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Gedankenlesen

Wege aus der Angst

Wie Biofeedback effizient die Selbstwahrnehmung

und Selbststeuerung verbessern kann

 

Gastartikel von Natalie Jalasa Fischer

Angst hat viele Gesichter. Sie kann nutzen und schaden, sie ist oft unangenehm spürbar und versteht es gleichzeitig, sich hervorragend zu maskieren. Sie tarnt sich hinter körperlichen Beschwerden oder zeigt sich in Verhaltensweisen wie Aggressionen oder getriebener körperlicher Unruhe. Sogar unser Essverhalten und die Art, wie wir uns ernähren, kann ein Ausdruck von Ängsten sein. Und Autisten, deren Wahrnehmung voller Fragezeichen ist, kennen Angstgefühle zur Genüge.

Das, was wir über uns und unsere Welt denken, kann diese Emotion verstärken oder sie verschwinden lassen. Wir fühlen uns unserem Gehirn oft hilflos ausgeliefert. Es gibt jedoch Methoden, die das Gegenteil beweisen. Biofeedback ist eine davon. Ich habe es selbst probiert und finde es phänomenal, tatsächlich sehen zu können, wie mein Denken auf meinen Körper wirkt.

Der heutige Beitrag „Wege aus der Angst: Wie Biofeedback effizient die Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung verbessern kann“, ist ein Gastartikel meiner ehemaligen Psychotherapeutin und inzwischen lieben Freundin Natalie Jalasa Fischer. Sie ist Spezialistin für Biofeedbacktherapie und beschreibt diese Methode am Beispiel der Hypochondrie, also der übersteigerten Angst vor Krankheiten.

Natalie ist ein Mensch mit Herz und Verstand. Sie ist mein Vorbild für Ruhe und Gelassenheit, für Akzeptanz, Empathie und Herzensbildung.
Sie arbeitet in Germering bei München als Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin, Coach und eben Biofeedback-Therapeutin, und meditieren lernen kann man von ihr auch. Weil das noch nicht reicht, unterrichtet sie in einem Fitnessstudio Rücken- und Entspannungskurse und hat trotzdem noch genug Liebe, Energie und Zeit für ihre Familie, ihre zwei Hunde und für mehr Freunde als ich Namen kenne.

Auch eine Krebsdiagnose 2018 hat sie nicht von ihrem Weg abbringen können. Im Gegenteil. Sie nutzt all ihre Erfahrungen und ihre innere Weisheit für sich und ist heute wieder gesund, munter und so aktiv wie eh und je. Ihre Einsichten stellt sie nun anderen Betroffenen, Angehörigen und Interessierten zur Verfügung. Das tut sie nicht nur in ihren Therapieangeboten, sondern auch in einem, wie ich finde, einzigartigen Ratgeber. Ihr Buch Diagnose Krebs- und jetzt?“ ist voller Wissen, Möglichkeiten und Hilfestellungen und wahrt gleichzeitig den nötigen Respekt vor dem individuellen, eigenen Weg der Leser.

Natalies berufliche Schwerpunkte sind vielseitig. Sie ist sich aber auch ihrer großen Verantwortung für ihre Patienten bewusst und kennt ihre Grenzen. So therapiert sie keine Essstörungen, denn sie ist dafür nicht ausgebildet. AutistInnen sind bei ihr jedoch in besten Händen. Ich spreche aus Erfahrung!

Am liebsten sieht sie ihre Patienten persönlich. Das ist ihr besonders wichtig im Rahmen der Paartherapien. Einzelcoachings macht sie aber auch mal auch per Skype-Videokonferenz, wenn es den Klienten/Patienten nicht möglich ist, zu ihr in die Praxis zu kommen. Ihre Therapie- und Coachingangebote werden in der Regel nicht von den Krankenkassen bezahlt, sind also Selbstzahlerleistungen.

Wo und wie ihr Natalie finden könnt, verlinke ich Euch am Ende ihres Artikels.

Viel Spaß beim Lesen!

