Themenwelt –
Essstörungen

Recovery Hürden Teil 3

Sportzwang

Warum Sportzwang und Essstörungen zusammenhängen

Mal sehen:

Ihr habt einen Fitnesstracker, der jeden Schritt und jede Kalorie zählt. Nach einiger Zeit passiert folgendes:

Aus 10 000 Schritten werden 20 000.

Aus 1 Stunde Laufen werden 1,5, dann 2, dann ein Halbmarathon.

Aus einem Dauerlauf wird ein Sprint. Bergauf oder Treppen, sonst bringt´s ja nix.

Aus Bahnen Schwimmen wird Speed Schwimmen

Aus Krafttraining wird Bodybuilding

Wenn der Tracker am Abend nicht anzeigt was er soll, wird so lange weitertrainiert, bis das Ziel erreicht ist.

Und natürlich werden nie mehr Kalorien gegessen, als das Tool vorgibt. Am besten weniger, sicher ist sicher.

Tracker oder nicht, ein Tag ohne Sport geht gar nicht.

Verletzt? Egal. Training ist alles. Eine Woche ohne Training könnte ja die ganze Athletik versauen.

Ihr sucht Euer Urlaubshotel danach aus, dass es ein Fitnessstudio hat oder mindestens eines in der Nähe ist, das Externe zum Training zulässt.

Ihr habt irgendwann eine Trainerausbildung gemacht, damit Ihr eine Legitimation habt, rund um die Uhr zu sporteln.

Ihr seid in mehr als einem Studio Mitglied.

Ihr müsst jeden Tag trainieren, egal was passiert. Notfalls morgens um 5 Uhr.

Ihr seid total unleidig, wenn Ihr vom Sport abgehalten werdet.

Ihr bekommt Panik, wenn Ihr nicht trainieren könnt; weil Ihr an einem Tag ohne Training endlos zuzunehmen könntet.

An Tagen ohne Sport limitiert Ihr Euer Essen.

Und irgendwann merkt Ihr, dass Ihr eigentlich gar keine Lust mehr habt auf so viel und so intensive Bewegung. Aber Ihr könnt nicht mehr anders, weil die Ängste zu groß werden, wenn Ihr darauf verzichtet.

Wenn Ihr Euch hier wiederfindet, seid Ihr nicht allein.

Auch ich habe eine Uhr mit Tracking Funktionen. Schritte, Kalorien, Schlaf, der ganze Schmonz. Irgendwann stellte ich fest, dass ich im Laufe des Tages immer wieder draufschaute. Eine gewisse Unzufriedenheit nagte an mir, wenn ich am Abend nicht mindestens das voreingestellte Soll erreicht hatte. Und die Freude ging verloren. Ich bin kein Wettkampftyp, schon gar nicht gegen eine Uhr. Kann man machen, man kann es aber auch lassen. Für mich macht´s keinen Sinn. Außerdem fühlte ich, dass es nicht mehr ganz meine freie Entscheidung war, wann ich trainierte und wieviel, sondern das Diktat meiner Garmin.
Natürlich gibt es auch Leute, die sich ganz entspannt so ein Gerät ans Handgelenk tuckern können. Aber unterschätzt nie die Wirkung der Gewohnheit!

Ich habe meinen Überwacher immer noch an, aber er hat mir nichts mehr zu sagen, außer die Uhrzeit und das Datum. Alle Trackingfunktionen sind ausgeschaltet. Cold Turkey deaktiviert. Anfangs hatte ich mich etwas verloren gefühlt, aber sehr bald waren die Zahlen total aus meinem Sinn. Ich habe noch rechtzeitig die Kurve gekriegt. Vielleicht, weil ich Sport schon immer als Bewegung liebte und nicht primär als Kompensation nutze. Obwohl er auch mir angenehme Emotionen gibt, die ich nicht missen möchte, und „Sportlerin“ definitiv ein Teil meiner Identität ist. Meine Sportlichkeit war in meiner Jugend eigentlich das Einzige, was mir bei meinen Peers halbwegs Anerkennung gebracht hat. Und Neid. Das ist mir als Autistin allerdings schlichtweg entgangen.

Kennt Ihr die Leute, die im Fitnessstudio wohnen? Oder gehört Ihr vielleicht sogar dazu?
Es gibt so ein paar Damen, die ich schon lange beobachte. (Bemerkung am Rande: Männer sind genauso betroffen,). Sie sind immer da, egal wann ich komme und wie lange ich bleibe. Einige sind in jeder Gruppenstunde, in der man etwas mehr Kalorien verbrennt als bei Atemübungen. Manchmal drei Stunden hintereinander. Andere sind Einzelkämpferinnen, die wie besessen trainieren, nicht angesprochen werden wollen und einen Gesichtsausdruck haben als würden sie gerade ein öffentliches Bahnhofsklo schrubben. Von wegen Spaß. Es kommt immer mal wieder vor, dass ein allzu sportbesessenes Mitglied Studioverbot bekommt, allerdings nur, wenn eine zugrundeliegende Essstörung äußerlich offensichtlich ist, weil die Betroffene zu dünn ist. Diejenigen aber, die im normalen Gewichtsbereich liegen, werden für ihren Fleiß und ihre Disziplin gelobt.

