Themenwelt –  Essstörungen

Diabulimie

Diabetes und Essstörungen

Warum Diabetiker nicht mit ihrem Insulin spielen sollten

Disclaimer

  1. Um die Ernsthaftigkeit und Schwere des Krankheitsbildes „Diabulimia“ zu verstehen, muss man ein bisschen was über Diabetes, dessen Entstehung, Folgen und Behandlung wissen. Ich bin keine Ärztin, keine Spezialistin für diese Stoffwechselstörung. Um weder das Thema noch meine Kompetenzen zu sprengen, werde ich mich im Folgenden auf das absolut notwenige Grundwissen beschränken. 
  1. Für viele junge Menschen beginnt der Leidensweg einer Essstörung beim Lesen eines Artikels, beim Quatschen mit der besten Freundin oder bei einem Filmeabend. Warum? Weil sie erst durch Berichte und Erzählungen anderer lernen, was man so alles anstellen kann, um sein Gewicht zu manipulieren.
    An all die DiabetikerInnen unter meinen Lesern:
    Lest diesen Beitrag als Warnung und nicht als Ansporn, etwas auszuprobieren, dass schwerwiegendere und nachhaltigere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen wird als jede andere Essstörung. Fangt nicht damit an! Das gilt auch für diejenigen, die keine diagnostizierte Essstörung haben, aber unzufrieden sind mit Figur und Aussehen. Das Spiel mit dem Insulin ist wie der erste Schuss Heroin: Einmal ist keinmal.
    Wenn Ihr merkt, dass Ihr heimlich gespannt darauf seid, welche Tipps man hier rausholen könnte, lest nicht weiter! Bitte übernehmt Verantwortung für Euch selbst.

 

Diabetes mellitus:

Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselstörung, von der ca. 6,7 Millionen Deutsche betroffen sind. 5 % haben Diabetes Typ 1, der meist schon in der Kindheit und Jugend beginnt. Der weitaus größere Teil (95 %) entwickelt den sog. Altersdiabetes Typ 2. Er entwickelt sich  in der Regel im späteren Leben, aber auch hiervon sind inzwischen immer mehr jüngere Menschen betroffen.

Diabetes mellitus hat man, wenn der Zuckergehalt (Glukose) im Blut zu hoch ist.
Wir nehmen Glukose durch unsere Nahrung auf, vornehmlich durch Kohlenhydrate. Sie ist unser wichtigster Energielieferant.
Insulin, ein Hormon, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird, hilft dabei, die Glukose aus der Nahrung in die Körperzellen zu transportieren und so Energie bereitzustellen. Bestimmte Störungen im Zuckerstoffwechsel führen dazu, dass die Bauchspeicheldrüse zu wenig oder gar kein Insulin mehr produzieren kann und/oder das Insulin nicht mehr optimal genutzt wird. Die Glukose erreicht die Zellen nicht, sie bleibt im Blut. Der messbare Zuckerspiegel steigt, der Zuckerwert wird zu hoch.

Beim Diabetes mellitus Typ 1 liegt ein Mangel an Insulin vor, der durch ein Versagen bestimmter Zellen in der Bauchspeicheldrüse verursacht wird. Diese Autoimmunerkrankung ist häufig genetisch bedingt oder wird durch andere Erkrankungen verursacht. Von Typ 1 Betroffene müssen lebenslang Insulin zuführen, um gesund zu bleiben.

