Themenwelt –  Autismus

Was glaubst Du denn?

Religion Glauben Denkmuster

Glauben vs. Wissen: Eine Frage des Spektrums?

Glauben wir Autisten anders als neurotypische Menschen? Oder glauben wir an etwas anderes? Oder nur an das, was wir wissen?
Gibt es überhaupt Zusammenhänge zwischen der „Art zu sein“ und dem, was wir glauben?

Das sind Fragen, über die ich immer mal wieder nachdenke, ganz besonders in den letzten Tagen. Schließlich ist Ostern ja eine Zeit des Glaubens.

Ich werde jetzt nicht speziell über Religionen oder Glaubensrichtungen schreiben. Erstens bin ich nicht sonderlich sattelfest in diesen Bereichen und zweitens sind diese Lehren in ihren Auslegungen genauso individuell wie die Art und Weise, sie zu leben. Eine Auseinandersetzung darüber wäre eher ein Thema für eine Doktorarbeit, als für einen Blog 😉

Ich möchte auch gleich am Anfang betonen: Meinetwegen kann und darf jeder Mensch glauben an was und an wen er oder sie möchte, solange damit niemandem geschadet wird. Jeder hat dafür seinen persönlichen Grund und Nutzen. So solls sein.

Mir geht es vor allem um die Diskussion der Frage, ob autistische Denkmuster eine Auswirkung auf unsere Fähigkeit haben könnten, an etwas zu glauben. Ja, glauben können ist meiner Meinung tatsächlich eine Fähigkeit, denn es kann das Leben leichter und die Welt weiter, bunter und offener machen, wenn man mehr vertraut, anstatt sich immer nach dem Beweisbaren auszurichten.

In der Fußnote[1] findet ihr ein paar Definitionen zum gemeinsamen Verständnis-

Und jetzt erstmal ein bisschen was zu meiner Geschichte:

Ich wurde katholisch getauft. Nach der Firmung habe ich beschlossen: „Das war´s mit Kirche“ und als Erwachsene bin ich ausgetreten.
Als Kind habe ich meine Mutter regelmäßig zum Gottesdienst begleitet. Ich hatte das lange nicht hinterfragt. Die anderen Mütter waren mit ihren Kindern auch sonntags um 10.30 Uhr in der Messe, also dachte ich, das müsste so sein. Verstanden habe ich aber nie, was diese Veranstaltung mit ihren seltsamen Gepflogenheiten sollte und ehrlich gesagt fand ich das Ganze auch ziemlich lästig. Und langweilig.
Ich fragte mich immer, ob all diese Menschen da in den Kirchenbänken wirklich glaubten, was in der Bibel stand und was der Pfarrer da vorne so predigte. Und wenn nicht, was sie für einen Grund haben könnten, so zu tun als ob.
Für mich waren das alles Märchen. Ich hatte noch nie viel Fantasie, Metaphern musste man mir erklären und diese Bibelgeschichten gingen mir zu weit. Und sie gefielen mir auch nicht.
Der Religionsunterricht in der Schule war mir ein Graus. Hier habe ich ganz deutlich gespürt, dass ich total anders denke als die anderen Kinder. Sie beschäftigten sich immer ganz begeistert mit diesen Theorien und ich hatte stets nur die Frage im Kopf, wie es sein könne, dass man so etwas glaube.

Im Kommunions- und Firm- Unterricht war ich nur körperlich anwesend. Hätte ich mich beteiligt, hätte ich einen mords Ärger bekommen, weil ich vermutlich immer nur „aber“ gesagt hätte. Oder schlimmer noch: „Nö, mache ich nicht.“
Am schlimmsten fand ich, dass wir vor der Firmung beichten mussten. Ich war nicht so erzogen worden, dass Fehler Sünden sind, durch die man ein schlechter Mensch wird, wenn man sie nicht beichtet. Ich habe überhaupt nicht eingesehen, dass ich dem Pfarrer etwas Negatives über mich erzählen sollte und dafür büßen müsste. Noch dazu per beten! Aber all mein Widerstand war zwecklos. Ohne Beichte keine Firmung.
Dieses Erlebnis hat schlussendlich dazu geführt, dass ich „fertig“ war mit Kirche. Seitdem war ich in keinem Gottesdienst und ich habe es auch nicht mehr vor.