„Angst essen Seele auf“

Dieser Filmtitel ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden, beschreibt er doch so treffend, was die Angst mit uns machen kann.
Frei von Angst ist niemand von uns, denn das wäre evolutionär nicht sinnvoll:
Es ist überlebensnotwendig, Angst als Signal für potenzielle Bedrohungen wahrzunehmen und somit beispielsweise bei Blitz und Unwetter nicht aus dem Haus zu gehen, sich im Auto anzuschnallen etc.

Aber Angst ist nicht gleich Angst. Es gibt diverse Abstufungen, die von noch tolerierbarer und handelbarer Überbesorgtheit bis hin zu einer massiven Angststörung reichen können, die das Leben dann massiv einschränken kann. Übersteigerte Ängste, die uns seelisch stark belasten und blockieren, sind nicht nur in Zeiten von Corona ein häufiges Phänomen der menschlichen Psyche:  Jeder Vierte erhält im Lauf seines Lebens die Diagnose einer behandlungsbedürftigen Angsterkrankung. Eine massive Angstproblematik sollte immer behandelt werden, denn unbehandelte Angststörungen neigen dazu, sich immer mehr zu verselbständigen und das Leben der Betroffenen in Beschlag zu nehmen.

In diesem Artikel geht es darum, wie sich Angst äußern kann und wie wir unsere Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung verbessern können, damit wir dieser Emotion nicht hilflos ausgeliefert sind.

Wie sich Ängste zeigen

Angststörungen haben Auswirkungen auf körperlicher, emotionaler und mentaler Ebene. Besonders die körperlichen Phänomene können dabei deutlich und sehr unangenehm wahrgenommen werden, etwa als Herzrasen, starkes Schwitzen, das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen u.v.m.
Typisch für die sogenannten neurotischen Ängste sind ihr plötzliches Auftreten und eine übersteigerte körperliche und emotionale Reaktion ohne echte äußere Gefahrenlage. Dabei sind die Symptome relativ stark ausgeprägt und intensiv spürbar, und die Angst besteht über einen längeren Zeitraum hinweg. Den Betroffenen fehlt dabei der Abstand zu dem, was in ihnen geschieht, und damit auch Strategien, um aus Angstspiralen von allein wieder herauszukommen.

Wie kann sich dies konkret äußern?

Nehmen wir als Beispiel die Hypochondrie, also die Angst, schwer körperlich zu erkranken:
Sie geht einher mit der überwertigen ängstlichen Beobachtung körperlicher Signale und Erscheinungen. Die betroffene Person befürchtet, dass sich hinter eigentlich harmlosen Symptomen eine bedrohliche Erkrankung verstecken könnte. Sie kann normale Signale des Körpers, beispielsweise von Erregung und körperlicher Anspannung, nicht mehr als solche wahrnehmen. Stattdessen schrillen bei eigentlich harmlosen Phänomenen die Alarmglocken:

„Ich könnte ernsthaft krank sein!

Mein Körper könnte großen Schaden nehmen!

Ich könnte sterben!“ 

So kreist das Denken des Hypochonders unablässig und überwertig um seine körperliche Existenz, um Gesundheit und insbesondere um befürchtete Krankheiten, was nicht selten zu Erschöpfungszuständen und Depressionen führt. Die permanente Beschäftigung mit den eigenen Ängsten und Angstgedanken verursacht Stress, und Stress und Angst hängen eng miteinander zusammen. Somit werden diese Stressphänomene dann ihrerseits zum Auslöser weiterer hypochondrischer Ängste – der Teufelskreis der Angst bleibt aufrechterhalten und verstärkt sich weiter: Es kommen immer mehr körperliche Symptome hinzu, wie ein schneller Puls, Schwitzen, Enge in der Brust oder auch eine verflachte Atmung. Das beunruhigt die Betroffenen natürlich noch mehr, und sie sind noch stärker davon überzeugt, tatsächlich schwer körperlich erkrankt zu sein.

