Themenwelt –
Autismus/Mental Health

Let´s Talk About Sex

ASS

Warum A- Sexualität ein Spektrum ist.

Na dann, reden wir heute mal über Sex.

ASS kannte ich bisher nur als Abkürzung für Autismus Spektrum Störung. Tatsächlich steht dieses Kürzel aber auch für ASexualitäts-Spektrum. Ich möchte mit diesem kurzen Artikel versuchen, mit dem einen oder anderen Mythos aufzuräumen und darüber zu informieren, was man tatsächlich unter dieser sexuellen Ausrichtung versteht.

Ca. 1 von 100 Deutschen bezeichnet sich als Mensch ohne Bedürfnis nach Sex und tatsächlich ist ein nicht unerheblicher Teil davon hochfunktional autistisch. ASS und ASS sozusagen. (Bei nicht-hochfunktionalen Autisten dagegen, kann man tendenziell eher eine ungehemmte Sexualität beobachten.)

Das A vor A- Sexualität kann etwas irritieren. Es impliziert nämlich, dass diese Menschen niemals Sex oder keinerlei Interesse daran hätten. Und ja, die gibt es. Doch A- Sexualität ist ein Spektrum, weil es diverse Schnittmengen mit der sog. Norm gibt.

Folgende Kategorisierung kennzeichnet die Haupttypen:

A hat einen Sexualtrieb, fühlt sich aber von anderen überhaupt nicht sexuell angezogen und hat von sich aus kein Bedürfnis nach Sex mit gleich- oder gegengeschlechtlichen Partnern. Einige befriedigen sich jedoch selbst.

B fühlt sich emotional und körperlich zu anderen hingezogen, kann sich auch verlieben oder zumindest tiefe Beziehungen eingehen, hat aber kein Verlangen nach partnerschaftlichem Sex. Die physische Attraktivität des Gegenübers ist also sexuell neutral. Viele befriedigen sich selbst.

C findet andere weder emotional noch körperlich attraktiv, kann sich nicht verlieben und hat null Interesse an Sex; auch nicht mit sich selbst.

D hat einen normalen Sexualtrieb und ein entsprechendes Bedürfnis, moralisiert Geschlechtsverkehr jedoch als reine Triebbefriedigung, die es zu unterdrücken gilt.

A- Sexualität ist genauso wenig wie Homo- oder Bisexualität eine behandlungsbedürftige Krankheit und auch keine Störung. Diese Neigung hat nichts zu tun mit einer physischen Dysfunktion der Libido (des sexuellen Lustempfindens). Der Verzicht auf Intimität aufgrund religiöser oder sonstiger Vorgaben ist eigentlich auch etwas gänzlich anderes. Deshalb habe ich so meine Probleme mit Punkt D. Wer Sex moralisiert, ist m. A. nicht asexuell, sondern enthaltsam aufgrund seiner Einstellung.

Summa summarum kann man sagen, Asexuelle haben weniger emotionale oder körperliche Lust auf den Austausch von Körperflüssigkeiten als der Durchschnitt. Manche wollen und brauchen tatsächlich nie Sex. Demi-Sexuelle dagegen spüren sexuelle Anziehung zwar, aber nur in einer tiefen, romantischen Beziehung, in einer sehr engen Verbindung. Daneben gibt es A-Sex, die schlafen nur mit jemandem vom anderen Geschlecht, weil sie Kinder wollen. Wieder andere sind in Partnerschaften mit einem Menschen mit  „normalem“ Sexualtrieb und machen der Beziehung zuliebe entsprechende Kompromisse. Letzteres mag rein körperlich für Frauen leichter sein als für Männer.

Bleibt noch zu sagen, es gibt durchaus Asexuelle, die Sex genießen können, wenn sie ihn denn haben. Das sind auch diejenigen, die Selbstbefriedigung als lustvoll empfinden. Ihnen fehlt jedoch der An- (Trieb) für Sex mit anderen. Diese Art von Antriebsschwäche ist übrigens etwas, das viele Autisten sehr gut kennen, unabhängig vom Geschlechtsakt.

