn deren Gewicht wieder stimmt.

Autisten haben eine Reizintegrationsstörung und finden viele soziale Interaktionen anstrengend und belastend.
Meine sensorischen Empfindlichkeiten sind nach wie vor genauso, wie mit niedrigem Gewicht. Da gibt es überhaupt keinen Unterschied. Konzentrationsprobleme waren auch nie mein Thema. Aber ich bin insgesamt ruhiger und weniger nervös.
Soziale Interaktionen sind nicht leichter oder schwerer und meine Bedürfnisse sind in dieser Hinsicht nicht anders, weil ich ausreichend ernährt bin.

Naja, und das Körperliche? Schwer zu sagen. Ich spüre eigentlich keinen Unterschied zu meinen sehr dünnen Zeiten, außer, dass meine Verdauung besser funktioniert. Ich schlafe immer noch schlecht, ich bin immer noch viel zu oft viel zu müde, ich habe immer noch hochfrequente Migräneattacken.
Viele messen ihre Recovery auch daran, ob die Periode wiederkommt. Ich hatte sie immer regelmäßig und jetzt bin ich in den Wechseljahren. Das kann für mich also kein Anhaltspunkt sein.

Hat es sich gelohnt?

Tatsächlich bin ich zu dieser Frage eher neutral. Wenn ich mehr positive Veränderungen spüren würde, wenn der Effekt die Anstrengungen ausgleichen oder überwiegen würde, dann könnte ich diese Frage mit JA beantworten. So ist es aber nicht.
Ich bin dennoch sicher, mein Körper und mein Gehirn danken es mir, wenn ich mich gut und ausgewogen ernähre, denn nur, weil ich nicht viel merke, heißt das nicht, dass sich nichts getan hat. Es heißt vermutlich einfach: Typisch autistsisch 😉

Meine innere Unabhängigkeit ist gewachsen, meine starren Muster sind flexibler, meine Identität ist offener und hängt nicht mehr an einem bestimmten Aussehen oder einem bestimmten Sein. Ob das jetzt mit einem anderen Essverhalten zu tun hat oder mit der Diagnose und der Sicherheit, wohin ich gehöre, keine Ahnung. Es ist in jedem Fall ein schönes Gefühl, möglichst gut zu mir selbst sein zu können.

Und jetzt?

Jetzt ist mein Ziel, meine Erfolge zu erhalten. Ich werde aufhören, zu tracken, denn es macht mich kirre. Wenn ich ein Lebensmittel nur anschaue, rechnet mein Hirn es um in Kalorien pro 100 g. Das will ich nicht zur Obsession werden lassen. Kalorien und Makronährstoffe zu zählen, war wichtig, um ein Gefühl für die richtige Menge zu bekommen und um Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett so zu verteilen, dass ich gut versorgt bin. Jetzt habe ich ein Gefühl für das, was ich brauche und werde mich an der Waage orientieren, um es zu erhalten und zu festigen. Aber ganz sicher steige ich nicht täglich drauf!

Zu guter Letzt:

Ist Recovery nur eine Frage des Wollens?

„Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen. Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will, und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt?“ (Einstein)

Der freie Wille ist eine Illusion.

Darauf würde ich nicht zählen. Es wird immer einen Teil in Euch geben, der will und einen, der nicht will. Und der gewinnt, wenn es richtig hart wird.
Sucht Euch ein übergeordnetes Ziel, das wichtiger und stärker ist als Muster, Ängste und Anstrengungen und ein weiteres, das erstmal realistisch definieren sollte, was für Euch vorstellbar ist, bis wohin ihr ganz persönlich mit Eurer Recovery gehen wollt. Heilung einer Essstörung ist für manche möglich. Für viele ist aber schon dieser Gedanke eine Überforderung und Autisten haben nochmal andere Hindernisse, die eben auf Autismus zurückzuführen sind. Und der bleibt.

Manchmal hilft es auch, eine Konseqzenz dagegenzusetzen, die wirklich weh tut, wenn man sein Ziel nicht erreicht.

Und Mini-Schritte sind die wichtigsten, denn sie bringen am schnellsten nachhaltige Erfolge. Weitergehen könnt ihr immer noch, wenn ihr die Kraft dazu habt.

Mein persönliches Ziel war/ist es, dass meine Autismus Diagnose nicht umsonst gewesen sein soll. Zu wissen, wer ich bin und wohin ich gehöre, verpflichtet mich, jetzt so mit mir umzugehen, dass ich mein Leben gemäß meiner Bedürfnisse leben kann, der körperlichen und der seelischen. Das ist ein ständiger Prozess, aber wer die ersten Schritte nicht geht, der kommt nie an.

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine friedliche Weihnachtszeit und ein gutes und gesundes neues Jahr. Ich danke Euch für Eure Treue und Euer Interesse, passt auf Euch auf!

Eure Ani