Themenwelt –  Essstörungen

Wege aus der Essstörung
Warum ist das so schwer?

Eating Disorder Recovery
Teil 1 von X

Warum dieser Weg so schwer ist, wie Recovery definiert ist
und was Euch demnächst auf meinem Blog erwartet.

Yeah, endlich! Jetzt habe ich Euch lange genug hingehalten. Aber heute geht´s los mit dem langerwarteten Themenblock:

RECOVERY: Wege aus der Essstörung 

„Du musst nur wollen.“ „Du musst endlich damit aufhören.“ „Ess` doch mal was.“ „Denkst Du, Du bist was Besonderes?“

Ich glaube, diese und ähnliche Kommentare kennt jede/r Betroffene.
Sie sind unberechtigt, verletzend und absolut nicht hilfreich. Denn Fakt ist, keiner will mit einer Essstörung leben, keiner kann einfach „damit“ aufhören und mit sowas wie „ich bin besser als Du“ hat das Problem auch nichts zu tun. Über die Ursache und die Risikofaktoren habe ich schon viel geschrieben.

Bleibt die große Frage, wie kommt man da wieder raus?

Tatsächlich gibt sie nicht, DIE eine Antwort. Es gibt Optionen, aber nicht DIE Lösung. Essstörungen heilen nicht wie ein Beinbruch: Gips, sechs Wochen Schonung, Physio und gut ist. Medikamente gibt´s auch nicht. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, braucht man das zum Gesundwerden, was die größtmöglichen Ängste und/oder Widerstände auslöst: Essen.

Essen ist die Medizin jeder Essstörung. Fullstop!

Crazy? Mögt Ihr nicht? Ich auch nicht. Aber so ist es nun mal. Und ja, das ist verdammt schwer. Vor allem, weil die Stimme der ESS nie die Klappe hält und ständig meckert: Brauchst Du nicht, magst Du nicht, kennst Du nicht, isst Du nicht.
Sie ruhig zu stellen ist genauso unmöglich, als würde man versuchen, sich bei einem Rockkonzert flüsternd zu verständigen.

Na, und wenn man dann doch irgendwann nach langem, einsamen Kämpfen allen Mut zusammennimmt und Hilfe sucht, trifft man auf Helfer, deren Denken über Ernährung und Körperformen ähnlich verquer ist, wie das eigene.
Zu allem Überfluss folgen Therapiekonzepte auch noch häufig einem überholten Ursachenmodell und berücksichtigen damit nicht oder nur zum Teil aktuelle Erkenntnisse. Das sind leider sehr schwierige Voraussetzungen! Kein Wunder, dass die Rückfallquote so hoch ist und viele gar nicht erst rausrücken mit ihrem Problem, sondern lieber versuchen, allein klar zu kommen.

Ich werde Euch in den nächsten Monaten nach und nach vorstellen, welche neueren Behandlungsansätze es gibt, welche Vor- und Nachteile sie haben und wie Ihr sie für Euch nutzen könnt.
Im Mai und Juni werde ich dazu noch eine Menge up to date Informationen bekommen. Momentan laufen die Saturday Morning Expert Talks, mit namhaften und erfahrenen SpezialistInnen aus den Bereichen Medizin, Psycho- und Ernährungstherapie. Und im Juni findet die „International Conference On Eating Disorders (ICED) statt, heuer „dank“ Corona online.

Die richtigen Informationen sind wichtig, wenn es um „Eating Disorder Recovery“ geht. In der Recovery Szene tummeln sich viele Influencer, die Ihre Methoden als Allheilmittel verkaufen (buchstäblich), aber außer ihrer eigenen Erfahrung keinerlei Qualifikationen haben. Wer nicht Bescheid weiß und diesen Leuten blind folgt, verliert viel Geld und/oder begibt sich unter Umständen sogar in Gefahr. Das passiert nicht so schnell, wenn man weiß, worauf es ankommt.