Die Wahrnehmung der eigenen Körpersignale wird also mehr und mehr fehlgedeutet, was die Erkrankung noch weiter verstärkt.

Am Beispiel der Hypochondrie lässt sich gut erkennen, wie wichtig es bei Angsterkrankungen ist, die Selbstwahrnehmung der Betroffenen zu korrigieren und zu verbessern und ihnen dabei zu helfen, Strategien zu entwickeln, um aus ihrer gefühlten Passivität und Hilflosigkeit herauszutreten und zu lernen, sich selbst zu beruhigen und zu entspannen.

Ein in der Verhaltensmedizin und Psychotherapie bewährtes Verfahren, das bei Angsterkrankungen nachweislich sehr gut hilft, ist Biofeedback, das in Kombination mit Entspannungs- und meditativen Verfahren eingesetzt wird.

Was Biofeedback ist und was es leisten kann

Biofeedback ist eine effiziente, wissenschaftlich belegte Methode, die unter anderem bei Angsterkrankungen erfolgreich angewendet wird. Ziel der Biofeedbacktherapie ist es, sowohl körperliche als auch psychische Funktionen wahrzunehmen und diese aktiv, zur Verbesserung des eigenen Wohlbefindens und der Gesundheit, zu beeinflussen.

Über Sensoren werden dabei Körpersignale, die wir normalerweise nicht bewusst wahrnehmen können, registriert. Dazu zählen beispielsweise Muskelspannung, Atmung, Pulsfrequenz und Hautleitwert. Über die Messung dieser Funktionen erfolgt eine optische bzw. akustische Rückmeldung (= Feedback), die der Patient hören und/oder am Bildschirm sehen kann.

Wie eine solche Sitzung abläuft, soll im Folgenden genauer beschrieben werden:

Die behandelte Person sitzt in entspannter Atmosphäre vor einem Bildschirm. Sensoren, die am Körper angebracht werden, geben dabei Feedback über eigentlich unbewusst ablaufende Prozesse. So können die Anspannung des Nervensystems (gemessen über den Hautleitwert) sowie des Herz-Kreislauf-Systems (gemessen über den Puls) über eine kleine Elektrode am Finger rückgemeldet werden. Auch die Atemfrequenz gibt Auskunft darüber, wie es uns geht. Sie wird über einen kontaktlosen Infrarot-Sensor erfasst, der über dem Bauch angebracht ist. Zudem können weitere Körpersignale, wie z.B. Muskelanspannungen erfasst werden.

Zusammenhänge zwischen stressauslösenden Faktoren und Körperreaktionen werden damit direkt am Bildschirm sichtbar: Die betreffende Person kann beispielsweise sehen, wie sich bestimmte Angstgedanken auf körperliche Phänomene auswirken können und wie gezielte Entspannung dem entgegenwirkt.

Das Zauberwort heißt „Selbstkontrolle“

Wenn wir uns bewusst machen können, wie sich das, was wir denken und tun auf unser Nervensystem und unser Befinden auswirkt, können wir lernen, unsere körperlichen Funktionen zu beeinflussen. Auf diese Weise kann die Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Wir können Anspannung und Stress in unserem Körper beobachtend und neutral wahrnehmen und positiven Einfluss auf körperliche und psychische Funktionen nehmen. Wir erleben, dass wir aktiv etwas gegen Stress, Anspannung, Angst und Schmerzen tun können und fühlen uns unseren Symptomen und Beschwerden nicht mehr hilflos ausgeliefert. Dies erhöht die Lebensqualität, denn es kann uns wieder Kontrolle über uns selbst und unseren Alltag zurückgeben.

Das Biofeedbackgerät funktioniert also wie ein Spiegel, der Informationen über das Körperinnere liefert. Es zeigt unmittelbar, wie sich Faktoren wie z.B. negatives Denken, verflachtes Atmen und verspannte Muskulatur auf die Körperprozesse auswirken, die den Beschwerden zugrunde liegen. Dieser Spiegel ist dann nicht mehr notwendig, wenn eine effiziente Selbstregulation einmal erlernt wurde. Das dauert oft nur wenige Sitzungen. Die Skills müssen dann aber daheim noch regelmäßig geübt und angewandt werden, bis das andere Denken und Verhalten zu einer automatisierten Gewohnheit geworden ist.

