Themenwelt –  Autismus

Denken ist Glückssache

Zwanghaftes Grübeln

Was Zwangsgedanken sind und wie man ihnen begegnen kann

Denken ist Glückssache, aber nicht jeder hat glückliche Gedanken.

Autisten kennen sie zur Genüge, diese fiesen Gedankenschleifen, die sich hartnäckig einnisten und sich ständig wiederholen. Sie halten nachts wach und tagsüber fühlt man sich, als wäre man ein Roboter, der seiner Programmierung folgt, ohne sich über seine Handlungen bewusst zu sein. Da kann einem die autistische Neigung zu Routinen und Ritualen tatsächlich auch mal den Tag retten.

Diese Geister im Kopf werden vor allem dann zur Plage, wenn man Angst hat oder gestresst ist. Angst und obsessive Gedanken sind eng verzahnt. Man durchdenkt x- mal von vorne was zu tun ist, was passieren könnte, wie man das verhindern könnten, warum es so ist, wie es ist, was man hätten anders machen können, warum man wieder gemacht hat, was man eben gemacht hat, obwohl man doch weiß, dass usw.

Es nervt. Es ist sinnlos und es ist klar, dass es sinnlos ist. Aber ein Loop wäre kein Loop, wenn er einfach so anhalten würde. Er erhält sich selbst aufrecht, bis die Gedanken und alles, was damit zu tun hat, verarbeitet sind. Schlimmstenfalls endet das im Reset, in einem Shutdown. Denn die langsamere, schwerfälligere Verarbeitung, gekoppelt mit den Unwägbarkeiten der neurotypischen Welt, ist bei Autisten meistens die Ursache dieses unguten Phänomens.

Doch nicht nur Autisten sind von diesen kleinen oder größeren Monstern in den Gehirnen geplagt, und Ursachen dafür sind vielfältig.

Also schauen wir uns das Thema mal genauer an.

Zunächst muss man wissen, dass es unterschiedliche Arten von obsessiven Gedanken gibt.

Da sind die „Grübelschleifen“. Das ist das, was ich oben beschrieben habe. Gedanken hängen sich fest und man wird sie eine Zeitlang nicht mehr los. Kennt jeder. Das ist ganz normal und bringt uns alle hin und wieder um unseren Schlaf. Grübeleien okkupieren unser Hier und Jetzt, sie lassen manch einen fast vor den Bus laufen. Und am Ende eines solchen Tages fragt man sich, wie man wieder lebend nach Hause gekommen ist.
Unter diesen lästigen Gedankenkreiseln leiden besonders diejenigen, die selbstunsicher sind, die unklare Situationen nicht gut aushalten und sich schnell gestresst fühlen.

Eine schwerwiegendere Form des obsessiven Denkens ist, wenn Menschen zum Beispiel grundlos davon überzeugt sind, einem Angehörigen oder ihnen selbst werde etwas Schreckliches passieren. Oder sie würden selbst demnächst jemandem ein Leid zuzufügen. Manche sind auch fest davon überzeugt, sie seien nichts Wert, sie haben das, was sie besitzen, nicht verdient, sie sehen schrecklich aus, ihr Partner gehe fremd oder ähnliches.
Diese Art Zwangsgedanken kann auch Ausdruck und Symptom einer bestehenden mentalen Erkrankung sein, wie z.B. einer Depression, Angststörung, Zwangssstörung, einem Posttraumatischen Stresssyndrom oder auch ADHS. Die schlimmste Form dieser obsessiven Denkmuster sind wohl Suizidgedanken.

Doch nicht die Gedanken selbst sind das Problem, sondern die Art, wie man sein Denken interpretiert und wie man darauf reagiert.

