Themenwelt –  Autismus

Reha und Autismus

Geht das?

Reha in der Berolina Klinik, eine Autistin erzählt

Vorwort:

Autisten haben´s oft nicht leicht. Ihre hochsensitive Wahrnehmung führt häufig zu Reizüberflutungen und ihr eher rationales Verständnis von der Welt bietet eine Menge Konfliktpotenzial. Auch haben viele mit der Diskrepanz zu kämpfen, Kontakte zu anderen einerseits zu brauchen aber andererseits nur bedingt aushalten zu können. Depressionen und andere Komorbiditäten können die Folgen sein.
Nicht autistische Menschen beantragen eine Reha, wenn sie ihren Alltag kaum noch bewältigen können, und finden dort Hilfe. Dabei profitieren sie vor allem von der Gemeinschaft und dem Austausch mit Gleichgesinnten. Entsprechend sind diese Einrichtungen vor allem auf Gruppendynamik ausgerichtet. Das packen viele Autisten nicht.
Ein weiterer Punkt erschwert es ihnen, überhaupt eine Rehabilitation genehmigt zu bekommen: Die vielen Mythen rund um Autismus, die auch vor denen nicht halt machen, die es eigentlich besser wissen müssten. So besteht die Meinung hartnäckig, Autismus wäre therapeutisch nicht beeinflussbar. Rehanaträge werden deshalb häufig gar nicht erst genehmigt. Ja, es stimmt, dass Autismus als angeborene Entwicklungsstörung nicht wegtherapierbar ist; und doch gibt es hier einen entscheidenden Denkfehler: Es geht nicht darum, Autismus zu therapieren, sondern Autisten zu helfen, ihr Leben so auszurichten, dass sie mit ihrer Art zu sein möglichst gut leben können. Angebote, egal ob ambulant oder stationär, die diesen Bedarf für Erwachsene decken, sind leider viel zu selten.

Eine Autistin (sie möchte anonym bleiben) hat es dennoch gewagt. Sie hat sich durch das Antragsverfahren gekämpft und ein paar Wochen in der Berolina Klinik verbracht, einer Einrichtung, die zumindest auf Autisten eingestellt zu sein scheint.
Die Autorin stellt uns in ihrem Gastartikel ihre Erfahrungen zur Verfügung und beantwortet die häufigsten Fragen, die Autisten immer wieder umtreiben, wenn es darum geht: Reha mit Autismus, geht das?

Hallo zusammen!

Dieser Artikel ist entstanden, weil im Aspies- Forum und auch in Selbsthilfegruppen immer wieder die Frage aufkam, ob vor dem von Ani skizzierten Hintergrund eine Reha für Menschen mit Autismus überhaupt sinnvoll ist. Diese Frage stellen nicht nur wir Autisten uns:

„Ist die Behandlung von Patienten mit einem Asperger-Syndrom in einer psychosomatischen Reha sinnvoll?“

So lautet die Überschrift des so ziemlich einzigen Treffers, wenn man mit einer Suchmaschine im Internet nach einer (Reha-)Klinik mit Erfahrung mit autistischen Patienten sucht und die Angebote von Privatkliniken oder Kliniken für Kinder und Jugendliche ausblendet. Hinter dieser Überschrift verbirgt sich ein Artikel aus dem Jahr 2015, in dem die Berolina Klinik in Löhne bei Bad Oeynhausen sich mit Besonderheiten und Bedarfen von Patienten mit einem Asperger-Syndrom befasst[1]. Wenn man bedenkt, dass etwa 1% der Bevölkerung von Autismus betroffen ist,[2] ist es irgendwie erschreckend, dass sich in Deutschland bisher anscheinend nur eine Reha-Klinik mit den Bedürfnissen von autistischen Menschen befasst hat. Es ist sehr zu hoffen, dass andere Kliniken nachziehen.