Mein Verhältnis zur Religion ist hier nur ein Beispiel, denn es spiegelt all meine Schwierigkeiten wider, etwas zu glauben, was nicht in irgendeiner Form nachweisbar ist. Ich brauche eine gewisse Logik, um etwas als meine Wahrheit anerkennen zu können.

Ich vermute, die meisten Autisten kennen das.

Glauben (ganz allgemein) dockt an Bedürfnisse an. Glauben ist emotionales Denken, also denken auf der Grundlage unserer Gefühle. Und das tun die meisten Menschen sehr oft. Es ist allerdings ziemlich fehleranfällig. Das Hirn verwechselt dabei Emotionen mit Fakten, ohne dass uns das bewusst ist, denn Emotionen übernehmen die Kontrolle. Es blendet dabei Logik und Tatsachen aus und ignoriert alle objektiven und rationalen Beweise. Oder interpretiert sie so um, dass sie mit unserer gefühlten Wahrheit übereinstimmen. Wer schon mal versucht hat, einem anderen etwas auszureden, an das er glaubt, der weiß: Dem ist nur sehr schwer beizukommen. Kaum ein Argument hilft und selbst der deutlichste Beweis wird ignoriert. Deshalb funktioniert Glauben, und zwar jeder Art.
Diese Mechanismen des emotionalen Denkens machen natürlich auch vor Autisten nicht halt. Aber unsere Gehirne bevorzugen eigentlich eine andere Denkrichtung.

Was ist damit gemeint?

Es gibt zwei Denkabläufe, die alle Menschen nutzen, nur in unterschiedlichen Tendenzen. Das sind die „Top Down und Bottom Up“ Prozesse.
Studien haben ergeben, dass Autisten häufiger als neurotypische Menschen „bottom up“ Denker sind. Das heißt, Verarbeitung findet langsamer statt. Das hat auch eine Menge Nachteile, die einen gesonderten Artikel wert sind.
Ein großer Vorteil aber ist, dass wir mehr Details wahrnehmen, was uns zu wahren Logiksensoren machen kann. Wir steigen automatisch tiefer in die Materie ein, wir hinterfragen mehr und intensiver, was anderen oft lästig ist, was wir aber tun müssen, weil wir Informationen sonst nicht miteinander verbinden und verarbeiten können. Wir erkennen so besser, wenn etwas nicht zusammenpasst und das führt fast automatisch dazu, dass wir unsere Entscheidungen weniger emotionsgeleitet sondern mehr an beweisbaren Fakten orientiert treffen. Das betrifft auch die Entscheidungen, woran wir glauben.

Die andere Richtung, also „top down“ beschreibt das schnelle Denken, das sich nicht allzu sehr an Details orientiert, dafür aber umso eher das große Ganze, das Gesamtbild, erfassen kann. Entscheidungen und Meinungen bilden sich schneller, denn das Denken greift auf vorangegangene, auch emotionale, Erfahrungen und Einstellungen zurück. Verarbeitung läuft parallel und unkompliziert. Es kann aber fehlerhafter sein, weil eben Detailaspekte unbeachtet bleiben.
Viele Autisten sind gleichzeitig hochbegabt, so dass sich Top Down und Bottom Up Prozesse die Waage halten. Hochbegabung tendiert nämlich eher zu Top Down.

Der Ansatz der unterschiedlichen Denkweisen ist nicht das Einzige, was man findet, wenn man sich mit Autismus und Glauben beschäftigt. Es gibt da zum Beispiel noch die seltsame Annahme, dass Autisten sich schwertun, an eine Religion zu glauben, weil wir eine schlechte Theory of Mind haben. Wir können demgemäß die Absichten Gottes nicht erkennen. Auuuutsch!!!

Oder das hier: Unsere Hypersensorik sei die beste Voraussetzung, uns leichter und schneller mit unserem „Höheren Selbst“ zu verbinden, was Religion und Spiritualität gleichermaßen als Voraussetzung oder auch als Ziel haben sollten.