Die Angst, diese Gedanken könnten Realität werden und die Fixierung darauf, führen zu Verhaltensmustern, die die Spirale aufrechterhalten obwohl Betroffenen nichts lieber wäre, als sofort von diesem Zwangsdenken befreit zu sein.
So entwickeln manche Menschen Rituale. Sie glauben, wenn sie beispielsweise ständig dreimal hintereinander auf den Tisch klopfen, könnten sie damit verhindern, dass der eigentlich kerngesunde Partner stirbt. Auch permanentes Rückversichern bei anderen, ob sie wirklich so schlimm aussehen, ob sie tatsächlich nichts Wert sind oder ob die Welt morgen noch steht, hält diese Gedanken nicht nur aufrecht, sondern verschlimmert sie. Und der eine oder andere sucht seine Rettung darin, sich permanent abzulenken. Sport, Computerspiele, eine 100 Stunden Arbeitswoche oder die eine oder andere Droge mag helfen, solange man beschäftigt ist. Doch plötzlich sind da nicht nur obsessive Gedanken, sondern auch noch ein Suchtproblem.

Und was hilft?

Vielleicht erstmal einfach die Erkenntnis, dass man mit diesem Problem nicht allein ist und man kein schlechter Menschen ist, egal wie zerstörerisch und aggressiv die Gedanken auch sein mögen. Sie sind keine Charakterschwäche, sondern entstehen eben entweder durch eine darunterliegende mentale Erkrankung oder durch die Gewohnheit, durch x maliges Durchdenken eine Situation kontrollieren zu wollen, was nicht möglich ist. Wirklich beeinflussen was passiert, kann man meist nicht, und auch nicht, was andere tun. Aber man kann entscheiden, ob man seinen Gedanken Taten folgen lässt. Denken ist keine Handlungsaufforderung. Das zu verstehen, kann schon der erste Schritt zur Besserung sein.

In leichteren Fällen können Mindfulness Techniken helfen. Meditation beruhigt Gehirn und Gedanken, progressive Muskelentspannung wirkt über den Körper auf die Emotionen und damit auch auf das Denken und sich vorzustellen, wie die Gedanken in einer Wolke davonfliegen, macht sie weniger bedrohlich. Und durch konsequentes und aktives „Stopp“ sagen, sobald Bedenken wieder Überhand nehmen, kann das Gehirn neue neuronale Bahnen bilden, die gängige Denkmuster ruhigstellen.

Die Hände zu beschäftigen, kann ebenso helfen. Abspülen, Handarbeiten oder Heimwerken, Malen und anderes lenken die Konzentration auf die Kopf-Hand Koordination und weg vom Grübeln. Und wer die Auslöser seiner obsessiven Gedanken kennt, sollte diese, wenn möglich, natürlich meiden. Ein ruhigeres Leben mit weniger Stress und dafür viel Zeit in der Natur ist in jedem Fall ratsam.

Wenn das alles nichts nutzt, sollte man es mit Psychotherapie versuchen, zum Beispiel mit folgenden Methoden:

Expositionstherapie:

Man muss das Gehirn ängstlich machen, damit Exposition funktioniert. Dafür werden die angstvollen Zwangsgedanken bewusst provoziert. Betroffene müssen die Gefühle, die dann aufkommen, aushalten, bis sie ihre Wirkung verlieren. Das Gehirn verlernt die Angst, wenn man ihm beibringt, dass nichts passiert.

Dissoziation und Assoziation:

Diese Strategie lagert die Gedanken auf einen Avatar außerhalb der eigenen Person aus. Das wird in Essstörungstherapien oft versucht.
Die Stimme einer Essstörung ist sehr fordernd. Man gibt ihr einen Namen, zum Beispiel „ED“ und unterscheidet dann zwischen sich selbst und der Stimme.

ED hat gesagt: „Du darfst das nicht essen.“

Ich sage: „Doch, ich darf alles essen, was ich will.“

Mit der Zeit wird so das gesunde, unaufdringliche Denken lauter und man gewinnt Freiheit zurück.

Verhaltenstherapie:

Die klassischen Methoden der Verhaltenstherapie identifizieren Denkmuster, überprüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt und verändern aufrechterhaltende Verhaltensweisen.

Und wenn irgendwelche Erkrankungen Schuld sind an quälenden Gedanken, werden sie mit deren (medikamentöser und psychotherapeutischer) Behandlung leichter.

Heilung kann niemand garantieren, aber jeder kann zwanghaftes Denken und Verhalten so weit in den Griff bekommen, dass Lebensqualität wieder spürbar wird.