Themenwelt –  Essstörungen und Autismus

Covid 19 ist ein Arschloch

Und dieser Artikel ist nicht schön.

Trotzdem: Frohe Ostern!

Liebe Alle,

ich sitze hier schon seit einer Weile und ringe um Worte. Als Bloggerin und Mitmensch gehört es sich schließlich, meiner Community schöne Ostern zu wünschen. Aber alles, was ich schreiben könnte, fühlt sich irgendwie verkehrt an.

Na klar wünsche ich Euch allen frohe Ostern und das Allerbeste! Von Herzen. Wirklich.

Nur: froh?

Ich glaube, das ist gerade Themaverfehlung.
Und „das Allerbeste“ ist vermutlich für viele auch eher weit entfernt. Wie also nette Worte finden, die sich nicht lesen, wie eine Farce. Noch dazu für mich als Autistin. Ich kann nicht labern und schon überhaupt nicht so tun als ob.
Ich kann mich grad nicht über österliche Selbstfürsorge und „Well-Being“ auslassen; ich habe da grad keinen Bock drauf. Ich kann´s irgendwie nicht mehr hören. Ostern hin oder her: Diese ganze Situation ist fucked-up. Punkt. Und ich bin es auch. Und deshalb wird dieser Artikel nicht schön. Nochmal Punkt.

Ich weiß ja nicht wie es Euch geht, aber diese „unter normalen Umständen“ wohltuenden Überlebensstrategien werden langsam aber sicher zum Zusatzstress. Noch dazu, weil alles in den eigenen vier Wänden stattfinden muss. Man darf ja nicht riskieren, vom Rad zu fallen oder sich beim Joggen den Knöchel zu verstauchen, weil man sonst ein Erschwernisfaktor für das medizinische System werden könnte. Abgesehen davon: Der Wind, den man macht, wenn man rennt oder radelt, könnte „ES“ übertragen. Allein durch die Atemluft.

Also „Stay at home.“

Seit drei Wochen mache ich jetzt in meinem Wohnessschlafzimmer herauf- und herabschauende Hunde und der Krieger ist inzwischen meine erste Identität. Ich bin so gedehnt wie ein ausgeleiertes Gummiband.

Ich atme ein auf vier und aus auf vier. Wer mich kennt, der weiß, wie sehr ich lautes Atmen hasse.

Ich versuche meditative Stille. Ich höre meinem Mantra zu. Und meinen Nachbarn. Und den Kindern auf der Wiese. Und meinem Atem. Lass mal!

Ich habe so ziemlich jede Podcastfolge gehört, die ich immer schon hören wollte. Jetzt habe ich Ohrenschmerzen von den Headphones. Kein Scherz.

Im Regal stehen ca. 10 ungelesene Bücher. Ich liebe lesen und eigentlich hätte ich ja Zeit. Geht aber nicht. Meine Konzentration funktioniert nur noch im Hyperfokus. Also dann, wenn ich zum Beispiel Artikel schreibe. Aber auch dieser Zustand ist nur noch schwer erreichbar.

Meine Energie wird aufgesaugt von der Stimmung um mich rum, von den Aggressionen der Leute, von dem manchmal so irrationalen Verhalten, von dem Gefühl, jeder Manns und Fraus Feindin zu sein und von den nächtlichen, stundenlangen Videochats meines Nachbarn. Heute früh hatten wir einen Thread im Aspies Forum über diese und andere Nebenwirkungen von Covid19.
Darüber, wie schwierig es für die meisten von uns ist, schon unter normalen Umständen eine einigermaßen erträgliche Bleibe zu finden, weil das schlimmste aller Geräusche menschliche Stimmen sind. Und Laubbläser. Und Betonbohrer. Und überhaupt. Ich habe mich gefragt, wie das wohl wird, wenn der Lock Down ein locker Down wird. Wenn sich Leute wieder treffen können, aber nicht in Kneipen. Oder im Biergarten. Oder beim Konzert. Hausparty wird dann wohl der Trend 2020. Und wir Autisten werden in Besenkammern, Kellerabteile und unsere Autos in den stillen Tiefgaragen ausweichen, um schlafen zu können. Hat´s alles schon gegeben. Autistische Realitäten sind so. „Stay at home.“

Ach ja, noch was. Die Mundschutzpflicht. Ich mag Augen, wirklich. Nicht alle Autisten tun das, aber ich finde Augen toll. Hilft aber nix, denn sie reden nicht mit mir. Ich brauche die Mundpartie. Und nicht nur ich. Was ist mit den Menschen, die taub sind? Die auf Lippenlesen angewiesen sind?

Covid 19, Du bist ein Arschloch. Sorry, aber das musste mal gesagt werden.

Und was machen wir jetzt mit Ostern 2020?

Na das Übliche: Daheimbleiben. Eier unterm Sofa verstecken. Oder in der Microwelle. Abstandhalten. Skypen. Und überlegen, welche Wohlfühlstrategien wir noch nicht ausprobiert haben. Oder trotzdem Laufen gehen. Trotzdem Radeln gehen. Notfalls morgens um sieben. Aber nicht alle, sonst atmen wieder zu viele gleichzeitig aus.

Und natürlich hoffen. Hoffen, dass wir gesund bleiben. Dass wir nach Ostern wieder zu Freunden werden können. Dass alles nach und nach wieder freundlicher wird. Dass „jede Krise ist auch eine Chance“ nicht nur ein blöder Spruch ist und tatsächlich für unsere Welt und für jeden von uns auch etwas Positives bleibt. Oder etwas Negatives geht.

Und tschüss Covid19!

Genießt die Sonne, sie ist weit weg und keimfrei.

Schöne Ostern

Eure Ani