Themenwelt –  Autismus

Immer diese Veränderungen

Ein kleines Update

Warum ich gerade nicht wie gewohnt blogge

Leute, sorry, aber momentan bin ich nicht in meiner Bestform. Ich wollte diese Woche eigentlich einen Artikel über Diplomatie schreiben. Das war die Anregung eines Aspies Mitgliedes und ich werde sie auch sicherlich demnächst aufgreifen. Versprochen! Aber meine Junghündin Luna bringt gerade mein komplettes Leben durcheinander. Sie ist toll, sie erfüllt alles, was ich mir gewünscht habe und ich würde sie nie mehr hergeben. Allerdings habe ich jetzt eine Vorstellung davon, wie es Autisten gehen muss, wenn sie Eltern werden. Natürlich hinkt dieser Vergleich, trotzdem gibt es Parallelen. Ganz vorneweg eben die, dass von Tag eins des Neuankömmlings sämtliche Strukturen und Routinen hinüber sind. Und damit meine Hochfunktionalität einen riesen Knacks erlebt. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, aber aus welchem Grund auch immer habe ich dieses Problem nicht auf dem Schirm gehabt. Umso mehr haut es jetzt rein. Darunter leidet auch mein Blog, nicht zu reden von meinem Youtube Kanal. An Videos ist grad gar nicht zu denken.

Ich bin nicht fokussiert, ich fange einen Text mehrmals an und keine Version gefällt mir. Ich kann nicht zu meinen gewohnten  Zeiten schreiben und recherchieren, und ich habe zu viele Unterbrechungen, weil der schwarze Wildfang ihre Aufmerksamkeit braucht und fordert und vor allem erzogen werden muss. Das Tierchen zu beschäftigen und zu trainieren steht grad an erster Stelle, das ist für mich als Autistin nicht einfach. Technisch ist es nicht kompliziert, es erfordert aber eine Menge Multitasking. Wir haben eine Trainerin. Sie ist ein total Liebe und super mit Luna. Ich muss mit ihr aber intensiv kommunizieren und muss ständig alle Kanäle offen haben. Ich muss ihr zuhören, ich muss behalten, was sie sagt und in welcher Reihenfolge ich agieren muss, ich muss meinen Hund beobachten usw. Und am Ende mache ich alles doch so, wie es für mich passt, weil ich ihre Version nicht umsetzen kann. Kennt das jemand? Das war jetzt eine rhetorische Frage 😉

Jedenfalls kriege ich meinen eigenen Kram grad nicht mehr auf die Reihe. Das sieht dann ungefähr so aus:
Ich mache die Kaffeemaschine an und stelle keine Tasse drunter. Ich verlege Sachen und finde sie nicht wieder. Ich parke mein Auto und erinnere mich nicht, wo. Ich gehe dreimal einkaufen, weil ich jedes Mal etwas vergesse. Einkaufszettel? Klar, aber was hilft mir der, wenn er daheim auf dem Tisch liegt oder in der anderen Tasche ist? Ich weiß nicht mehr, was ich gegessen habe und wann, weil meine Zeiten durcheinander sind. Ihr erinnert Euch: Ich kann mich nicht auf sowas wie Hungergefühle verlassen. Trinken ist noch schlimmer. Ich habe eine App, die mich erinnern soll, aber ich vergesse, sie zu benutzen. Ich hätte eigentlich für jedes Problem irgendeinen Trick oder eine Lösung, aber ich greife nicht darauf zu, weil ich sie in dem Moment, in dem ich sie brauche, nicht abrufen kann. Von all dem bin ich so müde, dass ich einschlafe, sobald Luna schläft.

Dann natürlich noch das leidige Thema Kommunikation: Mütter oder Väter kleiner Kinder müssen mit den Müttern oder Vätern anderer kleiner Kinder auf dem Spielplatz smalltalken; ich werde ständig angesprochen auf meine Hündin. Sie ist einfach ein Blickfang und jeder, der uns sieht, will wissen, woher ich sie habe, welche Rasse (Pointer-Labrador-Mix mit der Betonung auf Pointer), wie alt und was man halt so unter Hundehaltern redet; gerne und ausgiebig. Wenn man nicht autistisch ist. Zum Glück hat Luna auch einige autistische Eigenschaften, sofern man das von einem Hund sagen kann. Sie geht so gar nicht auf andere zu, auch nicht auf Ihresgleichen. Sie will mich und ansonsten schlafen, fressen und schnüffeln. Leider wird das oft genug nicht respektiert. Neulich im Tiergeschäft war z.B. eine Dame, die sie trotz meiner Bitte einfach nicht in Ruhe gelassen hat. Versteh einer die Menschen!

So, und was jetzt?

Als ich neulich mal wieder eine Ewigkeit mein Auto gesucht habe, hat das nochmal so etwas wie eine Trauerphase ausgelöst, u.a. weil ich selbst freudvolle Dinge nicht so locker angehen kann, wie andere Menschen, und das wird auch so bleiben. Tja, der Begriff „Behinderung“ hat für Autismus durchaus seine Berechtigung, auch wenn diese Einschränkungen in guten (=gleichmäßigen und ruhigen) Phasen zumindest für mich durchaus handelbar sind. Exekutive Dysfunktion ist eben mein größtes Problem.

Es ist keine gute Idee, etwas einfach auf mich zukommen zu lassen und zu sehen, was wird. Klar kann man nicht alles bis ins Detail planen, aber als AutistIn sollte man sich zumindest innerlich darauf einstellen, dass jede noch so freudige Veränderung eben eine Veränderung ist und die Alltagskompatibilität auf den Kopf stellt. Ohne Konjunktiv. Ich glaube, es gibt keinen Autisten, bei dem das anders ist. Der Unterschied liegt vermutlich auch hier lediglich in der Intensität. Hochintelligent? Nutzt rein gar nichts in diesem Fall. Ich weiß allerdings auch jetzt noch nicht, was ich konkret in der Vorbereitungsphase hätte besser machen können. Was hat Euch geholfen in solchen Zeiten?

Luna und ich gehen jetzt in Woche vier. Wir lernen uns immer besser kennen, ich verstehe Ihre Signale, ich kenne ihre Zeiten, allein das macht es einfacher. Ich habe jetzt etwas mehr Ruhe in mein Leben gebracht, mich neu organisiert, meine Bude aufgeräumt, und zwar so, dass ich gleich finde, was ich brauche, und ich habe meine eigenen ToDo´s nach Prioritäten sortiert.

Ich konzentriere mich auf das Schöne. Ich wollte einen Hund, um mehr rauszukommen in die Natur, um ein neues Ziel zu finden, jenseits der ständigen Kopfarbeit. All das erfüllt sich. Ich habe eine Hündin, die zu mir passt und ich werde uns beiden die Zeit geben, die wir brauchen. Vielleicht suche ich mir in ein paar Wochen noch einen Hundesitter, damit ich einen Tag habe für Erledigungen, denn es wird noch eine Weile dauern, bis sie länger allein bleibt.

Dieser Artikel sollte einfach ein kleiner Zwischenbericht sein, ein Einblick, wie es mir gerade geht und warum ich momentan nicht so aktiv schreibe, wie Ihr das gewohnt seid. Sobald ich soweit bin, geht´s hier weiter. Schließlich wird jede Veränderung irgendwann zur Routine! Was ich mit Youtube mache, werde ich dann sehen. Wenn ich eine Entscheidung treffen muss, wird sie immer für den Blog sein, denn ich habe längst erkannt, dass mir Schreiben viel mehr liegt, als (öffentlich und für ein anonymes Publikum) zu reden.

Bis bald, Ani