Wege aus der Essstörung sind immer individuell. Das, was für den einen passt, kann dem anderen schaden. Recovery ist nie linear und läuft eigentlich immer über Umwege. Die gerade Straße führt selten zum Ziel und DAS eine Ziel für alle gibt es auch nicht. Vollständige Heilung ist tatsächlich möglich. Sie ist aber, vor allem für langjährig Betroffene, manchmal nicht mehr vorstellbar. Dann ist es kein Versagen und keine Schwäche, nicht die vollständige Heilung anzustreben, sondern ein Leben mit mehr Selbstfürsorge und Lebensqualität zu wählen, trotz Essstörung. Die Energie für eine komplette Remission kann nach vielen gescheiterten Gesundungsexperimenten schlichtweg fehlen.
Ihr dürft ausprobieren, umkehren und Euer Ziel neu definieren. Euch anders orientieren und im Kreis laufen, bis Ihr Euren eigenen Weg gefunden habt, wie immer der aussehen soll. Euren, nicht den von a oder b. Und für Euch, nicht für a oder b. Oder c 😉

Aber wo anfangen?

Bei einer Definition von „fully recovered“, denn wenn man nicht weiß, was am Ende stehen könnte, ist es schwer, sich überhaupt auf einen Versuch einzulassen.

Viele sprechen bei fully recovered von Heilung anstatt korrekterweise von vollständiger Remission. Ich auch, der Einfachheit halber und weil man sich darunter mehr vorstellen kann.

Aber es ist nicht ganz dasselbe und man sollte den Unterschied kennen.

Heilung heißt:

Keine Symptome mehr. Die Krankheit kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder.

Vollständige Remission heißt:

Symptomfrei, erfüllt also alle Kriterien einer Heilung. Es gibt aber Voraussetzungen, die die Erkrankung reaktivieren können.

Partielle, also teilweise Remission heißt:

Symptomatisch besser, aber noch mehr oder weniger viele Restsymptome vorhanden. Also das, was wir „Quasi Recovery“ nennen.

Zumindest bei Anorexie spricht man korrekt ausgedrückt von Remission, weil man genetische Veranlagungen und krankheitsfördernde Persönlichkeitsmerkmale in der Regel nicht heilen kann. Das Gen ist da und bei bestimmten Voraussetzungen sagt es „hallo“. Ihr wisst inzwischen, dass Gewichtsverlust dafür der Nummer 1 Auslöser ist, also die Ursache, egal aus welchem Grund das passiert und von welchem Ausgangsgewicht. Auch nach vielen Jahren kann es sein, dass man abnimmt und unter den Prozentsatz rutscht, der das Gen reaktivieren kann.
Übergangsphasen wie Wechseljahre, Trennungen und andere sind hohe Risikofaktoren, die das anorektische Verhalten- und dazu gehört Gewichtsabnahme- als Auslöser wieder triggern können. Denn die damit einhergehenden Lebensunsicherheiten können diese alten Denk- und Verhaltensgewohnheiten wieder hervorrufen. Ihr erinnert Euch: Gewohnheiten bleiben für immer codiert, man kann sie nicht löschen.
Wie das bei Bulimie und Binge Eating ist, dazu habe ich keine Daten gefunden. Ähnlich, vermute ich.

Wenn man sich als geheilt im Sinne dieser Definition betrachtet, besteht die Gefahr, dass man sich in falscher Sicherheit wähnt und damit mögliche Anzeichen eines Rückfalls übersieht. Eine vertane Chance.

Was heißt nun frei von Symptomen, also in vollständiger Remission, alias geheilt?

Carolyn Costin war eine der ersten, die sich schon vor Jahrzehnten selbst von ihrer Essstörung befreien konnte. Sie ist vermutlich DIE erfolgreichste Therapeutin für diese Erkrankungen und Gründerin der Monte Nido Ranch. (Sie hat sie soweit ich weiß inzwischen verkauft und praktiziert nur noch privat und als Ausbilderin für Coaches und Therapeuten.)

