Themenwelt –  Essstörungen

VER-MESSEN

Der Body Mass Index in der Kritik

Warum der BMI nicht das Maß aller Dinge sein kann

Der BMI ist ein Richtwert, der das Körpergewichts eines erwachsenen Menschen im Verhältnis zu seiner Körpergröße misst. Daraus eine Beurteilung unserer Gesundheit ableiten zu wollen, finde ich buchstäblich ver-messen. Vor allem wenn man bedenkt, dass Lambert Adolphe Jacques Quetelet (1796 –1874), der Mann, der die Grundlagen für diesen Maßstab legte, „nur“ ein fanatischer Statistiker war. Er glaubte, wenn man eine ausreichende Anzahl Vergleiche hätte, würde das mehr aussagen als individuelle Werte. Und verglichen hatte er vornehmlich die Maße erwachsener Männer.

Ignaz Kaup (1870-144) und Ancel Keys (1904-2004), die den BMI später weiterentwickelten, waren zumindest Mediziner. Aber recht viel aussagefähiger wurden diese Werte trotzdem nicht.

Deshalb:

„[…] The BMI should not be used for individual diagnosis due to complex effects of age and sex in the mathematical determination of the value of BMI and the poor precision of that value to predict health problems of an individual.” (The BMI Myth by Akshay Chopra)

Wie kommt es nun, dass dieses ungenaue Maß bis heute über uns bestimmen kann. Darüber ob wir als unter-, über- oder normalgewichtig eingestuft werden, ob wir Therapien gegen Essstörungen finanziert bekommen, ein Risikopatient sind oder die Rentenversicherung eine Reha genehmigt?

Weil es immer um dasselbe geht: Um das liebe Geld.

Lebensversicherungen in den USA fanden den BMI schon früh ausgesprochen geeignet, um den Gesundheitsbegriff mittels Zahlen solider wirken zu lassen. Es ist schließlich einfacher und vor allem billiger, einen Index zu befragen als aufwändige Untersuchungen zu veranlassen, wenn man wissen will, welcher Versicherungsnehmer wieviel von was bekommen soll.
Aber bis heute sind es keineswegs nur die Versicherungen, die gerne auf Größen zurückgreifen, die sie in eigenem Sinne interpretieren können. Die Ernährungsindustrie z.B. findet das ganz besonders praktisch. So verschob 1998 das „National Institute of Health“ auf Anraten der „International Obesity Taskforce“ die BMI Schwelle, die Übergewicht definiert, mal schnell nach unten.
Folge: Ca.30 Millionen Amerikaner (und andere natürlich) wurden plötzlich übergewichtig. Über Nacht. Und schon am nächsten Tag trafen sie sich in den Apotheken und kauften das Diätpulver der Firmen, die für diesen Schwachsinn verantwortlich waren. Win-Win sieht anders aus.

Die Pharma- und Ernährungsindustrie sind es, die uns seit Jahrzehnten einbläuen, dass auch nur ein kleines bisschen mehr Körperfett aus uns einen schlechten Menschen macht, einen ungesunden, willenlosen, unattraktiven Versager. Sie versuchen ihre Thesen zu beweisen, indem sie eigenfinanzierte Studien veröffentlichen, die ihre Annahmen belegen sollen. Annahmen, die bei genauerem Hinsehen jedoch nicht beweisbar sind.
Tatsächlich kann man nämlich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass Übergewicht die Krankheiten verursacht, die damit verknüpft werden. Genauso wenig stimmt es, dass Menschen deshalb ein höheres Gewicht haben, weil sie undisziplinierte Vielesser sind. Dass es in erster Linie Diäten und permanente Fastenkuren sind, die zu Gewichtszunahme und zu diversen weiteren gesundheitlichen Problemen führen, ist inzwischen zwar bewiesen. You can´t fight biology. Es ist aber immer noch nicht angekommen in den geschickt manipulierten Gedanken der Menschen.

