Themenwelt –
Mental Health

Ein „Nein“ ist nicht gemein!

„Nein“ zu anderen ist „Ja“ zu sich selbst

Warum ein Nein nicht bedeutet, dass man ein schlechter Mensch ist

 

„Kannst Du mal bitte…“

„Sei so lieb…“

„Du kannst doch so gut xy, würdest Du …“

„Macht es Dir was aus, wenn…“,

und bevor einem so richtig klar wird, was da gerade läuft, hat man Ja gesagt.

Man hört sich geduldig an, was andere besser zu wissen glauben, man lässt zu, dass sich Kreti und Pleti einmischen in Angelegenheiten, die sie nichts angehen und von denen sie keine Ahnung haben. Ergebnis: Die anderen fühlen sich super und man selbst hat das miese Gefühl: „Irgendwas ist da jetzt gründlich schiefgelaufen“. Das kennt bestimmt jeder, der hier gerade liest. Doch Neinsagen, abgrenzen, unsere Bedürfnisse auch mal vor die anderer stellen, ohne verletzend und abweisend zu wirken, das ist leichter gesagt als getan.

Woran liegts? An den frühen Erfahrungen.

Ob man als Erwachsener gut für sich einstehen kann oder später darum kämpfen muss, gesehen und ernst genommen zu werden, entscheidet sich, wie soll es anders sein, in der Kindheit. Wer hier liebevolle, aber deutliche Regeln erfahren hat und in seinen kindlichen Bedürfnissen gesehen wurde, dem fällt Nein sagen vermutlich leichter. Diejenigen aber, die als Kinder die Erfahrung machen mussten, dass Widerspruch oder auch nur ein vorsichtiger Versuch, sich bemerkbar zu machen, Liebesentzug, Ignoranz und Strafe zur Folge hatten, oder die zu früh Verantwortung übernehmen und/oder zurückstehen mussten, haben oftmals Schwierigkeiten, überhaupt erst zu erkennen, was sie brauchen.

Da sagt man eben „Ja“ zu Einladungen, weil man Angst hat, nie wieder gefragt zu werden und/oder den Gastgeber vor den Kopf zu stoßen, obwohl man gar keine Lust auf die Party hat.

Dann tut man eben so als würde man den Typen lieben, der grad neben einem liegt, obwohl man nicht (mehr) so empfindet und man trifft Leute, die einem nur die Zeit stehlen, weil alles besser ist als allein-allein.

Und selbstverständlich bleibt man bis um 23 Uhr im Büro, wenn der Chef um 20.30 Uhr noch total gestresst daherkommt und mehr oder weniger freundlich darum bittet, das scheinbar so unaufschiebbare Diktat noch schnell zu schreiben.

Natürlich ist man 24/7 für seine Kunden erreichbar, auch privat. Wie würde es aussehen, wenn man ein Diensttelefon hätte, das man einfach ausschaltet, wenn man seine verdiente Ruhe braucht!

Geärgert? Da nimmt man sich fest vor, ein No-Go zeitnah zu klären, doch wenn es dann so weit ist, zählt man doch wieder bis 10 und sucht irgendeinen Kompromiss, der sich weniger bedrohlich anfühlt, bis irgendwann der Rauch aufsteigt. Denn auch Konfliktfähigkeit will gelernt sein und wer früher nicht wahrgenommen wurde in seinen Nöten und vielleicht sogar Gewalt erleben musste, bleibt im Erwachsenenleben verständlicherweise lieber auf der sicheren Seite.

Doch wer nicht NEIN sagt, dessen Ja ist irgendwann nichts mehr Wert. Und wer alles mit sich machen lässt, wird sehr schnell zum Opfer derjenigen, die geradezu Sensoren haben für Menschen, die sie benutzen, manipulieren und kontrollieren können.

Die gute Nachricht ist: NEIN sagen kann man lernen.

Hinter einem vermeidenden JA steckt letztendlich nichts weiter als eine gelernte Ausweichstrategie, um der zugrunde liegenden Angst zu auszuweichen. Der Angst vor Schuldgefühlen, vor dem Alleinsein, vor dem schlechten Gewissen, vor Veränderungen, vor Konflikten, davor, unwichtig zu sein usw.