Sie definiert „fully recovered“ wie folgt:

„Being recovered is when the person can accept his or her natural body size and shape and no longer has a self- destructive or unnatural relationship with food or exercise.

When you are recovered, food and weight take a proper perspective in your life and what you weigh is not more important than who you are, in fact, actual numbers are of little or no importance at all.

When recovered, you will not compromise your health or betray your soul to look a certain way, wear a certain size or reach a certain number on a scale.“

Etwas ausführlicher heißt das:

Geheilt ist man, wenn man seine natürlichen Körperformen und seine Größe (Klamotten) akzeptiert und nicht länger ein selbstschädigendes oder unnatürliches Verhältnis zu Essen und Bewegung hat. Keine Regeln und Verbote, keine Kompensation des Essens mit Sport oder anderen Maßnahmen.

Wenn Ihr geheilt seid, verhaltet Ihr Euch nicht gesundheitsschädigend und Ihr versucht nicht mehr, einem Ideal zu entsprechen, dass von anderen Menschen und/oder von der Gesellschaft definiert wird. Ihr versucht nicht, in eine bestimmte Größe zu passen oder Euer natürliches Gewicht zu unterdrücken, weil schlank mit gut, klug und erfolgreich gleichgesetzt wird oder jemand von Euch erwartet, dass ihr abnehmt oder Euch auf eine Weise ernährt, die Euch nicht entspricht. Ihr versteht und akzeptiert, dass jeder Mensch anders ist und jeder Körper einzigartig.

Wenn Ihr geheilt seid, liegt Euer Fokus nicht mehr auf Essen und Gewicht. Was Ihr wiegt, bestimmt nicht mehr Euren Wert. Ihr empfindet Euch wertvoll mit jedem Gewicht und in jeder Größe. Zahlen sind unwichtig, und zwar sowohl Mengen als auch Kalorien und Kilogramm.

Es müssen ALLE Kriterien erfüllt sein, und zwar konstant und rückfallfrei über einen Zeitraum von mehreren Jahren.

Holy Cow! Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber als ich das zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich gefragt: WER erfüllt diese Kriterien überhaupt? Ich sage es Euch: Es sind die ehemals Essgestörten, diejenigen, die den Weg raus erfolgreich geschafft haben. Andere kenne ich nicht. Wirklich niemand in meinem Umfeld schafft es, dieser Definition zu entsprechen. Sollte jedem zu denken geben, der das liest und von sich sagt: Ich habe ein ungestörtes Verhältnis zum Essen und zu meinem Aussehen.

Wie soll man eine Essstörung hinter sich lassen in einer essgestörten Welt?
Frei nach dem Motto: „Werd gesund, aber nach anorektischen oder mindestens orthorektischen Regeln?“

 Du musst zunehmen, aber nur bis zu xy Kilo. Wenn Du drüber kommst, wird Dein Ernährungsplan reduziert. Und ernähre Dich gesund!
= Restriktion

Wenn Du Dein Zielgewicht, das wir bestimmen, erreicht hast, musst Du lernen, es zu halten. Auch wenn Dein natürlicher Setpoint höher liegt.
= Restriktion.

Wir lassen Dich schon nicht dick werden. = Botschaft: Mit mehr Gewicht als mimimal normal bist Du nicht ok.

Du musst lernen, auf Deine Körpersignale zu hören. Aber gib ja nicht jedem Hungergefühl und jedem Appetit nach. Und „emotionales“ Essen ist nicht ok.
= Restriktion.

Du sollst nicht zu viel Sport machen. Aber auf dem Sofa sitzen und nichts tun, das macht man nicht. Das ist unproduktiv und „ungesund“.
= Selbstfürsorge: Nada

Binge Eating? Dann setzten wir Dich mal auf Diät und geben Dir einen restriktiven Ernährungsplan.
= Der nächste Fressanfall ist schon am Start.