Im Fall von Angsterkrankungen wie der hypochondrischen Störung, aber auch bei durch Essstörungen und Autismus bedingten Ängsten, lässt sich so der Teufelskreis aus negativen Gedanken und den darauffolgenden körperlichen Kettenreaktionen und immer neuen und vermehrten Ängsten durchbrechen: Durch die sofortige Rückmeldung wird sichtbar, welche Ansätze und Strategien hilfreich sind, um aus Angst und Anspannung herauszutreten.

Wie gesagt: Übung macht dabei den Meister. Je öfter wir dies trainieren, umso schneller und sicherer wird uns dies im Alltag gelingen.

Biofeedback kann sehr gut ergänzt werden durch weitere Methoden, die ein großartiges Werkzeug für unsere Selbststeuerung sein können, nämlich Meditations- und Entspannungsübungen. Über das gezielte Praktizieren von meditativen (Atem-)Techniken und Entspannung können wir z. B. lernen, Puls und Atemfrequenz zu senken, effizient Spannung aus dem vegetativen Nervensystem zu nehmen und unsere Muskelaktivität herunterzufahren. Wir können Distanz zu auftauchenden automatisierten Bewertungen und Tendenzen herstellen und werden somit wieder handlungsfähig. Alle Techniken der Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle, besonders die Meditation, brauchen regelmäßiges Training.  Feste Entspannungsauszeiten im Alltag helfen uns, die gewünschten Veränderungen in uns zu bewirken und zu verankern. So bauen wir Stressbewältigungs- und Selbststeuerungskompetenzen auf, die uns für unser gesamtes Leben Nutzen bringen.

Biofeedback kommt nicht nur bei Ängsten und chronischen Stress- und Schmerzzuständen, insbesondere bei der Behandlung von Migräne und Spannungskopfschmerz, zur Anwendung. Es wird bei sämtlichen psychosomatischen Störungsbildern, wie z.B. dem Reizdarmsyndrom, Rückenschmerzen und Schlafstörungen eingesetzt und kann auch hilfreich sein für Menschen mit Autismus sowie mit Ängsten vor Essen oder Gewichtszunahme.
Psychotherapeutisch bietet diese Methode einen sehr guten Zugang zu den tieferen Schichten hinter dem (Angst-) Geschehen, da für die Symptomatik relevante Gedanken, Emotionen, Erinnerungen, Prägungen und Glaubenssätze identifiziert und im therapeutischen Geschehen weiter bearbeitet werden können.

Biofeedback ist für fast jeden geeignet. Kontraindiziert, also nicht zu empfehlen, ist es jedoch bei schwer Traumatisierten sowie bei psychotischen Patienten und bei Personen mit Epilepsie.
Wie bereits erwähnt genügen in der Regel wenige Sitzungen, um die Selbstwahrnehmung deutlich zu verbessern und Angst- und Anspannungsphänomene wirksam an ihrer Basis anzugehen.
Niemand muss mit permanenter Angst leben, und Medikamente sind nicht immer der Weisheit letzter Schluss. Es lohnt sich, nachweislich wirksamen und nebenwirkungsfreien Methoden wie Biofeedback eine Chance zu geben für ein ausgeglicheneres, gesünderes und bunteres Leben.

Liebe Natalie, vielen Dank für Deinen informativen Artikel!


Hier sind die Links zur Praxis von Natalie Fischer

https://www.psychotherapie-natalie-fischer.de/leistungen/

und ihrem Mann, Dr. med. Wolfgang Andres-Fischer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. M(e)in Doc, bei dem Patienten „mensch“ sein dürfen.

https://www.praxis-andres-fischer.de/