Somit glauben wir hartnäckig, dass Schlankheit tatsächlich das Maß aller Dinge sein muss.

Muss es?

Hier sind sie, die Top 5 BMI Mythen:

  1. Liegt der BMI im unteren Normbereich, ist das gesundheitliche Risiko grundsätzlich gering

Annahme: Ein höherer BMI erhöht das Risiko für hohen Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin. Was liegt da näher als die Schlussfolgerung, ein niedrigerer BMI wäre gesünder!

Falsch!

Eine große Studie erhob die gesundheitlichen Parameter von 40 000 Erwachsenen, mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass viele von denen der Kategorie „übergewichtig“ perfekte Werte hatten während die der Schlanken nicht selten erhöht waren.

„Some studies have actually found that people in the “overweight” category live longest. And even people in the „obesity level“ have no increased risk of mortality. Rather people in underweight category have the highest risk of mortality.” (“The BMI Myth” by Akshay Chopra)

  1. Je höher der BMI umso höher das Herzinfarkt Risiko

Wie gesagt, es ist nicht gesichert, dass ein höherer BMI das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle erhöht. Untersuchungen an Zwillingen zeigen sogar, dass es in der Gruppe der Normalgewichtigen mehr Todesfälle durch diese Erkrankungen gibt als in der der Übergewichtigen.

„A person with a normal BMI who smokes and has a strong family history of cardiovascular disease may have a higher risk of early cardiovascular death than someone who has a high BMI but is a physically fit non -smoker.“(Robert H. Shmerling, Harvard Publishing).

  1. Gesunde Ernährung und Sport halten den BMI im „normalen“ Bereich

Ein wesentlicher Kritikpunkt am BMI ist, dass er die Körperzusammensetzung nicht berücksichtigt. Gemessen an dieser Tabelle wäre jeder aktive Kraftsportler, jeder Bodybuilder übergewichtig bis fettleibig, was ja nun definitiv nicht stimmt. Körperfett macht sich auf der Waage weniger bemerkbar als die um einiges schwerere Muskulatur.
Andersrum ist es keinesfalls so, dass schlanke Sportler immer gesund sind. Ich sag nur „Compulsive Exercise“.

  1. Ein hoher BMI = zu viel ungesundes Körperfett

Abgesehen von der schon genannten Unterscheidung von Fett und Muskeln:

Körperfett ist nicht gleich Körperfett. Das weiche Fett unter der Haut, dass man oft u.a. an der Bauchregion kneifen kann, finden wir zwar meist unästhetisch, es ist aber nicht allzu problematisch. Genauso wenig wie das am Po oder an den Oberschenkeln (Birnenform).

Anders verhält sich das viszerale Fett, das den Bauch wie aufgeblasen wirken lässt (Apfelform). Es ist auf negative Art stoffwechselaktiv. Diese ungesunden „Speicher“ um die inneren (Bauch)-Organe können übrigens auch sehr schlanke Menschen haben (thin outside, fat inside)!

  1. Gesunde Ernährung ist gleich gesunder BMI

Was ist gesunde Ernährung? Vor allem individuell.

Es gibt zwar allgemeingültige Anhaltspunkte, aber eine one fits all Definition dafür zu finden, ist unmöglich. Und gesunde Ernährung mit niedrigem Gewicht zu verknüpfen, ist auch schlichtweg falsch.

Zu viel Quinoa macht auch dick.

  1. Ein BMI zwischen 19 und 25 ist gesund

Ich hatte oben bereits erwähnt, dass der „gesunde“ Bereich des BMI vor Jahren aus Lobbygründen nach unten verschoben wurde. Was so leicht manipuliert werden kann, kann keine verlässlichen Anhaltspunkte liefern.

Abgesehen davon ist auch das Setpoint Gewicht eines Menschen individuell. Das Gewicht, mit dem der Körper am besten funktioniert, kann nicht aus einer Tabelle ausgelesen werden. Der BMI berücksichtigt genetische Faktoren nicht und es gibt nun mal Menschen, die mit einem höheren Gewicht gesünder sind.