Der sogenannte Altersdiabetes Typ 2 entwickelt sich meist langsam und zunächst unbemerkt, wenn die Zellen der Muskeln, der Leber und des Fettgewebes für die Wirkung des Insulin unempfindlich werden (=Insulinresistenz). Die Bauchspeicheldrüse versucht, das auszugleichen, indem sie erstmal immer mehr Insulin ausschüttet. Diese Kompensation bewirkt, dass der messbare Blutzuckerwert anfangs noch im normalen Bereich liegt, obwohl die Abläufe bereits gestört sind.
Erst nach und nach kommt die Insulinproduktion zum Stillstand und führt dann zu einem erkennbaren Zuckerüberschuss im Blut.
Man geht davon aus, dass Übergewicht und Bewegungsmangel die Hauptrisikofaktoren für die Entwicklung eines Typ 2 Diabetes sind. Auch eine gestörte Produktion bestimmter Hormone im Darm und Erbfaktoren könnten ursächlich sein.
Wird das Problem rechtzeitig erkannt und wird mit entsprechenden Maßnahmen gegengesteuert, kann die Erkrankung zum Stillstand kommen. Auch ein Großteil der Typ 2 Diabetiker wird insulinpflichtig.

Insulin öffnet also die Zellen, damit Glukose einfließen kann. Das Gegenspielerhormon von Insulin ist das Glukagon. Auch das wird von der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet, und zwar dann, wenn sich zu wenig Zucker im Blut befindet, der Blutzuckerspiegel also zu niedrig ist. Das passiert z.B., wenn man zu lange nichts isst oder sich kohlenhydratarm (ketogen) ernährt oder wenn Diabetiker nicht richtig auf ihren Insulinbedarf eingestellt sind.
Glukagon bewirkt dann, dass die Leber und Muskeln ihre Glukosereserven frei machen und ins Blut abgeben. Dadurch wird vorübergehend eine gefährliche Unterzuckerung vermieden. Bei gesunden Menschen, die sich ausgewogen (incl. Kohlenhydrate!) ernähren und deren Gewicht weder zu hoch noch zu niedrig ist, ist durch dieses Wechselspiel eine gleichmäßige Versorgung des Körpers mit Energie gewährleistet.

Diabulimie (ED-DMT 1)

„Diabulimie“ ist ein Kunstbegriff, der von den Medien geprägt wurde. Dia steht für Diabetes (Typ 1) und Bulimie soll in diesem Zusammenhang beschreiben, dass Diabetiker, die gleichzeitig eine Essstörung haben, auf ihr lebenserhaltendes Insulin verzichten, um ihr Gewicht zu manipulieren (Insulin-Purging).
Diese Erkrankung wird nicht gesondert im ICD 10 aufgeführt. Als Diagnose wird die zugrundeliegende Essstörung gewählt, die eben in diesem Fall einen Menschen mit Diabetes trifft. Und das passiert sehr oft!

31 % der Diabetiker (vor allem Jugendliche) missbrauchen zumindest gelegentlich ihr Insulin zur Gewichtskontrolle.

Menschen mit Diabetes Typ 1 sind ca. 2-4-mal häufiger von Essstörungen betroffen als nicht-Diabetiker.

Ein hoher Prozentsatz der Diabulimie-Patienten verstirbt nach ca. 11 Jahren an den Komplikationen.

Diabetes Typ 2 ist nicht selten eine Folge von Binge Eating Disorder oder Bulimie und kann sich bessern, wenn die zugrundeliegende Essstörung behandelt wird.