As said: Was man gelernt hat, kann man verlernen.

Doch um überhaupt erstmal ein Gefühl dafür zu bekommen, was gesunde Grenzen ausmacht, könnt Ihr Euch an der folgenden Liste orientieren.

Konstruktiv:

Man kann darüber entscheiden, ob man Ja oder Nein sagt und findet es ok, wenn andere ein Anliegen ablehnen.

Man weiß, wer man ist und respektiert die eigenen Bedürfnisse.

Man erwartet und gibt Gegenseitigkeit und geteilte Verantwortung in und für Beziehungen.

Man kann zwischen sich und anderen unterscheiden.

Man teilt persönliche Informationen nur mit ausgewählten Menschen.

Man toleriert keinen Missbrauch der eigenen Person, man lässt sich nicht ausnutzen.

Man kennt seine Wünsche, Bedürfnisse, Stärken und Schwächen.

Man ist selbstverantwortlich.

Man ist für sein Glück selbst verantwortlich.

Man weiß, dass man nur selbst dafür sorgen kann, dass es einem gut geht.

Man schätz die eigenen Bedürfnisse und Werte genauso wie die anderer.

Man kennt und schätz seine Grenzen und man achtet sie.

Man kann um Hilfe bitten, wenn man sie braucht.

Man hält auch dann an seinen Werten fest, wenn man dafür abgelehnt wird.

Destruktiv:

Man kann nicht Nein sagen, weil man Angst hat vor Zurückweisung.

Man verhält sich gemäß dem, was andere von einem erwarten oder wie man für andere sein soll.

Man lebt einseitige Beziehungen.

Man neigt dazu, derjenige zu sein, der entweder mehr gibt oder passiv ist und alles tut, was der andere erwartet.

Man macht Probleme anderer zu den eigenen.

Man neigt dazu, zu schnell zu viel von sich preiszugeben.

Man wartet viel zu lange, bis man Stopp sagt, wenn überhaupt.

Man wird oft benutzt.

Man stellt eigene Bedürfnisse zurück und kümmert sich häufig um die Schwächen anderer.

Man ignoriert die eigene innere Stimme und hört stattdessen auf das, was andere sagen.

Man fühlt sich für das Glück und das Wohlbefinden anderer zuständig und macht andere für das eigene Wohlbefinden verantwortlich.

Man erwartet von anderen, dass sie für einen sorgen.

Man absorbiert die Emotionen anderer und hat keinen Zugang mehr zu den eigenen.

Man ist abhängig von dem, was andere sagen, denken oder fühlen.

Man fühlt sich nicht wert, andere um Unterstützung zu bitten, wenn man sie braucht.

Man verhält sich wie ein „Fähnchen im Wind“, um zu gefallen.

Und jetzt ein paar Tipps, was man tun kann, wenn man denkt: Nein sagen darf ich nicht!

    1. Üben

Verhaltensänderung braucht Übung. Fangt leicht an. Übt das Neinsagen dann, wenn Ihr Euch sicher fühlt und/oder mit Menschen, denen Ihr vertraut.

Wenn Euch jemand zum Italiener einladen will, könntet ihr z.B. sagen, dass Ihr lieber zum Thai möchtet. Oder wenn die kleine Schwester/die beste Freundin einen Pulli geliehen haben will, sagt mal Nein. Diese Übung trainiert das Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und für Konfliktsituationen gleich mit. Bleibt konsequent dran und steigert Euch. Beides ist ganz wichtig. Denn Wiederholung und jede Erfahrung, dass nichts Schlimmes passiert, macht sicherer, mutiger und damit selbstbewusster.

    1. Zählt bis 10

Nicht sofort antworten. So manches Ja resultiert aus dem Überrumpelungseffekt. Der andere ist so schnell und spontan mit seiner „Bitte“ oder ein so guter Einschmeichler, dass unsere alten Muster anspringen (gesehen werden wollen, gemocht werden wollen) und schon sitzen wir in der Nettigkeitsfalle.