„It´s important to recognize that BMI itself is not measuring health or a physiological state. […] It is simply a measure of your size. Plenty of people have a high or low BMI and are healthy and, conversely, plenty of folks with a normal BMI are unhealthy.” (Robert H. Shmerling”, PHD Harvard.)

  1. Das Gewicht auf der Waage definiert Gesundheit

Wenn das Gewicht/der BMI passt, ist alles bestens. Das ist eine fatale Annahme.

Liegt der Fokus auf dem Gewicht, kann es schnell passieren, dass die wirklichen Probleme übersehen werden. Da wird schnell Annahme und Ursache verwechselt. Ganz besonders gefährlich ist diese Schlussfolgerung bei Patienten mit Essstörungen. Patienten mit Anorexie werden übersehen, wenn sie in „normal“ aussehen, während Ärzte denen mit Übergewicht bestmeinend anorektisches Verhalten verschreiben.

Wann ist man denn nun eigentlich gesund und wie kann man besser erkennen, wie es einem Menschen geht als am Gewicht verbunden mit dem BMI?

Das holistische, also ganzheitliche Verständnis von Gesundheit geht davon aus, dass es einem Menschen gut geht, wenn er körperlich, psychisch, spirituell, emotional und sozial im Gleichgewicht ist. Hohes Ziel würde ich sagen 😉

Es zeigt sich, dass Erfahrungen aus der Kindheit, der Bildungsgrad, die berufliche und finanzielle Situation und die Sicherheiten von Freundschaft und Familie wesentlich mehr Einfluss auf die Gesundheit haben als das, was wir essen oder unser Bewegungsverhalten.
Es stellt sich mehr und mehr heraus, dass der Fokus auf Figur und Gewicht nicht nur sein Ziel nicht erreicht, sondern dass er Menschen davon abhält, sich insgesamt gesundheitsbewusster zu verhalten; abgesehen von dem Versagensgefühl und den psychischen Problemen, die sich einstellen, wenn man an jeder Diät scheitert.

„This concern has drawn increased attention to the ethical implications of recommencing [weight loss] treatment that may be ineffective or damaging” “BioMedCentral”

Diäten sollten nicht mehr verordnet werden.

Aber was dann?

Das Projekt „Project Eat III Eating among Teens“ untersuchte das Ess- und Bewegungsverhalten und die Sorgen von Teenagern und jungen Erwachsenen rund um das Gewicht. Ziel war (und ist) es, besser zu verstehen, wie man schon Menschen in jungen Jahren dabei unterstützen kann, sich gesundheitsbewusster zu verhalten.
Es stellt sich heraus, dass intuitive Ernährung eine Alternative zu Diäten sein kann.

„A 10 week intervention combining Intuitive Eating and mindfulness, is more effective than traditional weight-loss programs in improving individuals views of their bodies and decreasing eating behaviors” (PubMed)

Intuitive Ernährung heißt, sich am Hunger- und Sättigungsgefühl zu orientieren und sich zu erlauben, zu essen, was der Körper verlangt und wann er es verlangt.
Die intuitiven Esser neigen laut dieser und anderer Untersuchungen weniger zu Übergewicht, Binge Eating und Essstörungen als diejenigen, die sich ständig zielgerichtet mit Essen und Ernährung beschäftigen.
Sie nehmen keine größeren Mengen und nicht mehr Kalorien, Zucker oder ungesunde Fette zu sich, wenn sie sich an ihren Bedürfnissen orientieren, obwohl sie keinen Regeln und Vorgaben folgen.

