Themenwelt –
Essstörungen

Recovery Hürden Teil 2

Nahrungsmittelphobie

Die Angst vor bestimmten Lebensmitteln

Esst Ihr nur das, was Ihr für „sicher“ haltet. Bekommt Ihr schon bei dem Gedanken Angst oder gar Panik, dass Ihr etwas anderes essen müsst oder sollt?

 

Habt Ihr ohne nachweisliche medizinische Notwendigkeit ganze Nahrungsmittelgruppen oder Inhaltsstoffe von Eurem Speiseplan verbannt, wie z.B. Kohlenhydrate, Gluten, Zucker u.a., weil Ihr davon überzeugt seid, dass sie Euch schaden?

 

Checkt Ihr die Speisekarte, bevor Ihr in eine Restaurant geht, vor allem dann, wenn Ihr die Lokalität nicht selbst ausgesucht habt?

 

Bringt Ihr zu Einladungen Euer eigenes Essen mit?

 

Habt Ihr eine Liste von Ausreden, weshalb Ihr bestimmte Dinge nicht essen könnt?

 

Esst Ihr nichts, wovon Ihr nicht genau wisst, was drin ist?

 

Habt Ihr Angst vor bestimmten Lebensmitteln oder Inhaltsstoffen, weil Ihr sie für ungesund oder „giftig“ haltet?

 

Bekommt Ihr Panik, wenn Ihr im Nachhinein herausfindet, dass Ihr etwas gegessen habt, das auf Eurer Verbotslist steht?

 

Seid Ihr ständig auf der Suche nach der perfekten Ernährung, lest einen Ernährungsratgeber nach dem anderen?

Wenn Ihr Euch in einigen dieser Verhaltensweisen wiedererkennt, dann habt Ihr vermutlich Fear Foods.

Im letzten Artikel ging es um Gewichtsphobie, um die Angst vor der Gewichtszunahme als eine der größten Hürden auf dem Weg zur Heilung von einer Essstörung. Heute beschäftigen wir uns mit den sogenannten „Fear Foods“, also mit der Angst vor bestimmten Lebensmitteln.

 

Woher kommt´s?

Im Grunde decken sich die Gründe mit denen, die für die Gewichtsphobie verantwortlich sein können. Manchmal hängt die Angst vor bestimmten Lebensmitteln auch unmittelbar mit einer Gewichtsangst zusammen. Ganz vorne dran stehen da die Kohlenhydrate. Auch Autisten kämpfen oft mit Fearfoods, doch weniger aus nachfolgenden Gründen als wegen ihrer ausgeprägten Sensorik oder ihrer wenig hedonischen, also lust- und belohnungsorientierten Motivation, zu essen.

Wenn es um die Gründe für gestörtes Essverhalten geht, kommen wir an der Diätkultur einfach nicht vorbei. Schauen wir uns genauer an, was sie mit Fearfoods zu tun hat:

“The Wellness Diet is my term for the sneaky, modern guise of diet culture that’s supposedly about ‘wellness’ but is actually about performing a rarefied, perfectionistic, discriminatory idea of what health is supposed to look like.”

“Of course, food can play a role in our overall well-being, but the widespread cultural belief that ‘food is medicine’ is incredibly problematic.”

CHRISTY HARRISON, MPH, RD, CDN

Die Diätkultur impliziert, dass Gewichtsabnahme und bestimmte Formen der Ernährung ein Allheilmittel sind. Wer diesem Dogma folgt, gibt Unsummen an Geld aus für Nahrungsergänzungsmittel, Pülverchen, Diätprodukte und Co, in dem meist vergeblichen Versuch, seinen Körper zu optimieren. Es gibt mehr als genug Studien, die beweisen, dass Diäten (außerhalb gesundheitlicher Notwendigkeiten) nicht wirken, viele Nahrungsergänzungsmittel eher schaden können und der gesunde Körper hervorragend in der Lage ist, sich selbst zu reinigen. Doch die gegenteiligen Botschaften wirken so gut, dass ihnen mehr geglaubt wird als jedem noch so nachvollziehbaren Gegenbeweis. So läuft das leider mit dem Gesetzt des Glaubens.

Die Diätkultur dämonisiert bestimmte Ernährungsformen, insb. die, die Fleisch beinhalten, und hyped andere, wie z.B. Veganismus. Aussagen, die unterbewusst wirken, vermitteln so, dass ein Mensch weniger wert ist, der z.B. Fleisch isst und der am wertvollsten, der vegan lebt. Das ist immens stigmatisierend und hat zur Folge, dass wir uns mit dem, was wir essen, mehr danach richten, was gesellschaftlich konform ist als nach unseren tatsächlichen Bedürfnissen. Wer will schon als minderwertig gelten wegen dem, was er is(s)t? Und wer kann offen zugeben, dass er einfach Angst hat, mit den Anforderungen des Lebens nicht zurecht zu kommen und dafür ein immer verfügbares Ventil braucht: Die überdimensionierte Beschäftigung mit Ernährung?  Mal abgesehen davon, dass vielen diese Kompensation gar nicht bewusst ist. Also nennen wir unser Verhalten eben „gesundheitsorientiert“.