Doch nun zurück zu der Ausgangsfrage: Ist die Behandlung von Patienten mit einem Asperger-Syndrom in einer psychosomatischen Reha sinnvoll?
Unklar bleibt, für wen die Behandlung von Menschen mit Asperger in einer Reha sinnvoll sein könnte.
Mit Blick auf die hohe Zahl der gutqualifizierten Menschen mit Autismus, die frühzeitig berentet werden, weil sie im Arbeitsleben scheitern[3], fallen mir als erstes die Deutsche Rentenversicherung und die Agentur für Arbeit ein, die es theoretisch sinnvoll finden könnten, wenn Menschen mit Autismus es mit Hilfe einer Reha schaffen, im Arbeitsleben zu bleiben und nicht schon mit 40 und autistischem BurnOut[4] berentet oder arbeitslos daheim sitzen.

Doch vielleicht fragt sich auch eine Reha-Klinik selbst, ob die Behandlung von Patienten mit Autismus für sie sinnvoll ist. Ja, die Behandlung von Menschen mit Autismus kann heißen, dass Behandler mit schonungslos ehrlichen Rückmeldungen rechnen müssen, dass besondere Bedürfnisse berücksichtigt werden wollen, dass Sand ins Getriebe[5] kommt. Und vor allem, wie das Sprichwort „Kennst du einen Autisten, kennst du EINEN Autisten“, besagt, dass es schwer ist, im Vorfeld abzusehen, wo genau im Spektrum[6] der Patient sich befinden wird, was er benötigt – und was auf die Behandelnden zukommt.

Doch da ich hier als in der Selbsthilfe autistischer Menschen Aktive schreibe, steht für mich die Frage im Vordergrund, ob für Autisten selbst die Behandlung in einer psychosomatischen Reha sinnvoll ist. Mangels Vergleich kann ich die Frage im Konkreten nur auf die Berolina Klinik beziehen, wo ich nun meine erste Reha verbrachte.
Tatsächlich finde ich die Frage nicht leicht zu beantworten. Reha heißt in der Regel, und somit auch in der Berolina Klinik, dass man mit Dutzenden von Menschen in einem großen und lauten Speisesaal isst. Reha heißt, dass wöchentlich eine Menge Menschen ab- und neue anreisen. Und wer sich Gesichter eh schon kaum merken kann, fühlt sich ständig umgeben von lauter Fremden. Auch der individuelle Therapieplan führt dazu, dass man nicht, wie in der Schule, immer mit den gleichen Leuten zusammen ist und zu den stets gleichbleibenden Zeiten Gymnastik, Gesprächsgruppe, Kunsttherapie etc. hat. Auch hier trifft man jeweils auf verschiedene Personen und die Zeiten wechseln von Woche zu Woche. Allein die äußeren Umstände der Reha können also zunächst mal Stress bedeuten.

Und dennoch würde ich sagen, dass die Behandlung in der Berolina Klinik für mich sinnvoll war. Grundsätzlich dürften Autisten davon profitieren, dass in der Berolina Klinik schwerpunktmäßig Migräne-Patienten behandelt werden. Allein schon deshalb ist die Klinik vergleichsweise reizarm. Dazu kommt, dass zwei Parks in unmittelbarer Nähe der Klinik sind, so dass man schnell im Grünen ist und kein Verkehrslärm zu hören ist. Auch hat jeder ein Einzelzimmer mit Bad, und somit seinen eigenen Rückzugsort.

Mit Blick auf den eklatanten Mangel an Therapeuten mit Autismus-Kompetenz rät Silke Lipinski dazu, einen zu suchen, der offen ist für autistische Besonderheiten[7]. Übertragen auf Reha-Kliniken würde ich das so formulieren: So lange es noch keine Reha-Kliniken gibt, deren äußere Umstände den Bedürfnissen von autistischen Menschen gerecht werden, ist es erfreulich, dass es Kliniken wie die Berolina gibt, die das im Rahmen ihrer Möglichkeiten stehende tun, um die besonderen Bedürfnisse ihrer autistischen Patienten zu ergründen und diese dann auch berücksichtigen.
Eine zentrale Erfahrung, die ich in der Berolina Klinik machen durfte, ist, dass Menschen ermutigt werden ihre Bedürfnisse zu benennen – und diese wahrgenommen und beachtet werden. Ich denke für alle Menschen ist es wichtig, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Und doch glaube ich, dass dies gerade für Menschen mit Autismus von besonderer Bedeutung sein kann, da viele von ihnen nur allzu oft erleben mussten, dass sie sich an eine neurotypische Welt anpassen mussten – und dabei seelisch krank geworden sind.