Vielleicht ist Glauben vs. Wissen aber auch gar keine Frage des Spektrums.
Möglicherweise spielen unsere Sozialisation und unsere Erziehung eine weitaus größere Rolle, ob wir eher dazu neigen, uns an Beweisbarem zu orientieren oder uns einer Glaubensrichtung anzuschließen.
Eventuell stehen andere autistische Besonderheiten im Vordergrund als der Glaube, wenn sie sich dafür entscheiden, sich spirituellen und anderen Gemeinschaften anzuschließen. Denn das ist gar nicht so selten.
All diesen Communities ist gemeinsam, dass sie sehr auf soziales Miteinander, auf Zugehörigkeit und Verbundenheit ausgerichtet sind. Alles Attribute, die sich die meisten Autisten wünschen, die für uns aber oft unerreichbar sind. Diese Gruppen jedoch funktionieren nach einem Modell, das auch für den/die einen oder anderen Autisten gut machbar ist.
Es gibt Regeln, Strukturen und Rituale. Egal, ob es das Gebet, die regelmäßige, oft gleichförmige Arbeit und der Rosenkranz im Kloster sind oder die Meditationsübungen in spirituellen Gruppen: Autistische Eigenschaften fallen hier weniger auf.
In vielen Religionsgemeinschaften ist es auch nicht seltsam, asexuell zu sein. Gesänge, Gebete, repetitive Handlungen sind erlaubtes Stimming. Gespräche sind themenzentriert. Es geht um philosophische Themen, um den Glauben, um die Praktiken. Smalltalk wird seltener verlangt.

Was gebe es für einen besseren Ort für so manchen Autisten als ein Kloster oder ein abgelegenes Retreat?

Aber Vorsicht!
Es gibt Gemeinschaften, die durchaus gefährlich sein können, ganz besonders für uns Autisten, die wir selbst nicht fähig sind zu manipulieren und erst merken, wenn wir manipuliert werden, wenn es zu spät ist.

Sagt Euch Love Bombing etwas?
Man bekommt Aufmerksamkeit. Man wird mit Zuneigung und Liebe überschüttet. Man wird als etwas Besonderes hervorgehoben. Es wird der Himmel auf Erden versprochen. So fangen Sektenfänger Mitglieder und die IS jugendliche, naive Rekruten. Wer hier nicht schnell genug das Gesamtbild erkennt oder geleitet ist von emotionalem Denken, der hängt drin. Und hat verloren. Egal ob autistisch oder nicht.

Um nun wieder auf die Ausgangsfragen zurückzukommen:
Es gibt keine repräsentativen Aussagen darüber, ob und inwiefern die Tendenz Glauben vs. Wissen und Autismus zusammenhängen.
Glauben ist individuell und ob man eher zu emotionalem Denken und Agieren neigt oder mehr zu Beweisbarem tendiert, ist vermutlich eher persönlichkeitsabhängig als eine Frage des Spektrums.
Bestimmte Eigenschaften von Glaubensgemeinschaften können für autistische Menschen anziehend und sinnstiftend sein, doch sollte sich niemand einem Orden oder einer Community anschließen, nur weil die Bedingungen zu stimmen scheinen. Ich glaube, wenn man nicht ernsthaft an das glaubt, was dort praktiziert wird, kann man nicht zufrieden leben.

Ich persönlich bemühe mich, mich auch für andere Denkweisen zu öffnen.
Das bedeutet nicht, dass ich auch nur versuche, mich weniger an Wissen und mehr an Emotionalem zu orientieren. Das würde nicht funktionieren, denn mein Hang zur Logik ist ein Teil von mir. Sie macht mich aus. Aber zu verstehen, was mein Gegenüber antreibt, was ihn hinzieht zu dem, was er/sie glaubt, gibt mir ein besseres interaktives Verständnis, eine neue, andere Perspektive und damit mehr Toleranz und mehr Offenheit für diese neurodiverse Welt.

[1] Glauben im Allgemeinen bedeutet, dass man etwas für wahr und realistisch hält, ohne dass dies bewiesen ist oder bewiesen werden kann. Glauben ist eine Annahme.

Für den Glauben im Sinne der Religion bemühe ich ein Zitat, ohne es zu (be)werten:

„[…] mein Vertrauen hoffnungsvoll auf Gott zu setzen, weil ich mich von ihm getragen weiß! „Glauben“ ist nicht „nicht wissen“, sondern „mehr wissen“, weil ich dem Wort eines überaus glaubwürdigen Gegenüber vertraue.“

Zu Wissen gibt es eine Menge Erklärungsansätze. Ein allgemeingültiger ist: Es ist „allgegenwärtig, endlos existierend und fungibel. Prinzipiell unbegrenzte Kopierfähigkeit ist eine weitere Eigenschaft von Wissen. Damit wird Wissen zu einem sogenannten paradoxen Gut: Wissen kann nicht „verbraucht“ werden. Wissen (oder Information) ist der Rohstoff der durch Teilung nicht weniger wird.“