Was Autismus und Asexualität betrifft, geht man davon aus, dass die intensive körperliche Verbindung mit einem anderen Menschen mit einem emotionalen und sensorischen Overload einhergeht. Die andersartige Wahrnehmung und Verarbeitung (zu viel, zu intensiv, zu wenig oder gar nicht) ist vermutlich einer der Hauptgründe dafür, dass ein großer Teil gar keine sexuelle Anziehung erlebt oder sie nicht mag. Sex ist außerdem eine Herausforderung für Autisten, die sich schwer tun, zu erkennen, was ein anderer mag oder braucht und eigene Bedürfnisse zu kommunizieren. Ganz abgesehen davon, dass wir nicht gerade Spezialisten sind, wenn es darum geht, direkte Signale sexuellen Interesses oder auch entsprechende attraktive Merkmale zu bemerken, geschweige denn zu erwidern. Diese besondere Sprache bleibt uns verborgen und wir selbst sprechen sie auch nicht. Flirten, fast schon Voraussetzung für sexuelle Kontakte, bringt deshalb nicht gerade Spaß, wenn man Autist ist. Die Kombination A-Sex und Autismus macht eine romantische Beziehung mit einem neurotypischen Menschen oft unmöglich.

Tatsächlich wünschen sich viele Asexuelle eine Partnerschaft. Sie scheitern aber daran, dass der andere nicht ohne Sex leben möchte, sofern er nicht zufällig auch asexuell ist. Manche ungleichen Paare, die sich dennoch finden, einigen sich darauf, eine offene Beziehung zu führen. Ob das jedoch langfristig funktioniert, ist fraglich, denn asexuell zu sein, schließt Liebe nicht aus- und wen man partnerschaftlich liebt, mit wem man sein Leben teilt, den möchte man nicht sexuell anderen überlassen.
Die meisten Asexuellen leben wohl eher das „Beste Freunde“ Modell, die nicht romantische, aber dennoch sehr enge und vertraute Beziehung zu einem Menschen. Sie lieben die Persönlichkeit des anderen und dessen Intellekt, nicht das Aussehen oder die (für sie häufig nicht wahrnehmbare) sexuelle Attraktivität.

Ob man nun unter seiner andersartigen sexuellen Orientierung leidet oder nicht, ist genauso eine Gretchenfrage wie die, ob Autisten unter ihrem Autismus leiden: Es kommt darauf an, welche individuellen Einschränkungen damit verbunden sind und wie diese subjektiv empfunden werden. Wenn man sich von der Norm unterscheidet, braucht man Selbstakzeptanz, eine hohe Resilienz und ein, im Grunde von Kind an, akzeptierendes Umfeld, damit diese Andersartigkeits-Traumata gar nicht erst entstehen.

Es gibt diverse sexuelle Neigungen und keine davon bedeutet, nicht lieben zu können oder zu wollen oder nicht liebenswert zu sein. Diese Annahme ist genauso falsch, wie zu glauben, Autisten wären a-sexuell, weil sie keine Emotionen und keine Empathie hätten, keine Zuneigung geben könnten und sich auch nicht danach sehnen würden.

Das Leben ist bunt, Menschen sind verschieden und die Möglichkeiten vielfältig. Offenheit und Toleranz sich selbst und anderen gegenüber sind allerdings Voraussetzung dafür, dass jeder, egal wer, wie und was er ist, seinen Platz in unserer Gesellschaft finden kann. Und hier gibt es leider immer noch eine Menge zu tun.

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Was das Thema Partnerwunsch betrifft, hier noch zwei Adressen:

AVEN ist eine Partnervermittlung für Asexuelle und bei Handicap Love können sich Menschen finden, die anders sind, mit und ohne Behinderung. Ich kann Euch leider nicht sagen, wie das in diesen Börsen und Foren läuft, da ich mich nicht angemeldet habe. Aber ich habe mir sagen lassen, dass beide Adressen seriös sind und man durchaus Chancen hat auf ein Match.