In der Berolina Klinik werden Patienten mit einer Autismus- bzw. Asperger-Diagnose in der Regel auf die Station 2 aufgenommen, eine Station, auf der man spürbar Erfahrung hat mit Patienten mit Autismus. Und zwar von der Reinigungskraft, die den Spagat zwischen Zimmerreinigung und Akzeptanz autistischer Ordnung vollbringt, über die Krankenschwester, die Verständnis hat für Katastrophen aller Art („Der Therapieplan hat sich geändert! Die Welt geht unter!“) bis zur Oberärztin, die ein gutes Gespür für typische Problemfelder von Menschen mit Autismus hat.

In Bezug auf die stationsübergreifend stattfindenden Therapien hatte ich den Eindruck, dass vor allem die älteren Mitarbeitenden auch intuitiv gut mit autistischen Besonderheiten umgehen konnten. Anders als im eingangs zitierten Text dargestellt, waren aber nicht alle Mitarbeitenden im Vorfeld informiert worden, dass ich als Patientin mit Autismus in ihrer Therapiegruppe sein würde. Es wurde mit mir auch nicht geklärt, was es braucht, damit ich gut an Gruppentherapien teilnehmen kann. Das führte dazu, dass die jeweils ersten Termine sehr kräfteraubend für mich waren. Partner-Interviews mit sich gegenseitig vorstellen rangieren nicht nur auf meiner persönlichen No-go-Liste ganz vorne, sondern eher allgemein bei Menschen mit Autismus, wie meine nicht repräsentative Umfrage in meiner Selbsthilfegruppe ergab. Jedoch gelang es den Therapeuten immer ihr „Programm“ an meine Möglichkeiten anzupassen, wenn ich ihnen sagte, dass ich von Autismus und den entsprechenden Besonderheiten im Bereich der Wahrnehmung, Kommunikation und Interaktion betroffen bin. Die Auswahl an Therapien und Freizeitangeboten ist groß. Es ist schade, dass aus deren Homepage nicht hervorgeht, was in der Berolina Klinik so alles angeboten wird. Man hat die Möglichkeit vieles kennen zu lernen. Ich denke, Menschen mit Autismus profitieren davon, dass Achtsamkeit und Psychoedukation zwei Grundpfeiler im Bereich der psychologischen Therapien darstellen. Denn ich hätte mich von gruppendynamischen Ansätzen überfordert gefühlt.
Für mich persönlich war es eine wertvolle Erfahrung, so akzeptiert zu werden, wie ich bin. In den Therapien lernte ich, wie ich zum einen selbst die durch meine Behinderung vorhandenen Einschränkungen annehmen und mit ihnen bestmöglich leben kann und zum anderen den Mut finde, gegenüber anderen zu meiner Behinderung und zu meinen besonderen Bedürfnissen zu stehen.

Um wieder zur Eingangsfrage zurückzukehren: Ich persönlich kann mit Blick auf meine Erfahrungen sagen, dass die Behandlung in der psychosomatischen Reha-Klinik Berolina für mich sinnvoll war – auch wenn die äußeren Umstände mitunter viel Stress bedeutet haben.

Für die, die sich jetzt noch ausführlicher für meine Erfahrungen in der Berolina Klinik interessieren, habe ich hier noch ein paar Fragen beantwortet, die mir gestellt wurden:

Fangen wir mal am Anfang an: Wie läuft das Reha Verfahren?