Sowohl Essstörungen als auch Diabetes Typ 1 beginnen meist in der Pubertät, in einer Lebensphase voller Unsicherheiten, die auch ohne zusätzliche Erschwernisse schon eine große Herausforderung sein kann. Viele Gedanken und Verhaltensweisen Jugendlicher kreisen um ihre Körper und um Vergleiche mit anderen. Entwickelt sich in diesem Alter ein Diabetes, ist das erste Symptom meist ein rapider und scheinbar müheloser Verlust der pubertätsbedingten Extrakilos. Wie wir heute wissen, reicht allein ein schneller Gewichtsverlust aus, um bei genetisch vorbelasteten Menschen den Teufelskreis einer Anorexie zu triggern.
Präventiv sollten Ärzte deshalb ein besonders wachsames Auge auf Jugendliche mit beginnendem Diabetes haben!
Komplimente und das Gefühl, gesehen zu werden, verfestigen den Wunsch, das Gewicht möge doch nun so gering bleiben, wie es ist. Und dann beginnt die Insulintherapie, die „Zucker-Diät“. Das ist praktisch eine Verschreibung essgestörten Verhaltens.
Werte müssen genau kontrolliert und protokolliert werden. Jede körperliche Veränderung bekommt 100 % Aufmerksamkeit, die Angst vor den Folgen eines ungenau eingestellten Diabetes ist groß. Perfektionismus und Zahlenobession haben damit eine solide Grundlage.
Ernährung wird moralisiert, Lebensmittel werden eingeteilt in gut und schlecht, in erlaubt und verboten.Die auch für Diabetiker lebensnotwendigen Kohlenhydrate werden extrem limitiert. Lebenslange Verbote bei einer Insulindiät stressen die Patienten. Dauerverzicht ist nur schwer durchzuhalten, denn der Köper wehrt sich vor allem gegen einen Mangel an Kohlenhydraten, der instinktiv „verhungern“ signalisiert und sein Überleben bedroht. Der „Restrict-Binge-Cycle“ beginnt. Die Mahlzeitenstruktur wird chaotisch, es folgen häufige Essattacken, in denen sich Betroffene all das zurückholen, was ihnen verboten wurde (oder sie sich selbst verbieten). Sie versuchen, das schlechte Gewissen und die Angst vor Gewichtszunahme mit Fasten und immer weniger Insulingabe wieder gut zu machen. Darauf folgt zwangsläufig der nächste Fressanfall- natürlich ohne Insulinanpassung, denn, wie bereits geschrieben, wird bei Insulinmangel und Überzuckerung die lebensnotwendige Energie aus den Fettreserven und der Muskulatur des Körpers gezogen, die Körpermasse nimmt rapide ab, das Gewicht sinkt. Man wird dünn oder nimmt zumindest nicht zu. DAS ist das erklärte Ziel der Diabulimiker, aber der Preis ist hoch.

Die Zuckerwerte sind irgendwann nicht mehr kontrollierbar, die Folgen des Insulinmangels machen sich mehr und mehr bemerkbar. Trotzdem verweigern sie die rettende Insulingabe, denn die führt ja zwangsläufig dazu, dass die verlorenen Kilos schnell wieder sichtbar werden.

 Warum passiert das?

Essstörung bedeutet Mangelernährung, egal bei welchem Gewicht. Die Folgen wurden in anderen Artikeln mehrfach beschrieben. Schnelle Gewichtszunahme bei regelmäßiger Kalorienzufuhr ist eine davon.

Bei Diabetikern, die auf Insulin verzichten, passiert nach Insulinsubstitution außerdem folgendes:

Das Körperwasser, das bei einem entgleisten Zuckerspiegel in großen Mengen ausgeschieden wird, wird wieder gebunden. 1 Liter Wasser ist ein Kilo auf der Waage.

Wenn der Blutzuckerwert die sogenannte Nierenschwelle überschreitet, wird Glukose, und damit eine Menge Kalorien, über den Urin ausgeschieden. Wird der Diabetes behandelt, steht dieser Zucker wieder als Energie zur Verfügung.

Gerade in der Anfangsphase einer Insulintherapie entsteht schnell Unterzucker, bis Patienten wissen, wie sie ihre Werte anpassen müssen. Und Hypoglykämie (plus der verordnete Verzicht auf Kohlenhydrate) machen häufig Heißhunger. So entsteht schnell ein Kalorienüberschuss.
Unterzuckerung ist vermutlich auch unabhängig von Essstörungen die Hauptursache für eine schnelle Gewichtszunahme unter beginnender Insulintherapie, vor allem bei Jugendlichen, denn deren Zuckerwert wird häufig von den Eltern kontrolliert. Sie haben verständlicherweise Angst vor den Folgen [1]eines zu niedrigen Spiegels und „zwingen“ ihre Kinder zu essen, sobald der Glukosewert fällt oder das Kind zum Sport geht.