Menschen bekommen positive Aufmerksamkeit, wenn sie abnehmen und negative, wenn sie zunehmen.

Sie verhalten sich gemäß den gesellschaftlichen Standards diszipliniert vorbildlich, wenn sie jeden Morgen um 5.30 Uhr auf ihre Joggingrunde gehen.

Und Beides wird in der Regel kommentiert. Warum, dazu schreibe ich glaube ich auch bald mal etwas.

Ist man anfällig für diese Bestätigungseffekte, wird die Kombi aus Bewegung und Figur sehr bald zur Identität. Darüber definiert man sich. So bekommt man Anerkennung. Damit gehört man zur Elite der Gesellschaft, weil man etwas hat, das nur wenige schaffen. Was übrigens nicht daran liegt, dass sie Looser sind, sondern dass sie zu denen gehören, die hervorragend funktionierende Körpersensoren haben, die perfekt gegenregulieren können. Sie können rein physiologisch nicht weniger essen und/oder mehr trainieren ohne dass Verletzungen, Schwächeanfälle und Heißhungerattacken auftreten. Theoretisch müssten sie dafür dankbar sein, denn so eine Konstitution kann viel Unglück verhindern. Nur, dem gewünschten Ideal kommt man damit meist nicht näher, was ja für viele das allergrößte Elend ist. Den Körper so zu akzeptieren, wie er ist, wenn die Traumfigur in weiter Ferne liegt und man zu den Bewegungslegasthenikern gehört, ist eine schwierige Mission! Denn wer in unserer Gesellschaft nicht mindestens dreimal pro Woche joggt, der gilt als selbst schuld an seinem körperlichen und geistigen Verfall. Und wer zwar sportelt, aber ein wenig mehr auf den Rippen hat, der bewegt sich halt nicht genug und isst immer noch zu viel.

Ist der gesellschaftliche Einfluss wirklich an allem schuld? Ich würde sagen, das wäre zu einfach. Darüber, dass und wie biologische, psychologische und gesellschaftliche Faktoren zusammenwirken, habe ich auf meinem Blog ja schon einiges geschrieben.

 Wie kommt man jetzt raus aus dieser Falle?

Wer eine restriktive Essstörung hat, z.B. Anorexie oder Orthorexie, für den funktioniert es selten, zwar am Gewicht und am Essen zu arbeiten, das Sportverhalten jedoch so zu lassen, wie es ist. Bei manchen verbessert sich die körperliche Unruhe, wenn das Gewicht Richtung Setpoint geht (siehe Migrationstheorie). Die meisten brauchen aber eine komplette Sportpause, um wirklich heilen zu können. Viele sind körperlich und seelisch so ausgelaugt (RED-S), dass sie tatsächlich mehrere Monate komplett auf Sport verzichten müssen. Und das ist für fast alle Betroffenen sogar angstbesetzter und damit schwieriger als wieder mehr oder anders zu essen. Außerdem hat man plötzlich viel freie Zeit, auch für angstvolle Gedanken. Um dem zu begegnen, kommt es oft zu einem Phänomen, das man „lower level movement“ nennt: Wer zwar nicht trainiert, aber dafür z.B. alles zu Fuß macht oder täglich mit der Zahnbürste und auf den Knien die Wohnung putzt, hat nichts gewonnen. Findet neue Hobbies, gönnt Euch Ruhe, auch das wird leichter.

Für Leute, die eine Essstörung haben und viel aber nicht zwanghaft sporteln, reicht es manchmal, die Anzahl der Einheiten zu reduzieren und/oder auf Sportarten umzusteigen, die weniger intensiv sind und mehr das Mindset im Fokus haben als die Kalorien. Yoga zum Beispiel.

Wann zurück zum Sport?

Erstmal vorweg: Es ist nicht so, dass Ihr nie mehr zu Eurer Lieblingssportart zurückkehren könnt. Wann der passende Zeitpunkt zum Wiedereinstieg ist, hängt sehr vom Einzelnen ab. Gewicht und Essverhalten müssen ok sein, das ist klar. Manche haben sich einen Trainer engagiert, der etwas von Essstörungen versteht, andere haben sich ausprobiert. Die meisten sagen, sie haben gemerkt, wenn sie zu früh wieder eingestiegen sind, weil sie schnell in alte Muster zurückgefallen sind, manchmal auch nur gedanklich.

Wie gesagt: Auch Sportverzicht wird nach ein paar Wochen einfacher und weniger angstvoll, selbst wenn so mancher von Euch sich das jetzt schwer vorstellen kann. Vielleicht ist Corona ja wenigstens dafür gut, Euch einen Einstieg zum Ausstieg zu bieten:

Fittis sind zu, keiner guckt auf Eure Körper und Winter wird´s auch.

Wenn Ihr von der Kombi Essstörung und Sportzwang betroffen seid, gibt es bei Cloe und Kirsten gute Infos und Hilfe.

Blog Flow With Cloe und Kanal

Kanal Balanced Vibes: Kirsten.