Die Berolina Klinik ist eine Reha-Klinik. D.h. man muss einen Antrag auf Rehabilitation stellen. In meinem Fall sah das so aus, dass mir meine Hausärztin ein Formblatt gab, mit dem ich zu meiner Krankenkasse musste. Die Krankenkasse klärte, dass die Deutsche Rentenversicherung (DRV) in meinem Fall der Kostenträger ist, da ich seit einigen Jahren berufstätig bin. Manchmal kann auch die Krankenkasse der Kostenträger sein, insbesondere für Menschen, die eben nicht im Arbeitsleben stehen. Mit Unterlagen von der Krankenkasse bin ich wieder zur Hausärztin, die dann den Antrag stellte. Irgendwann schickte die DRV mir viele Formblätter zu, auf denen ich vor dem Zurückschicken auch vermerkte, dass ich in die Berolina Klinik möchte. Man hat nämlich ein Wahlrecht. Das muss man wissen, da es dafür nirgends ein Eintragungsfeld gibt. Kurz darauf kam dann auch schon die Ablehnung meines Antrags. Also habe ich einen begründeten Widerspruch eingelegt. Auch die Hausärztin musste nochmal etwas schreiben. Schließlich kam die Zusage für 5 Wochen Reha. (In der Berolina Klinik wurde dann noch eine Verlängerungswoche beantragt.)

Laut der Berolina Klinik klappt es normalerweise, dass autistische Patienten sehr frühzeitig ihr ungefähres Aufnahmedatum erfahren können. Wegen Corona funktionierte das leider nicht. Bei Bedarf kann man vorher die Oberärztin der Station 2 (der Station für Autisten) kontaktieren und offene Fragen klären. Ich hatte erst versucht, ihr zu mailen, sie rief dann zurück. Falls man mit Telefonieren große Probleme hat, muss man das vermutlich deutlich mitteilen. Im Allgemeinen wird Konversation via Mail akzeptiert.

Wer sind die Mitpatient*innen?

Zu meiner Zeit waren ca. 60 % der Reha-Patienten weiblich und vom Alter her ca. Anfang bis Ende 50. Etwa 15% waren Männer in derselben Altersgruppe und jeweils etwa 10% waren Männer bzw. Frauen zwischen Mitte 20 und Mitte 40. (Sonstige Varianten fallen unter die letzten 5%)  Da man Autisten äußerlich nicht erkennt und ich nicht allzu kontaktfreudig bin, kann ich die Autistenquote schlecht benennen, doch sie scheint eher niedrig gewesen zu sein. Ich traf nur auf einen anderen Autisten. Jedoch gab es einzelne Patienten, die davon berichteten, von AD(H)S oder Hochsensibilität betroffen zu sein, die also auch nicht neurotypisch waren.

Wie läuft das mit den Therapien?

Aufnahmen finden dienstags und mittwochs statt. Am Tag der Ankunft oder am Folgetag erarbeiten Patient und Stationsarzt einen Therapieplan. D.h. es werden geeignete Angebote ausgewählt. An Einzeltherapien hat jeder einmal wöchentlich ein 50-minütiges Gespräch mit einem Psychologen. Ein Therapeutenwechsel ist nicht vorgesehen, außer bei Krankheit oder Urlaub. Zusätzlich kann man bei Bedarf zu einem kurzen Gespräch in die Sprechstunde des Therapeuten kommen. In der Berolina Klinik scheinen die meisten Therapeuten verhaltenstherapeutisch ausgerichtet zu sein, ein paar auch tiefenpsychologisch. Auch wöchentliche Arztvisiten gehören zum Programm. Termine mit dem Sozialdienst können bei Bedarf vereinbart werden. Das gleiche gilt für die Diätberatung. Daneben gibt es bei Bedarf im physio- und im ergotherapeutischen Bereich Einzeltherapien. Zudem bekommt jeder einmal pro Woche eine Wärmepackung und eine Massage oder eine VelusJet-Massage (Wasserstrahlmassage auf dem Wasserbett).

Andere Therapien sind in der Gruppe. An psychologischen Gruppentherapien gibt es, je nach Anliegen, die Work-Balance-Gruppe, das Selbstsicherheitstraining, Stressbewältigung sowie die Depressionsgruppe und die Angstgruppe. Daneben besteht für Schmerzpatienten noch eine Schmerzgruppe. Von diesen 6 Gruppenangeboten besucht jeder mindestens zwei, maximal drei. Die Gruppen sind vorrangig psychoedukativ ausgerichtet, d.h. es wird Wissen vermittelt. Aber es findet auch ein Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmenden statt. Zusätzlich wird jeder Patient einer Basisgruppe zugeordnet. Das ist eine Gruppe, die sich zweimal wöchentlich trifft und von einem Therapeuten begleitet wird. Dort kann über alle Themen gesprochen werden, die die Teilnehmenden bewegen. Und jeder nimmt an einer Achtsamkeitsgruppe teil.