Also bis 10 zählen und überlegen, ob Ihr wirklich wollt, Zeit dafür habt und Euer Bauchgefühl auch Ja sagt.

    1. Vielleicht doch besser erstmal NEIN sagen.

Es gibt Situationen, die erfordern eine sofortige Antwort. Wenn Ihr unsicher seid oder ein komisches Gefühl habt, sagt besser erstmal Nein. Ein anfängliches Nein ist leichter zu korrigieren als ein spontanes Ja, denn wer abgewiesen wurde, macht gerne nochmal ein Zugeständnis.

    1. Der erste Eindruck oder Impuls ist meist richtig

Ist der erste Impuls auf ein Anliegen ein ablehnendes Gefühl in Euch, kommuniziert das sofort. Je länger Ihr rum- eiert umso schwieriger wird es dann, Nein zu sagen.

    1. Bietet Alternativen an

Besonders im Job ist es manchmal geschickt, eine Ablehnung mit einer Alternative anzubieten, z.B. „Heute schaffe ich es nicht mehr, aber bis morgen Mittag ist die Präsentation fertig.“

    1. Nicht labern

Nein braucht keine Begründung

Wir neigen alle dazu, zu begründen, warum wir etwas nicht tun wollen oder können. Lasst es. Ein schnörkelloses „Nein, geht heute nicht“, reicht vor allem in geschäftlichen Bezügen völlig aus. Bei nahestehenden Menschen kann man sich natürlich ausführlicher äußern, aber auch hier sollte eine Begründung keine Rechtfertigung werden. Wer sich zu lange erklärt, der schwächt sich.

    1. Lasst Euch nicht um den Finger wickeln (siehe Punkt 2).

Manche Menschen- und hier sind es besonders die, die Euch gut kennen, verstehen es hervorragend, mit Komplimenten und Schmeicheleien, um sich zu werfen. Das tut jedem gut und schon ist man bereit, ein Zugeständnis zu machen, das man eigentlich gar nicht machen wollte.

    1. Wechselt die Perspektive.

Stellt Euch vor, jemand sagt Ja zu Euch und meint es nicht so. Wie wäre das?

Tatsächlich ist es nämlich so, dass die meisten Menschen gerne eine ehrliche Reaktion hätten. Klar gibt es auch Berechnende, doch Fakt ist, wie ich oben schon geschrieben hatte: Wer sich ständig anbietet, der wird nun mal leicht ausgenutzt. Zu wissen, dass man nicht nur Opfer ist, sondern durchaus eine aktive Rolle hat in diesem Spiel, kann motivieren, das eigene Verhalten zu verändern.

    1. Denkt nicht darüber nach, was andere denken

Das könnt Ihr eh nicht beeinflussen. Und wisst Ihr was: die anderen sind meist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das liegt nämlich in der Natur des Menschen. Überprüft, wie Ihr über Euch selbst denkt und arbeitet lieber an Eurem Selbstbewusstsein als Eure Zeit daran zu verschwenden, Euch zu sorgen, wie Ihr auf andere wirkt. Ich glaube, hier haben die meisten noch einiges zu tun- ich auch.

Last but not least, Beziehungen (und man selbst) nehmen Schaden durch Unehrlichkeit, nicht dadurch, dass man zu sich und seinen Werten steht und sagt, was man denkt, fühlt und will. Wenn Ihr Menschen in Eurem Leben habt, die Selbstverantwortung und Authentizität nicht schätzen, die Euch manipulieren, verarschen oder ändern wollen, sollten die besser nicht auf Euerer Freundesliste stehen.

Ein Nein zu anderen ist ein Ja zu Euch selbst. Niemand ist gemein, egoistisch oder gar ein schlechter Mensch, der seine Bedürfnisse kennt, freundlich kommuniziert und sich dafür einsetzt.

Anmerkung:

Zum Thema Abgrenzung und Autismus folgt in Kürze ein extra Artikel. Ich wollte es nicht vermischen, da sich diesbezüglich bestimmte Aspekte für Autisten anders darstellen.