Wisst Ihr, was so richtig perfide ist? Diese ganzen Regeln wirken so hervorragend, dass wir tatsächlich glauben, wir tun uns etwas Gutes. Das Verhalten, das diesem Denken folgt, bewirkt Veränderungen im Gehirn, die dazu führen, dass Nahrungsmittel als Gefahr gewertet werden und z.B. Eis essen oder Limo trinken nach und nach dieselbe Wirkung auf unseren Körper haben, wie ein Flugzeugabsturz: Stress pur!

Kein Zucker, kein Fett, kein Lebensmittel (abgesehen vom Übermaß) kann so viel Schaden anrichten, wie dauerhafter Stress. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass diejenigen, die irgendwann einfach genug haben von all diesem Does and Don´t rund um ihre Ernährung, plötzlich gesünder und entspannter sind als je zuvor. Und viel mehr Zeit fürs Leben haben sie auch 😉

Was mach´ma jetzt?

Auch gegen Nahrungsmittelphobie wirken:

Exposition

Friedly Reminder:

Wer Angst hat, kommt nicht drumrum, das zu tun, was Angst macht. Soll heißen, Ihr müsst Euer Fearfood essen.

Es gibt die Menschen, die hier aufs Ganze gehen können und sich nach dem „jetzt oder nie“ Prinzip mit alle dem Essen konfrontieren können, das sie lange gemieden haben. Das ist tatsächlich der schnellste Weg, das Problem zu überwinden. Kurz aber oft schmerzvoll, denn es kann dazu führen, dass körperliche Beschwerden zunächst schlimmer werden oder sogar erstmalig auftreten, denn der Körper stellt die Verdauungsenzyme ab, die er nicht braucht und muss sie erst wieder hochfahren. Auch hier gilt: nicht wieder weglassen, was Bauchweh macht, sondern reduzieren und nach und nach steigern, bis die Verdauung wieder klappt.

Andere gehen langsamer vor. Man kann pro Mahlzeit ein Fearfood integrieren oder auch nur ein Stück oder einen Bissen davon und immer weiter steigern. Von leicht zu schwer. Dauert halt etwas länger.

Die gute Nachricht ist: Es braucht in der Regel nur 5- 10 Expositionen, bis das, was als undenkbar galt recht einfach wieder essbar wird. Vorausgesetzt man bleibt dran.

Löscht die Trigger

Es wird ungleich schwerer, Eure Fearfoods wieder zu integrieren, wenn Ihr Euch ständig mit Informationen konfrontiert, die Euch erzählen, dass das, was Ihr da versucht, Euer Untergang sein wird und Keto, Paleo oder Vegan doch das Nonplusultra sind. Es kommt nämlich genauso darauf an, wie Ihr über Eure Ernährung denkt wie darauf, was Ihr (wieder) esst.

Unsibscribed Euch von allen Infokanälen, die Eure Posteingänge und Messenger vollballern mit dem, was Eurem Ziel entgegensteht. Und achtet darauf, mit wem Ihr Euch umgebt. Krasse Gesundheitsapostel tun niemandem gut, der Probleme mit dem Essen loswerden will!

Gemeinsam essen

Für viele ist es leichter, mit anderen gemeinsam zu essen. Wie gesagt, immer vorausgesetzt, Eure Freude oder Eure Familien haben ein entspanntes Verhältnis zu Körper, Gesundheit, Ernährung und Gewicht.

Findet jemanden, dem Ihr vertraut und esst Euer Fearfood mit ihm oder ihr zusammen. Man kann das auch über Skype, Zoom, WhatsApp- oder Threema Video machen.

Habt Ihr niemanden, könnte Ihr auch mal eine Weile „What I eat in a day“ recovery Videos nebenherlaufen lassen. Aber passt auf, welche Ihr schaut und vor allem: macht es nicht zu lange. Ihr müsst Euch selbst erlauben, das in den Mengen zu essen, was und wieviel Ihr essen wollt. Lagert diese Erlaubnis nicht unbemerkt aus auf Leute, die Euch etwas voressen.

Zum Schluss noch ein paar Sätze für diejenigen, deren Partner, Freunde oder Familienangehörige sich diesen „Gesundheitsregeln“ verschrieben haben:

Werdet nicht ko-abhängig! Bleibt bei Euren eigenen Werten und Euren eigenen Bedürfnissen. Wenn sich Euere Lieben bestimmte Dinge nicht mehr zu essen trauen (denn das steckt hinter diesem Verhalten), dann macht Euer eigenes Essen so, wie Ihr es wollt und überhört die entsprechenden Kommentare. Die werden ganz sicher kommen, denn sie suchen Verbündete. Ihr könnt niemanden von seinem Glauben abbringen, bis er die eigene Erfahrung macht, was funktioniert und was nicht. Aber Ihr könnt dafür sorgen, dass Ihr selbst nicht mit in den Strudel des gestörten Essverhaltens gezogen werdet. Denn da kommt man so leicht nicht mehr raus.

 

https://www.refinery29.com/en-us/2016/06/115381/healthy-processed-foods-myth