Weiter gibt es Bewegungstherapien wie Funktions- und/oder Wassergymnastik, Gerätetraining (MTT), Entspannungsverfahren (Feldenkrais, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Yoga, Pilates) und Nordic Walking oder Walking. Angeboten werden auch eine Gestaltungsgruppe (Ergotherapie), Kunsttherapie oder intuitives Malen.

Und es gibt eine Gruppe mit Imaginationsübungen, den Genussspaziergang, bei dem die Natur mit allen Sinnen erlebt werden soll, Kochen in der Lehrküche, Wannenbäder zur Entspannung, Wechselstromanwendungen, besondere ergotherapeutische Angebote (z.B. Sandkasten zur Handgymnastik), Biofeedback und anderes. Wobei die letzteren Angebote vor allem Patienten mit orthopädischen oder neurologischen Problemen (wie z.B. Migräne) betreffen.

In den ersten Wochen stehen mehrere Vorträge zu Krankheitsbildern (Depression, Angst etc.) und Gesundheitsthemen (z.B. Alltagsdrogen) auf dem Programm. Jeden Freitag erhält man den Therapieplan für die Folgewoche. Pro Tag hat man etwa 3 bis 6 Anwendungen, die aus den oben genannten Elementen bestehen. So kann ein Tag z.B. folgendermaßen aussehen:

7 – 9 Uhr Frühstückszeit
9 Uhr Wassergymnastik (25 min)
10 Uhr Psychologisches Einzelgespräch (50 min)
12 – 13 Uhr Mittagsessenszeit
13 Uhr Achtsamkeitsgruppe (45 min)
14 Uhr Kunsttherapie (90 min)
16 Uhr Vortrag „Stressbewältigung“ (45 min)
17:30 – 18:30 Uhr Abendessenszeit
Freizeitangebote (freiwillig)

Der Therapieplan und auch die Therapeuten der Sport- und Entspannungstherapien wechseln von Woche zu Woche. Genauso auch die Patienten in diesen Gruppen. Gleichbleibend ist die Zusammensetzung in den psychologischen Gruppentherapien.

Was ist, wenn jemand so gar nicht mit Gruppen klar kommt?

Ich kann nicht sagen, wie es gehandhabt wird, wenn jemand mit Gruppen gar nicht klar kommt, weil ich damit grundsätzlich keine Probleme habe. Ich wurde von den Ärzten immer wieder gefragt, ob das mit dem Therapieplan und den Gruppen geht oder ob mir etwas (oder die Gruppen überhaupt) zu viel sind. Einzelne Therapien ließ ich wieder absetzen und das ging problemlos. Ich weiß nicht ob es ein Minimum an Gruppen gibt, die man besuchen muss. In allen Gruppen wurden die Teilnehmenden ermutigt, zu prüfen, ob die Teilnahme für sie wirklich passt – oder ob sie die Gruppe lieber nicht besuchen wollen.

Was sicher auch viele interessiert ist, wie das mit dem Essen ist?

Mittags stehen 3 Gerichte zur Auswahl, davon eines vegetarisch. Dazu gibt es Nachtisch und manchmal einen Salat. Grundsätzlich kann man auch die Beilagen oder Teile der einzelnen Gerichte miteinander kombinieren.

Morgens und abends gibt es ein Buffet mit allem was es so klassischerweise bei einem Buffet gibt.
Sonntags findet den ganzen Vormittag über ein Brunch statt und dann gibt es auch Sachen wie Rührei, Würstchen oder Speck.
Was ich besonders gut fand, ist, dass Tüten ausliegen damit man sich auch etwas zu essen mitnehmen kann.