Trotz der strikten Überwachung durch ihre Erziehungsberechtigten und/oder Ärzte verstehen es Betroffene anfangs noch sehr gut, ihr Verhalten und ihre gesundheitlichen Probleme zu verheimlichen. Sie lernen schnell, ihre Insulindosis so zu managen, dass sie gerade genug Insulin nehmen, um eine diabetische Ketoazidose, also eine Übersäuerung des Blutes, zu vermeiden und dadurch klinisch auffällig und behandlungsbedürftig zu werden.

Dennoch gibt es selbstverständlich Warnzeichen, die denen anderer Essstörungen sehr ähnlich sind.

Angst vor der Insulingabe

Limitieren der Insulinmenge

Diabetestagebücher werden gefälscht

Arztbesuche werden vermieden

Unregelmäßige Nahrungsaufnahme

Vermeiden gemeinsamer Mahlzeiten

Keine Süßigkeiten und kein Fett

Einteilen der Lebensmittel in gut und schlecht

Fressanfälle, vor allem im Unterzucker!

Körperschemastörungen

Gewichtsfokussierung

ED-DMI 1 (Diabulimie) Symptome:

Frühe Komplikationen, wie:

Dauerhaft zu hohes Hämoglobin (A1C) als Indikator zur Diagnose

Häufige Notfälle (Notaufnahme, Notarzt) aufgrund von Unterzuckerung

Infekte (Blasenentzündungen, Hautirritationen, Erkältungen u.a.)

Kopfschmerzen

Erbrechen

Gastroparese (langsame Magenentleerung)

Häufiger Harndrang

Starker Durst

Nierenerkrankungen

Herzerkrankungen

Schlaganfall

Augenschäden

Exzessiver Hunger

Lethargie

Elektrolytentgleisungen

Das Gewicht ist meist normal oder zu niedrig.

Behandlung:

Diabulimie wird oft erst spät erkannt.

  • Es gibt viele Ursachen für einen schwankenden Zuckerspiegel: Hormone, Stress, Schlafentzug, Infekte, Hitze, Kälte usw. Diabulimiker wissen das natürlich. Sie kennen alle Tricks, ihre Manipulationen zu erklären und somit lange zu verschleiern.
  • Ärzte wissen zwar, dass vor allem jugendliche Diabetiker ihre Insulinbehandlung nicht immer so genau nehmen, aber dass sich dahinter eine schwere Essstörung verbergen kann, ist tatsächlich oft unbekannt.
  • Es wird grundsätzlich selten nach dem Essverhalten gefragt, wenn jemand ein normales oder niedriges Gewicht hat. Viele Ärzte und auch Ernährungsberater verknüpfen Gesundheit (auch ihre eigene) automatisch mit einem möglichst sehr schlanken Körper und halten ein niedriges Gewicht als absolut notwendig für Diabetiker.

Bei Verdacht auf Diabulimie können drei Screening- Tools (DEPS-R, SCOFF, EAT-26) abgefragt werden. Leider sind diese Instrumente online nicht zugänglich.

Die Therapie einer Essstörung, die mit Diabetes verbunden ist, ist besonders schwierig. Essstörungen können sich nur bessern, wenn Betroffene essgestörte Verhaltensweisen ver-lernen. Es ist immens problematisch, eine Besserung zu erreichen, wenn Restriktionen, also Verbote, Einschränkungen und strikte Regeln die Grundlage der Therapie bilden, und das ist bei Diabetes oft der Fall.

