Themenwelt –  Mental Health

Hier und doch nicht da

Kühlschrankeltern

Emotionale Vernachlässigung und ihre Folgen

Eigentlich wart Ihr in Eurer Kindheit gut versorgt. Es hat an nichts gefehlt. Eure Eltern haben Euch in Ihrem x-irgendwas BMW zum Kindergarten, zur Schule, zum Musikunterricht, zum Basketball und zu Euren Freunden gefahren. Wenn Mama nicht wie so oft nachmittags Ihre Ruhe brauchte, durftet Ihr sogar im eigenen Pool baden. Mindestens dreimal im Jahr Urlaub war Standard. Fernreise natürlich. Studium? Kein Problem, Papa hat genug verdient.

Aber irgendwas hat immer gefehlt. Wenn Ihr krank wart, wurdet Ihr ins Bett geschickt, mit Paracetamol und Micky Mouse. Vielleicht hat Mama ab und zu mal den Kopf reingestreckt, einen Tee auf´s Nachtkästchen gestellt und gecheckt, ob das Fieber endlich weg ist. Schließlich wart Ihr ja schuld, dass sie Urlaubstage opfern musste, ganz abgesehen vom versäumten Sektfrühstück mit Ihren Freundinnen. Trösten, kuscheln? Fehlanzeige. Und natürlich war Papa auf Dienstreise, als Ihr bei der Schulmeisterschaft beim Basketball das entscheidende Tor reingehauen habt. „Das musst Du verstehen. Wenn Papa nicht so viel arbeiten würde, könnten wir uns das alles nicht leisten.“

Soll aber niemand sagen, Ihr hättet keine Aufmerksamkeit bekommen! Ich meine nicht die Eins in Englisch. Nein! Eine Eins ist selbstverständlich und nicht der Rede wert. Aber eine Drei in Latein oder eine Vier in Mathe, da war Polen offen. Das hat gereicht für 100 % Zuwendung über mehrere Tage. Ich meine nicht Schläge. Das nicht. Zum Glück. Körperliche Misshandlung wäre doch viel schlimmer gewesen. Oder nicht?
Jedenfalls wurde ein Lernprogramm aufgestellt, das seinesgleichen suchte, natürlich unter Oberaufsicht der Frau Mutter. Da konnten der Job und die Freundinnen plötzlich warten. Ungern, aber man darf sich ja als Eltern nicht blamieren, nur weil das Aushängeschild mit der Aufschrift „Kind“ so ein Looser ist. Der Bub hat eine drei in Latein. Leute, was sagt das denn über die eigenen Gene! Und bei dem Stück von Beethoven trifft er einfach den Ton nicht. Mit der Drecksgeige, die Ihr nie haben wolltet, weil sie den Schamfaktor der Blockflöte noch um Welten übersteigt. Wie undankbar!
Na, und dass der kleine Bruder mit seiner Neurodermitis die Eltern mehr brauchte als Ihr, das versteht Ihr doch, oder? Seid froh, dass Ihr gesund wart. Da war es doch nun wirklich nicht zu viel verlangt, dass Ihr Euch mal ein paar Stunden alleine beschäftigen musstet.

Danke, liebe Eltern. Ihr habt Euren Kindern schon ganz früh in die Birne gebrannt, dass sie nur etwas Wert sind, wenn sie Fehler machen. Das muss man sich mal reinziehen. Das ist die perfidere Variante von „Ich mag Dich nur, wenn Du alles richtig machst.“ Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Zuwendung, emotional viel mehr als materiell. Letzteres ist nice to have, aber das Rüstzeug für´s Leben, da ist die spürbare und erfahrbare Liebe und Sicherheit der Eltern unübertroffen.

Lernt ein Kind, dass es nur für mega Leistungen zählt, wird es sich zukünftig als Versager fühlen, wenn einfach nur ein Komma fehlt. Wird es dagegen ausschließlich für das gesehen, das in den Augen der Eltern verwerflich ist, wird dieser Mensch zukünftig Fehler machen. Und zwar absichtlich. Denn negative Aufmerksamkeit wird immer besser sein als gar keine- oder sogar als positive, die er ja nicht kennt.. Jedoch, Bestrafung, Degradierung, Schuldzuweisung, Verarschung tun verdammt weh. Egal, ob man es geradezu provoziert oder sich unbewusst so verhält, dass man entsprechend behandelt wird. Es schmerzt. Es traumatisiert. Jedes Mal auf´s neue. Und wer verletzt wird, der verletzt; sich selbst, andere, beides.

Emotionale Vernachlässigung wiegt oft schwerer als physische Gewalt. Sie bleibt lange im Verborgenen, für machen sogar für immer. Wo kein Kläger, da kein Richter. Hilfe bleibt aus.
Von außen betrachtet wirkt alles „easy peasy“ in diesen Familien, doch egal ob man die Leistungsvariante oder die Fehlervariante emotionaler Ignoranz wählt, die Bürde, die deren Opfer durch Ihr Leben schleppen, wiegt schwer.