Wenn ärztlich attestierte besondere Ernährungsbedürfnisse vorliegen, kann man die im Vorfeld angeben und sie werden berücksichtigt. Andernfalls kann man in der ersten Woche einen Termin mit einer Diätberaterin wahrnehmen und mit dieser besprechen, welche Optionen bzw. Kompromisse es gibt. Mein Eindruck hier war, dass meine Diätassistentin zwar zunächst mit sich rang, ob sie einen besonderen Wunsch, der mit meinem Autismus zusammenhing, auch ohne somatische Gründe berücksichtigen sollte. Doch sie schien sich mit der Problematik der Ernährung bei Autismus auszukennen, und kam mir schlussendlich sehr entgegen.

Jeder Patient wird einem Tisch fest zugeordnet. Das kann einerseits hilfreich sein, weil man einen gleichbleibenden Platz und eine soziale Bezugsgruppe hat, andererseits anstrengend, wenn man an einem Tisch mitten im Raum oder umgeben von „Konversationssüchtigen“ landet. Doch nach Rücksprache kann man den Platz auch wechseln. Grundsätzlich ist die Situation im Speisesaal, in den grundsätzlich bis zu 240 Personen reinpassen, eher suboptimal für Autisten, doch man kann versuchen die vollsten Zeiten zu meiden.

Unter der Woche muss man am Frühstück und Mittagessen teilnehmen. Von allen anderen Mahlzeiten kann man sich abmelden. „Teilnehmen“ kann zum Glück auch heißen, dass man sein Tablett an seinem Platz abstellt, alles in Tüten stopft, das Besteck auf den dann leeren Teller legt, die Flucht ergreift und sonstwo in Ruhe isst.

Wie ist die Umgebung der Klinik? Was kann man in seiner Freizeit unternehmen?

Bad Oeynhausen hat mehr als ein Dutzend (Kur-)Kliniken. Das prägt die Stadt. Es gibt einen großen Kurpark und wie schon erwähnt, weitere kleinere Parks. Mehrmals wöchentlich finden öffentliche und kostenfreie Kurkonzerte statt, auch sonst bietet die Stadt viele Freizeitangebote für ihre Gäste, wie Führungen, Waldbaden, Comedy Events, Open Air Kino u.ä. Es gibt viele Cafés, Bars und Restaurants, eine Drogerie, einen Buchladen, Bekleidungsgeschäfte, Apotheken, Banken, ein Theater, ein Museum, ein Wildtiergehege, einen Fahrradverleih und eine Therme. Ein Hochseilgarten und ein Supermarkt sind in der Nähe der Berolina Klinik. Von der Klinik aus sind es zu Fuß etwa 10 Minuten bis ins Zentrum von Bad Oeynhausen. Durch die Stadt fahren ein Bimmelbähnchen und mehrere Busse. Am Stadtrand ist der Werre Park, das ist ein Shopping-Center mit Kino.

Besonders erfreulich für Autisten mag sein, dass es zahlreiche aber zum Glück wenig besuchte Spielplätze mit Nestschaukeln und anderen spannenden Dingen gibt. Auch die landschaftliche Vielfalt lädt zum Genießen ein.

Die Berolina Klinik selbst hat auch ein reichhaltiges Freizeitangebot, vor allem wenn nicht gerade Corona- Ausnahmezustand herrscht. Dieses reicht von Kreativangeboten wie Schmuck basteln, filzen oder Kuscheltiere nähen über Gedächtnistraining, Filmabende und Sport- und Musikangebote (wie Drums Alive) bis hin zu Wanderungen und Dampferfahrten am Wochenende. Daneben kann man in seiner Freizeit das Schwimmbad und den Gerätetrainingsraum nutzen und es gibt einen Kiosk mit Kaffee, Kuchen, Zeitschriften usw. Man kann sich rund um die Uhr kostenfrei Tee zubereiten und es gibt Getränkeautomaten. Rund um die Klinik ist eine große Rasenfläche, auf der Liegestühle stehen. Es gibt einen Raum der Stille und einen Wintergarten als weitere Aufenthaltsorte. Im Wintergarten gibt es Computer mit Internetzugang zur freien Nutzung, es gibt einen Spieleschrank, DVDs und Bücher.