Funktioniert nicht Leute.  Kann nicht funktionieren! Man kann Essstörungen nicht mit Aufforderungen zu essgestörtem Verhalten heilen!

Ärzte, Therapeuten, Freunde, alle meinen es gut. Keiner sagt so etwas, um zu schaden, davon bin ich überzeugt. Und man kann niemandem etwas vorwerfen, der das Denken und Handeln Essgestörter nicht nachvollziehen kann. Man versteht es nur, wenn man selbst betroffen ist oder war, egal von welcher Essstörung. Auch die manipulativen und schädlichen Methoden der Gesundheits- und Ernährungsindustrie durchblickt nur, wer sich damit beschäftigen muss, weil er/sie in der Falle dieser Machenschaften feststeckt und weiß, wie sich das anfühlt.

Folgendes ist tatsächlich erwiesen:
Der größte Heilungsverhinderer ist die Angst, mit einem möglicherweise fülligeren Körper und einer Ernährung, die nicht dem Trend enstpricht, abgeleht zu werden und weniger wert zu sein.
Vor allem von denen und für die, die man liebt.

 !Relate!

Und das hat weniger mit falschem Denken und wenig Selbstbewusstsein zu tun als mit oben genannten Botschaften. Sie sind immer, sie sind überall und sie wirken unbewusst über Jahrzehnte. 

„You don´t have a body image problem, you have an exposure to society problem. “ (Dr. G.) Exakt!

Deshalb steckt der Großteil der Essgestörten im Status des Quasi Recovery. Die ESS ist leiser, das Gewicht ist ok. Aber die Quälerei eines Zustandes zwischen ganz oder gar nicht könnte schlimmer sein als je zuvor. Kaum etwas macht das Leben schwerer als zu wissen, was man tun muss und Angst zu haben, es zu tun.

Stimmt´s?

Aber un eines klarzustellen: Es geht nicht um Schuld. Es geht nicht darum, irgendetwas oder irgendjemanden anzuklagen. Es geht auch nicht ums Rechthaben. Es geht darum, was richtig ist. Und richtig ist individuell. Richtig ist das, was hilft.

Für mich bedeutet richtig, die größtmögliche innere Freiheit, mich von Haltungen und Botschaften anderer unabhängig zu machen; mir zu erlauben, mich mir selbst zuzuwenden und meine eigenen Maßstäbe zu setzen. Denn es ist mein Körper und es ist mein Leben.

Oder, wie Tabitha sagt:

“What you do is between you and your Body. What others do is between them and their body. Nobody knows what your body needs but your body. “

Wenn Recovery leicht ist, ist es nicht Recovery. Aber zusammen ist es leichter!

Und jetzt noch ein kleiner Überblick über die Themen, die Euch dazu in den nächsten Wochen erwarten (nicht abschließend):

Online Recovery Channels: Was man beachten sollte.

Recovery Coaching versus Therapie

Stationäre, teilstationäre, ambulante Konzepte

Das Refeeding Syndrom, wer ist gefährdet und warum.

Gewichtszunahme (Mental Hunger, Extreme Hunger, Overshoot Weight)

Recovery bei Anorexie im Normal- oder sogar Übergewicht

Neuro-Rewiring oder wie man Gewohnheiten verändert

Vor- und Nachteile von Essensplänen

Die Minni-Maud-Methode

Die All-IN-Methode

Das Carolyn Costin Konzept (Eating Disorder Self vs. Healthy Self. 8 Keys to recovery)

Der umgekehrte Weg, u.a. bei chronifizierter ESS: Von mehr Lebensqualität zur Besserung der Symptome

Recovery als Spektrum

Weitere Themenwünsche und Fragen gerne in die Kommentare oder ins Chat schreiben- oder per PN.