Themenwelt –  Autismus

Da geht noch was!

Aber was ist, wenn es niemals reicht?!

Im Schatten des Perfektionismus

Solange es immer noch besser geht, ist gut nie gut genug. Aber was ist, wenn es einfach niemals reicht.

Wenn man sich nie gut genug fühlt, dann hat das meist nicht nur eine Ursache. Viele Autisten z.B. mussten schon schon früh ihn Ihrem Leben Ablehnung und Zurückweisung erfahren, manche sogar in den eigenen Familien. Fehlende Bindung und das Gefühl, nicht um seiner selbst Willen geliebt zu werden sondern nur für das, was man (perfekt) tut, ist für die Entwicklung des Selbstwertes ausgesprochen schädlich; für alle Menschen. Hat man möglicherweise noch einen eher introvertierten Charakter, neigt vielleicht zu Ängstlichkeit und einem ausgeprägten Bedürfnis nach Harmonie, bereitet das Zusammenspiel all dieser Faktoren einen fruchtbaren Boden für den Gedanken, nicht zu genügen; nicht für sich selbst und auch nicht für andere.

Perfektionismus wird definiert als „[…] psychologisches Konstrukt, das versucht, übertriebenes Streben nach möglicher Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären.“

Aha. Und was heißt das jetzt?

Perfektionismus ist das kompromisslose Streben nach unerreichbaren Zielen.

Maladaptive (krankhafte) Perfektionisten messen nicht nur ihren Selbstwert an Leistung und Ergebnissen, sondern auch ihre Liebenswürdigkeit und ihre Daseinsberechtigung. Und nicht nur ihre eigene, sondern auch die anderer. Extrem perfektionistische Menschen sind selten zufrieden mit sich selbst und genau deshalb auch selten mit ihren Mitmenschen. Egal ob Schule, Studium, Arbeit, Haushalt, Kindererziehung oder der Anspruch an den Partner/die Partnerin: Ihre Messlatte hängt unrealistisch hoch und ist faktisch nicht erreichbar. Auf diese Weise beweisen sie sich ständig selbst, dass ihr eigentlich un-perfektes Bild doch stimmen muss. Ein ungesunder Teufelskreis. Es gibt keinen Kompromiss. Ganz oder gar nicht ist die Devise. Entweder sie machen etwas bis zum Exzess oder eben gar nicht. Erst ist alles super, aber bei dem kleinsten Fehler, bei der kleinsten Unstimmigkeit, war alles umsonst, bedeutungslos, wertlos.
Die emotionalen Reaktionen auf das unvermeidbare Versagen können genauso absolut sein, wie das angestrebte Ziel: Wutausbrüche, totaler Rückzug und Schuldzuweisungen gegen andere sind häufige Muster. Die Frustrationstoleranz dieser Menschen hängt niedrig.

Selbstsabotage und Prokrastination, also das Aufschieben von ToDo´s, sind weitere Verhaltensweisen, die man bei den Perfekten finden kann. Sie sind stets im Vergleich mit anderen. Wer immer besser sein muss als andere, wer sich keine Fehler zugesteht, der hat so viel Druck, dass er Dinge oft gar nicht erst anfängt, sondern erstmal vor sich herschiebt. Die Angst vor dem fast unvermeidbaren Versagen ist einfach zu groß. Verweigerung, um sich nicht mit den eigenen Unzulänglichkeiten konfrontieren zu müssen, lässt so manch einen hinter seinen Möglichkeiten zurückbleiben. Das muss das Gefühl, nicht zu genügen, ja geradezu herausfordern!

Als ob das alles nicht schon problematisch genug wäre, betrifft Perfektionismus nicht nur die, die ihn haben. Wer dauernd unzufrieden ist mit sich selbst und den eigenen Wert immerzu anzweifelt, wer sich ständig vergleicht und Angst davor hat, ein anderer könnte besser sein, kommt irgendwann in Konflikt mit seinem Umfeld.
Ich beobachte zum Beispiel immer wieder, dass zwei Perfektionisten, die sich in einer Beziehung oder Freundschaft finden, zu den schlimmsten Feinden werden können. Sie treiben sich mit ihren überhöhten Ansprüchen buchstäblich gegenseitig zum Wahnsinn. Keiner macht es in den Augen des anderen gut genug während gleichzeitig jedoch immer nur der jeweils eine besser sein darf. Eine nahezu ausweglose Situation.