Jedes Zimmer hat einen Fernseher mit etwa 60, vornehmlich deutschsprachigen, Programmen und Radiosendern. Der WLAN-Empfang ist allgemein eher schlecht, das Klinik-WLAN kostet 1,50 Euro am Tag (Stand: Juli 2020). Die Bewohner der Zimmer, die Richtung Kurpark liegen, können sich jedoch (legal) in ein kostenfreies WLAN-Netz in der Nachbarschaft einloggen. Die auf der anderen Seite haben dafür eine schönere Aussicht. 🙂

Und nach der Reha?

Es wird schon sehr früh geprüft, welche Hilfen es für die Patienten für die Zeit nach der Reha geben kann. Die Klinik hat u.a. eine Auszeichnung als selbsthilfefreundliche Klinik, d.h. man kann sich zu Selbsthilfeoptionen beraten lassen. Genauso auch zur Beantragung eines Grades der Behinderung oder bei anderen sozialrechtlichen Fragen. Klassische Angebote für nach der Reha sind Rehasport, die stufenweise Wiedereingliederung und Psyrena. Das ist eine Gruppentherapie, die deutschlandweit für ehemalige Reha-Patienten angeboten wird und ein Vor- sowie Abschlussgespräch sowie 25 Gruppentherapietermine umfasst. Das kann hilfreich sein, wenn es gilt, die Wartezeit auf eine (Einzel-)Therapie zu überbrücken, aber auch wenn die Krankenkasse keine Therapiestunden mehr zahlt. Psyrena ist eine Leistung der DRV – und kann in besonderen Fällen auch als Einzeltherapie angeboten werden.

Rehasport umfasst Gymnastik und Bewegung in einer ambulanten Gruppe am Wohnort. Stundenweise Wiedereingliederung heißt, dass der Sozialdienst mit dem Arbeitgeber klärt, dass man nach der Reha zunächst nur stundenweise in den Job zurück geht. Das läuft meist über 4 Wochen, um sich wieder einzugewöhnen.

Die Klinik selbst veranstaltet jährlich ein Sommerfest für alle ehemaligen Patienten.

Schreibt gerne Eure Fragen und eigenen Erfahrungen in die Kommentare. Ich werde sie dann an die Verfasserin des Artikels weiterleiten.

 Literatur:
Bangemann, Kerstin et al. (2015): Ist die Behandlung Patienten mit einem Asperger-Syndrom in einer psychosomatischen Reha sinnvoll?“ URL: https://www.berolinaklinik.de/ireha-fachportal/klinikprojekte/klinikprojekt/ist-die-behandlung-von-patienten-mit-einem-asperger-syndrom-in-einer-psychosomatischen-reha-sinnvoll/ [17.07.2020]
DeWeerdt, Sarah (2020): Autistic burnout, explained. URL: https://www.spectrumnews.org/news/autistic-burnout-explained/ [17.07.2020]
Lipinski, Silke (2020): Autismus. Das Selbsthilfebuch. Balance Verlag
Lynch, C.L. (2019): “It’s a Spectrum” Doesn’t Mean What You Think. URL: https://neuroclastic.com/2019/05/04/its-a-spectrum-doesnt-mean-what-you-think/ [17.07.2020]
Preissmann, Christine (2020): Mit Autismus leben. Eine Ermutigung. Verlag Klett-Cotta
Tebartz van Elst, Ludger (2015): Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter und andere hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störungen. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
[1]https://www.berolinaklinik.de/ireha-fachportal/klinikprojekte/klinikprojekt/ist-die-behandlung-von-patienten-mit-einem-asperger-syndrom-in-einer-psychosomatischen-reha-sinnvoll/
[2]Lipinski 2020, S. 27
[3]Vgl. Tebartz van Elst 2015
[4]Vgl. DeWeerdt 2020
[5]„Sand ins Getriebe“ ist eine Redewendung, die besagt dass gewohnte Abläufe gestört werden.
[6]Vgl. Lynch 2019
[7]Lipinski 2020, S. 105 und 110