Im Gegensatz zu englischsprachigen Ländern haben sich gewichtsneutrale Therapieansätze in Europa leider noch nicht etabliert. Viele seriöse Studien haben längst bewiesen, dass die Gegenregulationen des Körpers bei Diäten die Hauptursache für Übergewicht sind und Hungerkuren keinen Einfluss haben auf ein gesundheitsbewussteres Verhalten.
Der gewichtsneutrale Behandlungsansatz erkennt, dass gestörtes Essverhalten, Essstörungen und auch ernährungsbedingte Erkrankungen sehr viel mehr von Verhaltensänderungen profitieren als von Diäten. Durch Anpassung des individuellen Lebensstils, durch (wieder-) erlernen der körperlichen Signale, werden das Wohlbefinden, die Selbstakzeptanz und die körperliche Gesundheit positiv beeinflusst, unabhängig vom Körpergewicht. Es gibt gerade in USA inzwischen viele Ärzte, Ernährungsberater und Therapeuten, die nach diesen Richtlinien arbeiten.
Bei der Behandlung von Diabulimie muss erstmal das Insulin so eingestellt werden, dass Betroffene aus der Gefahrenzone kommen und die bereits bestehenden Folgeschäden minimiert werden können. Das geht oft nur in einer stationären Akutklinik.
Parallel dazu müssen die darunterliegenden Denkmuster und Verhaltensweisen bearbeitet werden, vor allem auch im Hinblick auf den Diabetes der Patienten.

Essstörungstherapie zielt darauf ab, die rigiden Strukturen zu durchbrechen und mehr Flexibilität zu etablieren sowohl in der Nahrungsmittelauswahl als auch in den Essenszeiten. Das sollte auch für Diabulimie Patient soweit es geht möglich gemacht werden. Der „Health at Every Size“ Ansatz hat hier gute Tools, die in einem der nächsten Artikel näher beschrieben werden. Eines davon ist das Erlernen des intuitiven Essens. Das ist jedoch nicht für jeden möglich.
Diabetiker brauchen eine gewisse Struktur. Diabulimiker haben jedoch in der Regel ein sehr chaotisches Essverhalten. Drei Mahlzeiten und drei Snacks wären das Optimum.

Bei der Auswahl des Essens dagegen sollte so viel Spielraum gelassen werden, wie irgend möglich. Experten schlagen vor, es sollte unter Aufsicht getestet werden, was die Patienten gerne essen und problemlos essen können und wie der Blutzucker darauf reagiert, um dann das Insulin entsprechen anzupassen. Vorgaben bezüglich erlaubten und verbotenen Nahrungsmitteln sollten so weit als möglich vermieden werden. Auch Kohlenhydrate sind erlaubt, denn jeder Mensch braucht sie!

Mittelfristig sollten auch Jugendliche ihren Insulinspiegel selbstverantwortlich kontrollieren, erst in kurzen Abständen, um die Reaktionen ihrer Körper kennen zu lernen. Der Blutzuckerspiegel wird so zum Feedbackgeber, welche Nahrungsmittel problemlos gegessen werden können und welche mit Vorsicht. Später können die Kontrollabschnitte verlängert werden, so dass die permanente Fixierung auf Zahlen gelockert wird. Eine nicht zu enge Kontrolle macht auch deshalb Sinn, weil der Zuckerwert von viel mehr Faktoren abhängt, als vom Essen an sich. Er schwankt ständig, so dass Perfektion hier nicht zu erreichen ist. Es sollte deshalb ein Mittelwert angestrebt werden.

Und Essen sollte wieder Essen sein und nicht ein Konstrukt aus Zahlen und Werten. Es hat sich gezeigt, dass bei allen Diabetikern (Typ 1 oder 2) eine lockerere Handhabung der Richtlinien deren Werte stabilisiert, da so dem diabetischen Burnout entgegengewirkt wird und Freude am Leben zurückkommt. Weniger Stress bedeutet bessere Zuckerwerte. Mehr Selbstverantwortung führt zu einem besseren Gefühl für sich selbst und so fast automatisch zu einer besseren Ernährung.

Körperschemastörungen und Ängste begegnet man bei Diabulimie genauso wie bei anderen Essstörungen am besten mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen.