Genauso wenig funktioniert es, wenn einer keinerlei Makel duldet und der andere eher chaotisch ist oder durchaus mal „Fünfe gerade“ sein lässt. Dieses lockere Verhalten des Partners kann für den Perfektionisten ein massiver Angstauslöser sein, denn er/sie braucht das Gefühl, alles und jeden kontrollieren zu können. Angstvermeidung und Kontrolle gehen schließlich Hand in Hand.

Doch was kann helfen?

Bevor man weiß, was es besser machen kann, muss man erstmal verstehen, was denn genau los ist, welche Auslöser es gibt. Das können wie gesagt bestimmte Menschentypen sein, Prüfungssituationen oder unsichere Lebensabschnitte.

Was tut Ihr, um unangenehme Emotionen zu vermeiden? Wann habt Ihr das Gefühl, perfekt sein zu müssen? Was denkt Ihr kurz davor? Wie fühlt Ihr Euch dabei?

Tagebuch schreiben kann eine gute Möglichkeit sein, sich selbst zu beobachten. Seine Gedanken hinterfragen hilft, nicht immer sofort zu reagieren auf die fiesen Antreiber in Euch.

Und noch eine Strategie gibt es, nach und nach etwas lockerer zu werden. Aber Achtung, sie ist fies:

Nehmt Euch ganz bewusst vor, erstmal in einer einzigen Sache nicht perfekt zu sein.

Lasst einen Kommafehler stehen.

Lasst einen Raum in Eurem Zuhause unaufgeräumt.

Saugt nur zweimal pro Woche anstatt jeden Tag.

Euer Partner darf  in Jogginghosen das Wochenende versandeln und die Spülmaschine kann auch mal über Nacht unausgeräumt bleiben.

Bietet jemandem Eure Hilfe an,  wenn Ihr das bisher immer vermieden habt, aus Angst, nicht zu genügen.

Oder lasst Euch helfen, anstatt immer alles selbst zu machen, weil es niemand außer Euch gut genug erledigen kann. Oder weil Ihr Angst habt, Eure Bedürfnisse zu zeigen.

Gebt nach und nach immer ein wenig mehr Kontrolle ab. Es wird nichts Schlimmes passieren, versprochen 😉

Und nicht vergessen. Es hat natürlich auch gute Seiten, Dinge perfekt machen zu wollen. Diejenigen, die diese Charaktereigenschaft haben, sind oft sehr erfolgreich im Job und zuverlässig in Beziehungen und Freundschaften. Sie sind konstant und konsequent, man kann sich auf sie verlassen. Menschen, die nicht krankhaft perfektionistisch sind, sondern aus einer inneren Motivation heraus hohe Ansprüche an sich selbst stellen, sind auch durchaus tolerant gegenüber anderen und offen für konstruktive Kritik. Denn im Gegensatz zu denen, die Angst haben, vor sich selbst und anderen nicht bestehen zu können, sind intrinsisch motivierte Perfektionisten vor allem daran interessiert, sich selbst ständig weiterzuentwickeln und weniger daran, Fehler zu vermeiden und Vergleichen standzuhalten. Doch auch sie müssen aufpassen, dass ihr „Perfekt“ nicht irgendwann unangenehme Folgen hat, wenn sie den Anforderungen, die sie an sich selbst stellen, mal nicht genügen.

Es gibt keine 100 %. Wer diese Marke anstrebt, kann nur verlieren. 80 % sind locker genug oder um es mit den Worten von Maik Alwin zu sagen:

„Perfektion ist der größte Makel -wer alles ist, kann nichts mehr werden.“