Man braucht nicht viel Fantasie, um nachvollziehen zu können, was es mit dem Selbstwert und dem Selbstbewusstsein macht, wenn man als Kind die notwendige Nestwärme, das Vertrauen und den Schutz nicht bekommt, den man so dringend braucht.
Scheiß auf Swimmingpool und Fernreise. Auf Geige sowieso! Was habt Ihr davon, wenn Ihr an jeder Beziehung scheitert, weil Ihr immer wieder in dieselben Muster lauft, weil Ihr Euch immer die Partner sucht, die das mit Euch machen, was Ihr mit Euren Eltern erlebt habt.
Oder kein Stück besser: Vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht findet vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht. Die Suche nach Verbündeten ist oft der direkte Weg in die nächste Katastrophe.

Der Glaubenssatz, nicht zu genügen, verfolgt Euch im Job, in Freundschaften und in Euren Denkmustern. Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, ein Mangel an Empathie, fehlende Initiative, vermeidendes Verhalten, Angst vor Nähe und andere psychische Beeinträchtigungen machen Euch das Leben zusätzlich schwer.

Ein Glück, wenn da noch die Oma war, oder die Tante oder der Onkel, die emotional reifer waren und Euch zumindest ein bisschen von dem geben konnten, was Ihr so dringend gebraucht habt. Dann habt Ihr hoffentlich eine Idee davon, was ein gesundes emotionales Verhalten ausmacht. Dann wisst Ihr, wie sich Liebe anfühlt, wie man sie gibt und wie man sie empfängt. Möglicherweise hat Euer Weg später irgendwann eine Psychotherapie notwendig gemacht, die das eine oder andere aufdecken und heilen konnte. Und diejenigen, die ihre emotionalen Wunden geheilt haben, weil sie im Laufe Ihres Lebens ernsthaften, liebenden und liebevollen Menschen begegnet sind, die haben vermutlich den Jackpot.

Aber was machen die anderen, die keine Psychotherapeuten, keine liebevollen Freunde und Partner haben?

Ein paar Tips habe ich hier für Euch:

Emotionen wahrnehmen.

Emotionale Vernachlässigung bedeutet oft Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Emotionen.

Es gibt ganz unterschiedliche Charts im Internet, an denen Ihr Euch orientieren könnt, wenn Ihr so gar nicht wisst, was Ihr fühlt oder wie das heißt, was Ihr da spürt. Wenn Ihr Euch damit beschäftigt, bekommt Ihr eine Idee davon, wie Ihr Emotionen erkennt und wohin sie gehören.

Schreibt auf, was Ihr fühlt und wann. Auf diese Weise könnt Ihr Muster erkennen. Ergänzt das Ganze durch Eure Gedanken.

Tabelle:

Welche Situation- Was denke ich- Welche Emotion habe ich- Erkenntnis

Achtet auf Eure Bedürfnisse und Eure Grenzen und lernt, beides zu kommunizieren.

Macht eine Liste von Dingen, die Euch gut tun, die Eure Seele nähren.

Was braucht Ihr und von wem, und was nicht? Warum?

 

Umgebt Euch mit Menschen, die es ehrlich mit Euch meinen.

Schwierig für diejenigen, die sich nicht trauen, zu vertrauen. Gebt anderen eine Chance. Erlaubt den Menschen, die Ihr gerne in Eurem Leben hättet, Euch zu unterstützen, für Euch da zu sein. Nach und nach. Es muss nicht sofort die große Beichte sein. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, nie mehr verletzt zu werden, aber wenn Ihr Euch nicht traut, Euch anderen zu öffnen und zu nähern, werdet Ihr nie erfahren, wie es sein kann, wirklich geliebt zu werden.

Und jetzt noch ein Wort zu Euren Eltern.

Sie sind ebenfalls Opfer ihrer eigenen Eltern oder ihrer Lebensumstände. Wie gesagt, man gibt weiter, was man selbst erfährt.

Doch müsst Ihr Ihnen verzeihen, um zu heilen, ist das Voraussetzung?
Müssen tut Ihr gar nichts, aber ich denke, es könnte helfen.

Akzeptiert und verzeiht, was war.

Tut Ihr das nicht, habt Ihr ständig diese „vergifteten“ Gedanken. Ihr grübelt über das Vergangene nach und holt so immer wieder und wieder die Situationen, Verletzungen und Emotionen von damals zurück. Das ist, als würdet Ihr eine Wunde auf der Haut ständig wieder aufkratzen. Heilen kann sie so nicht und nicht anders verhält es sich mit unseren seelischen Wunden. Mal abgesehen von der Energie und der Macht, die Ihr denjenigen immer noch zuschreibt, die Euch dieses Leid zugefügt haben.

Akzeptanz und Vergebung sind positive Selbstachtung, und die ist essenziell, wenn Achtung und Bestrafung lange eins waren. Dabei geht nicht darum, Eure Kühlschrankeltern freizusprechen, sondern Euch selbst zu befreien.

Ihr müsst nicht vergessen, um zu verzeihen, aber Ihr solltet verzeihen, um zu leben.