 

Noch ein paar Anmerkungen zu Typ 2 Diabetes:

Vor allem Diabetes Typ 2, also der sogenannte „Altersdiabetes“, geht häufig mit einem höheren Gewicht einher. Es ist wohl nicht ganz geklärt, ob das Übergewicht entsteht, weil diese Menschen sich entsprechend ernähren oder ob es das erste Anzeichen einer noch unbemerkten Entgleisung des Zuckerstoffwechels ist. Neuere Erkenntnisse gehen von letzter Annahme aus.

Unerkannte Hyperinsulinämie (=zu viel Insulin im Blut) könnte zu Gewichtszunahme führen:

Indem der Überschuss an Glukose als Fett eingelagert wird.

Indem ein Überschuss an Insulin das Hormon Leptin schwächt, das Sättigung signalisiert und

indem sich dadurch der Appetit erhöht

Man weiß, dass Gewichtsverlust die Werte der Typ 2 Diabetiker verbessert. Trotzdem sind Diäten nicht die Lösung und führen schon gar nicht zur Heilung. Diese Korrelation ist schlichtweg falsch. Kohlenhydratarme Diäten senken lediglich den Blutzucker, so wie eine Brille die fehlende Sehkraft ersetzt, die Augen aber nicht heilen kann.
Diäten kompensieren die maladaptiven Mechanismen, und das auch nur kurzfristig. Studien haben ergeben, dass die Zuckerwerte der Typ 2 Diabetiker nach einer anfänglichen Verbesserung ca. 6–18 Monaten später wieder ihr hohes Ausgangsniveau erreichten, selbst bei denjenigen, die ihr niedrigeres Gewicht halten konnten.

Medikamente sind ein weitere Faktor, der das Gewicht beeinflussen kann. Es gibt Antidiabetika, die das Gewicht tatsächlich erhöhen und andere, die gewichtsneutral sind oder sogar zu einer Abnahme führen. Bei Menschen mit Übergewicht sollte auf gewichtsneutrale Substitution geachtet werden (Metformin ist hier als Beispiel zu nennen).
Dasselbe gilt für Psychopharmaka. Viele Menschen mit Diabetes, besonders diejenigen, die gleichzeitig eine Essstörung haben, leiden unter Depressionen, Ängsten oder Zwängen. Auch Medikamente gegen diese Komorbiditäten sollten nicht zusätzlich das Gewicht nach oben treiben.

Es ist auch bei Typ 2 Diabetes zielführender, mit dem Verhalten zu arbeiten, als mit dem Gewicht.
Das Essen, das bei Diabetikern, die Essattacken haben, gegessen wird, sollte nach und nach über den Tag verteilt werden. Das vermeidet den Binge-Restrict-Cycle und hält den Zuckerspiegel stabiler.

Mehr Alltagsbewegung, Behandlung von Schlafstörungen (Schlafapnoe), Reduzierung von Stressfaktoren und eine weniger angstvolle und rigide Umgangsweise mit ihrem Diabetes verbessern auch deren Werte nachhaltiger, als das Spiel mit der Ernährung, das häufig ein größerer Eingriff in die Körperfunktionen ist, als jedes Medikament. Macht sich nur kaum einer klar!

Wer das Gefühl für die Bedürfnisse des eigenen Körpers zurückgewinnt und trotz Diabetes und einem möglicherweise höheren Gewicht wieder Freude am Leben finden kann, wird sich sicherlich leichter tun, mit seiner Erkrankung umzugehen. Eine gefährliche Manipulation des lebensrettenden Insulins wird dann nicht mehr notwendig sein.

Links:

 Glenys Oyston, Ernährungsspezialistin für Diabetes

Health at Every Size für Diabetiker

Antidiabetika

[1] Unterzucker ist sehr schlecht für das Gehirn, denn es braucht Glukose, um zu funktionieren. Ketone sind kein langfristiger Ersatz! Es drohen Krampfanfälle und Lähmungen. Die Sehkraft leidet. Atem- und Kreislaufstörungen bis hin zu Bewusstlosigkeit, Koma und sogar Tod sind schwerwiegende Folgen.