Aber ACHTUNG:

An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass ein zuverlässiges und erkennbares Hunger- und Sättigungsgefühl Voraussetzung ist für intuitive Ernährung. Menschen mit Essstörungen haben das nicht, können es aber im Laufe einer Behandlung wiedererlangen, sofern die Therapie darauf ausgerichtet ist, diese Körpersignale zu schulen.
Intuitive Ernährung funktioniert weder als Methode zum Abnehmen, noch zur Gewichtsrestoration und auch nicht für Autisten, die sich nicht auf ihre körperlichen Signale verlassen können. Hier Abhilfe zu schaffen ist eine ziemliche Herausforderung.

Eine weiterer gewichtsneutraler Ansatz ist „Health at Every Size“

Linda Bacon, die Gründerin dieser Bewegung, hat viele Studien unter die Lupe genommen. Ihre Erkenntnisse und ihr Ansatz sind nachzulesen in dem gleichnamigen Buch „Health at Every Size“.  Sehr empfehlenswert, aber leider nur auf Englisch zu erhalten.

HAES lehnt sich am Prinzip der intuitiven Ernährung an. Es orientiert sich am holistischen Gesundheitsverständnis und an der Prämisse, dass Verhalten ein wesentlich besserer Indikator für Gesundheit ist als das Gewicht. Das erkennt man auch bei Essstörungen. Essstörungen sind ein Verhaltensproblem, das sich im Gewicht widerspiegeln kann, aber keinesfalls muss.
Die HEAS Philosophie propagiert die Akzeptanz aller Körper(formen) und kämpft gegen Gewichtsstigma und Ausgrenzung von Menschen mit höherem Gewicht.
Der Kampf gegen das Übergewicht an sich kostet laut Bacon einen hohen Preis: Selbsthass, Besessenheit von Ernährung und Aussehen, Essstörungen, Stress, Ausgrenzung und damit Gesundheit.
Es gibt nur wenige Menschen, die in Frieden leben können mit ihrem Körper, nicht nur mit seinem Aussehen, sondern auch mit dem Vertrauen in seine biologischen Funktionen. Dem kann ich nur zustimmen. Ich kenne vielleicht gerade mal ein oder zwei, die sich nicht ständig kritisieren und/oder ihre Ernährung mitsamt aller Organe mikro- und makromanagen wollen.
Untersuchungen im Rahmen der HEAS Bewegung und andere zeigen den überraschenden Effekt, dass sich die Gesundheit der Menschen, die ihr Diätverhalten aufgeben und ihr Verhalten diesbezüglich ändern, merklich verbessert. Die permanente Beschäftigung mit Körperfunktionen, Essen und Aussehen stresst, erhöht den Coritsolspiegel und fördert Übergewicht eher als es zu verhindern. Und ständiger Verzicht führt schnell mal zu Binge-Eating und schiebt auch auf diesem Weg das Gewicht nach oben.

HEAS sagt nicht, dass Übergewicht gut und gesund ist.

HEAS sagt nicht, dass Übergewicht nicht zu Erkrankungen führen kann.

Es geht vielmehr darum, dass Diäten und massive Körperbezogenheit nicht des Rätsels Lösung sein können, sondern das Problem verschlimmern. Und dass es eben ein Mythos ist, zu glauben, mehr Gewicht sei der Grund allen Übels.

HAES hat folgende Prinzipien:

Man sollte essen, was schmeckt und womit man sich gut fühlt.

Man soll abwechslungsreich essen, damit der Körper alles bekommt, was er braucht.

Früchte und Gemüse sollten zu jeder Mahlzeit gegessen werden.

Man sollte auf seine Körpersignale hören.

Es gibt kein gutes oder schlechtes Lebensmittel. Es kommt immer auf die Menge an.

Bewegt Euch aus Spaß, nicht um Gewicht zu verlieren oder gegen Euch selbst zu kämpfen.

Und wenn ihr unbedingt eine Methode braucht, um Euch zu vermessen, nehmt lieber den Hip to Waist Ratio, den Quotienten Hüfte zu Taille, als den BMI.

Ihr seid gut genug, so wie Ihr seid.