Themenwelt – Essstörungen

ALLES ODER NICHTS

Binge Eating Disorder

Warum zu wenig essen zum Überessen führen kann

Was ist Bingeing?

Binge ist das englische Wort für Gelage. Im Zusammenhang mit Essstörungen sind mit „Binges“ Fressanfälle gemeint.

Die meisten Menschen essen ab und zu mal größere Mengen, weil es einfach gut schmeckt. Oder weil der Stress so groß ist, dass der Körper nach energiereicher Nahrung verlangt. Oder, weil nach einer Erkrankung Nachholbedarf besteht. Oder einfach, weil die Gelegenheit da ist. Das alles ist noch keine Essstörung.

Von Binge Eating Disorder (BED) als Krankheit spricht man, wenn jemand regelmäßig über mehrere Monate hinweg unkontrolliert so große Mengen an Nahrung verschlingt, dass er körperliche Beschwerden spürt. Die Attacken dauern ca. 2–3 Stunden, gegessen wird meist heimlich. Es werden danach keine Gegenmaßnahmen ergriffen. Begleitet wird dieses Verhalten von Scham und Schuldgefühlen. Auch Menschen mit BED entwickeln irgendwann Angst vor einer Gewichtszunahme und vor bestimmten Lebensmitteln und sind gleichzeitig von dem Gedanken an Essen okkupiert.

Fast alle Binge- Eater waren mindestens einmal in ihrem Leben auf Diät. Bei manchen, die schon viele Hungerkuren ausprobiert haben, kann schon der Gedanke an einen neuen Abnehmversuch die physiologische Gegenreaktion einer Binge-Attacke auslösen.

Ich wurde neulich gefragt, ob man auch mit „gesundem Essen“ Fressattacken haben kann.

(Ich vermeide den Begriff „ungesunde Lebensmittel“, denn tatsächlich machen nicht die „ungesunden Lebensmittel“ Probleme, sondern das Verhalten dem Essen gegenüber.)

Binges beschränken sich nicht auf energiereiche, süße und fette Nahrungsmittel. Auch Veganer können Binge Eating Disorder entwickeln. Sie sind sogar besonders gefährdet, da sie eine oder mehrere, für den Körper wichtige, Nahrungsmittelgruppen vermeiden. Sie „bingen“ dann mit ihren erlaubten Lebensmitteln.

BED ist angeblich die häufigste Essstörung. Die Aussagen dazu sind widersprüchlich. Die Erkrankung wird mindestens so oft übersehen, wie Anorexie oder Bulimie. Eine Erhebung in USA hat ergeben, dass 48% derer, die von BED betroffen sind, unentdeckt bleiben und keine Hilfe bekommen. Das liegt an dem Vorurteil, Menschen mit BED müssten zwangsläufig übergewichtig sein. Diese Annahme ist falsch. So sind zum Beispiel nicht wenige Sportler von BED betroffen. Sie nehmen oft zu wenig Kalorien auf, gemessen an ihrem Verbrauch. Das kann zu Essattacken und anderen Verhaltensweisen führen, die die Kriterien einer BED erfüllen. Außerdem ist auch diese Essstörung so schambesetzt, dass Betroffene sich nicht öffnen, sondern meist mit ihren begleitenden Symptomen, wie Stoffwechselerkrankungen, Herzerkrankungen oder auch Depressionen bei Ärzten vorstellig werden.

Ein Hinweis für Ärzte, dass jemand unter einer BED leiden könnte, ist ein metabolisches Syndrom ohne Übergewicht.

Alle Essstörungen haben gemeinsame Grundlagen:

Genetik, bei Binge Eating Disorder hauptsächlich bezogen auf die vererbten Persönlichkeitsmerkmale, wie z.B. Neigung zu Impulsivität, Entscheidungsunsicherheit, Selbstunsicherheit, Ängstlichkeit.

Restriktives Essverhalten (aktuell oder in der Vergangenheit)

Die biologischen Antworten auf Hunger (Fixierung auf Essen, reduzierter Stoffwechsel, Gewichtsangst u.a.)

und

Soziokulturelle und psychologische Faktoren als Auslöser oder Verstärker. (Schlankheitsideal, „Fat Shaming“, Fett Phobie der Gesellschaft, familiäre Probleme u.a.)

Auch bei BED ist der Belohnungskreislauf, die Neurotransmitter, die das Wollen und das Mögen steuern, beeinträchtigt. Bei von Binge Eating Betroffenen und bei Bulimikern ist es so, dass Essen beruhigt, während bei Anorexie Hungern beruhigt. Menschen mit BED oder Bulimie profitieren in Behandlungen daher auch eher von Verhaltenstherapie mit Belohnungs-/Bestrafungselementen, als Patienten mit Anorexie.

BED wird häufig als Esssucht bezeichnet. Führende Experten sind sich aber einig, dass man zwar Verhaltensweisen erkennt, die an stoffgebundene Süchte erinnern. Das „Suchtobjekt“ bei allen Essstörungen ist aber nicht das Essen an sich, sondern die Konsequenzen des Essens bzw. nicht Essens, vornehmlich der beruhigenden Effekt, die Reduktion von Angst und Unsicherheit.

Ein weiterer Faktor, der die Krankheit aufrechterhält, ist die Stoffwechsellage der Menschen mit BED. Sie haben häufig einen reduzierten Stoffwechsel aufgrund vorangegangener Diäten und/oder weil sie zwischen den Anfällen hungern. Die Kombination aus Fressattacken und gemindertem Stoffwechsel führt irgendwann zu schneller Gewichtszunahme. Übergewicht triggert die Scham und die Angst. Das führt zu weiteren Diäten. Durch die Mangelernährung kommt es zu noch mehr und noch schwereren Attacken. Der Binge- Restrict-Zirkel ist damit fixiert.

Um diesen Zirkel zu durchbrechen, sollte der Fokus bei der Behandlung von BED keinesfalls auf Gewichtsabnahme und Diäten liegen. Dieser Fehler passiert leider sehr häufig und schmälert die Heilungschancen massiv. Es ist verständlich, dass der Wunsch nach weniger Kilos bei vielen Betroffenen groß ist, sofern ihr Gewicht im Laufe der Zeit tatsächlich massiv gestiegen ist. Ärzte sorgen sich um die Komorbiditäten, die mit Übergewicht einhergehen, und wollen eine Gewichtsreduktion forcieren. Manche verschreiben daher „Off Label“ Medikamente, also solche, die für andere Erkrankungen eingesetzt werden, aber als Nebenwirkung die Fressattacken reduzieren. Diese Nebenwirkungen sind jedoch nicht zu unterschätzen und Pillen können zwar helfen, das sichtbare Problem Übergewicht zu reduzieren, aber nur, solange sie eingenommen werden. Medikamente ändern kein Verhalten und genau das muss passieren, damit sich die Lebenssituation derjenigen, die von Binge Eating Disorder betroffen sind, dauerhaft verbessern kann.

Wie bei allen Essstörungen ist also oberstes Ziel, die Verhaltensweisen und Automatismen zu identifizieren und zu modifizieren, die die Erkrankung verursacht haben und aufrechterhalten. Das Gewicht reguliert sich bei BED dadurch meist von selbst, ohne Diätpläne und ohne Medikamente.

Diäten machen Hunger. Noch mehr Diäten machen noch mehr Hunger. Dadurch führt zu wenig Essen irgendwann zu Überessen und endet schlimmstenfalls in einer Essstörung, wie der Binge Eating Disorder.

Eine wertvolle Ressource mit Infos und Hilfen findet ihr hier:

Brain over Binge