Themenwelt – Autismus

Ich bin kein Fake!

Maskieren ist wie anpassen an eine andere Kultur

Warum Maskieren kein Schauspielern ist

 

Es kommt immer wieder vor, dass ich meine Eindrücke überdenken muss, auch die über mich selbst. In meinem ersten Artikel über Masking habe ich geschrieben:

„Wir Autisten können nicht neurotypisch, aber wir können hervorragend kopieren- und so tun, als könnten wir….“

Ich habe diese Aussage in den letzten Monaten immer wieder überprüft. Ich habe versucht, bewusst nicht zu maskieren und habe bei mir und meinen Mitmenschen beobachtet, wie das wirkt. Einige meiner Erkenntnisse hatte ich in meinem Artikel über Freundschaft schon erwähnt:

Masking macht mich nicht unauthentisch.

Ohne Masking werden intensivere Interaktionen schwieriger.

Es ist keine Schauspielerei.

Wenn es kein „so tun als ob“ ist, was ist es dann?

Ich würde Masking mit einem Hin- und Her zwischen zwei Kulturen vergleichen.

Ich bin als autistischer Mensch nicht nur mit den Fähigkeiten geboren worden, so wie alle gesunden Kleinkinder ganz automatisch laufen und sprechen zu lernen, sondern auch „neurotypisch“. Dazu gehört der „copy and paste“ Mechanismus und das Maskieren.

Ich bin in eine nicht autistische Welt hineingeboren worden und bin ständig mit nicht autistischen Menschen zusammen gewesen. Ich hatte zwar unzählige Schwierigkeiten, weil ich nicht diagnostiziert war, aber genau diese Herausforderungen haben mein „Neurotypisch“ perfektioniert. Übung macht den Meister. Auf diese Weise hat sich in meinem Gehirn eine zweite Spur gebildet.

Es ist vielleicht ein bisschen zu vergleichen mit jemandem, der oder die, sagen wir, türkische Wurzeln hat. Die Eltern sind Türken, in der Familie wird Türkisch gesprochen, die Kinder sind zweisprachig, fühlen sich aber sicherer in der deutschen Sprache. Denn sie gehen in einen deutschen Kindergarten, in eine deutsche Schule, sie haben mehr deutsche als türkische Freunde. Sie wachsen in unserer Kultur auf, leben aber zuhause in ihren Familien nach deren landestypischer Tradition. Das führt oft zu Konflikten, zu Identitätsproblemen. Es ist anstrengend, sich zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturen zu bewegen, immer ausgleichen zu müssen, immer aufmerksam sein zu müssen für die jeweils andere Seite.

Aber nur, weil jemand aus einem anderen Land hier lebt, ist sein Verhalten kein Fake.

Ein türkisches Mädchen geht nicht morgens aus dem Haus und denkt: „Och, heute schauspielere ich mal. Heute tue ich so, als wäre ich Deutsche.“ Sie verhält sich in der Schule und mit ihren Freunden ganz automatisch gemäß der deutschen, offiziellen und inoffiziellen Regeln.

Sie könnte aber auch anders entscheiden. Sie könnte ihr Kopftuch aufsetzen, nicht deutsch sprechen und sich nur mit türkischen Menschen umgeben.

Würde sie das aber regelmäßig tun, würde sie in unserem Land zunehmend zur Außenseiterin werden. Ihre deutsche beste Freundin wäre bald ihre beste Freundin gewesen, weil sie sich nicht mehr verständigen könnten. Sie würde den Anschluss an ihre Peer Group verlieren und in ihrem Umfeld nicht mehr klarkommen. Mit ihren türkischen neuen Freunden käme sie aber auch nicht zurecht, denn mit denen, die sehr türkisch sozialisiert sind, würde sie viel weniger verbinden als mit ihren langjährigen deutschen KameradInnen.

So ähnlich empfinde ich Masking. Ich gehe nicht aus dem Haus und beschließe: „Heute wird maskiert“. Ich verhalte mich automatisch neurotypisch, auch wenn ich meinen Autismus immer irgendwie spüre. Weil ich meine autistische Seite spüre, weiß ich ungefähr, wann ich mich neurotpyisch verhalte.
Manche Situationen, vor allem Gruppen, strengen mich an, weil ich nicht gut genug neurotypisch kann, um mehrere Leute gleichzeitig zu verstehen, während ich mit meinen nahen Menschen ziemlich enspannt sein kann.

Einiges wird durch meine „Zweisprachigkeit“ und durch meine neurotypische Sozialisation einfacher, wie zum Beispiel engere Freundschaften zu leben.

Allerdings fehlt mir tatsächlich ein Resonanzbild, im Gegensatz zu einem türkischen Mädchen, dass ihre Identität in der Regel durchaus gespiegelt bekommt. Aber auch das ist nicht bei allen Autisten so. Manche haben Geschwister, die auch im Spektrum sind. Manche sind früh diagnostiziert und kommen in jüngeren Jahren mit anderen Autisten zusammen und finden dort ihre Identitäten bestätigt.

Ich meine, Masking ist ein etwas unglücklich gewählter Begriff, weil er das Vorurteil prägt, dass wir Autisten ständig schauspielern. Weil er den Eindruck vermittelt, dass wir uns nicht authentisch, nicht ehrlich verhalten.

Das ist falsch und das zu betonen, ist mir wichtig.

Tatsächlich ist Vortäuschen gar nicht Autismus typisch. Viele Autisten können nicht mal Rollenspiele.  Ich selbst bin eine sehr schlechte Schauspielerin. Wenn ich versuche, etwas zu „faken“ oder bewusst in eine Rolle zu schlüpfen, merkt das nahezu jeder sofort. Und das ist auch gut so. Ok, meistens 😉

Es stimmt, es kostet Kraft, mich ständig in der neurotypischen Kultur zu bewegen. Mich dauernd selbst dabei zu beobachten, macht es nicht besser. Wenn man spät diagnostiziert wird und seine Identität sucht, kann es schnell passieren, dass permanente Selbstanalyse zum Dauerzustand wird. Das tut nicht gut. Ich bin, wie ich bin.

Ich suche immer noch einen Weg, mit meinen Energien besser zu haushalten, dafür ist Rückzug zur rechten Zeit und die eine oder andere Abgrenzung absolut notwendig.
Maskieren ist eine hochfunktionale Eigenschaft, die ich zunehmend zu schätzen weiß, denn sie ermöglicht mir die Integration in diese nicht für Autisten gemachte Welt.

Masking ist ein Teil meiner autistischen Identität und ganz sicher keine Schauspielerei.