Themenwelt – Autismus

Frauen sind anders, Männer auch!

Autismus bei Frauen

Warum weiblicher Autismus weniger sichtbar ist

 

Ist das wirklich sicher, dass hochfunktionaler Autismus bei Frauen unsichtbarer ist als bei Männern?

Gibt es ihn tatsächlich, den weiblichen Autismus- Subtyp?

Ich frage mich das, denn wenn ich die Geschichten spät diagnostizierter, hochfunktionaler Männer verfolge und mich mit ihnen unterhalte, erzählen sie von Erfahrungen und Erlebnissen, die sich nicht wesentlich von meinen unterscheiden. Spät diagnostizierte Männer sind genauso schief durch ihr Leben gelaufen, wie die meisten Frauen. Viele wurden gehänselt, missverstanden und haben sich auch irgendwann eine neurotypische Maske zugelegt. Auch würde ich manchmal weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick vermuten, dass ich einen Autisten vor mir habe, wenn ich es nicht wüsste.

Warum also ist der weibliche Autismus immer wieder so im Gespräch, als hätten wir Frauen ein gänzlich anderes Erleben und Verhalten?

Offensichtlich ändert sich das althergebrachte Wissen über Autismus langsam, aber sicher. Früher dachte man, Autismus betreffe nur das männliche Geschlecht, heute weiß man es besser. Da sich der Blick für autistische Eigenschaften nun auch schon im Kleinkindalter nicht mehr nur auf Buben fokussiert, können ähnliche Auffälligkeiten bei Mädchen bestenfalls schon erkannt werden, bevor ihre Kompensationsstrategien wirken.
Autismus ist heute mehr in der Öffentlichkeit als je zuvor. Erwachsene Frauen, die sich oft über Jahrzehnte wie Fremde in ihrem eigenen Leben gefühlt haben, finden sich in den Darstellungen des Spektrums wieder. Sie wenden sich an Spezialambulanzen, um sich Gewissheit zu verschaffen; und eine Erklärung für den Verlauf ihrer Leben.

Trotzdem weiß man immer noch wenig darüber, wie sich autistische Eigenschaften zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Vielleicht, weil es diese Unterscheidungen gar nicht gibt?

Mädels und Buben, egal ob autistisch oder nicht, haben von Natur aus unterschiedliche Charakterzüge, die durch Erziehung verstärkt werden können. Sie haben andere Rollenmodelle, ihre Interessen weichen oft, aber nicht immer, voneinander ab. Ihre Interaktions- und Kommunikationsmuster sind anders.
Schon im Kindesalter zeigen sich Mädchen tendenziell sozial kompetenter, angepasster, „braver“. Sie wirken ruhiger, einfühlsamer und sensibler und neigen eher dazu, sich der Norm anzupassen. Viele sind ängstlicher oder zumindest vorsichtiger als Buben. Diese Eigenschaften sind bei Autistinnen und  neurotypischen Mädchen ähnlich. Sie werden aber unterschiedlich ausgedrückt. Nehmen wir die hohe affektive Empathie der meisten Autistinnen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich schon als Kind jede Schwingung spüren konnte, die von anderen ausging. Meine Theory of Mind hat aber nicht ausgereicht als Wegweiser, wie ich mich richtig zu verhalten hatte. Ich wirkte abweisend oder manchmal sogar aggressiv, obwohl ich einfach nur unsicher war.
Autistische Perspektivenübernahme spiegelt neurotypisches Verhalten vermutlich nicht ausreichend und umgekehrt. Somit fehlen die Resonanz und die richtige Handlungsanweisung, zumindest so lange, bis Erfahrung die Defizite ausgleichen kann.

Dieses Problem betrifft beide Geschlechter gleichermaßen. Aber Empathie und Mitgefühl sind schließlich Mädchensache. Es wird vorausgesetzt, dass wir schon als Kinder spüren können, was andere wollen und brauchen und uns entsprechend verhalten. Tun wir das nicht, scheint etwas nicht zu stimmen mit uns.

Andere Beispiele:
Ein kleines (nicht diagnostiziertes) Mädchen mit Meltdown wird vermutlich gemaßregelt, ihr wird beigebracht, dass „sich DAS nicht gehört“. Und autistische Selbstberuhigung, also Stimming, wie zum Beispiel an den Haaren lutschen, Fingernägel kauen oder Skin Picking, das „macht frau nicht“.
Schlägt aber ein (nicht diagnostizierter) Junge mit dem Kopf auf den Boden, ist er halt trotzig, sofern sein Verhalten nicht ins Extrem abgleitet.
Es wirkt normaler und ist akzeptierter, wenn Jungs weniger empathisch sind, sich aggressiver benehmen, sich absondern und lieber am Computer sitzen, als mit ihren Freunden zu spielen. Wenn junge Männer sich intensiv einem technischen Interessengebiet zuwenden, könnte man sie als engagiert oder begabt oder halt einfach etwas eigenbrötlerisch einordnen. Bei Mädchen ist das auch 2020 immer noch „nicht normal.“ Wenn ich lieber gelesen habe, als mit anderen Mädels Shoppen zu gehen, machten sich die Erwachsenen Sorgen. Es war „ungesund“, dass ich mich mehr für Bücher interessierte als für Klamotten und meine -nicht vorhandene- Peer Group.

Eigentlich vermitteln diese Szenarien doch den Eindruck, dass autistische Mädchen eher mehr auffallen müssten, da sie ihr Rollenbild weniger erfüllen als ihre männlichen Geschlechtsgenossen. Autistinnen verhalten sich doch offensichtlich deutlich anders als neurotypische Frauen, während hochfunktionale Männer oft nur etwas eigen oder „extremer männlich“ wirken.

Was ist es also, dass uns Frauen scheinbar so unauffällig macht, dass sogar erfahrene Diagnostiker manchmal an unserem Autismus zweifeln?

Ich glaube, es ist die besondere Fähigkeit der hochfunktional autistischen Mädchen, schon in jungen Jahren zu lernen, sich den Normen gemöß, also neurotypisch, zu verhalten. Weibliche Autistinnen lernen das so schnell und so gekonnt, dass sie vom Kleinkind- bis ins Erwachsenenalter zwar vielleicht etwas eigen wirken, es aber selbst einem geschulten Blick entgehen kann, was dahintersteckt.

Vermutlich ist Autismus bei Frauen deshalb unsichtbarer, weil Autistinnen  früher als Buben/Männer einen höheren gesellschaftlichen Druck spüren, sich anzupassen und ihre weiblichen Eigenschaften es ihnen erleichtern, genau das zu tun.