Themenwelt – Autismus

Freundschaft ist nicht selbst

-verständlich

Das Double Empathy Problem

Warum autistisches Maskieren Freundschaften leichter machen kann

 

Eigentlich haben hochfunktionale Autisten Eigenschaften, die uns zu richtig guten Freunden machen können.

Wir sind ehrlich, wir sagen, was wir denken, wir manipulieren nicht, wir schikanieren nicht, sind nicht streitsüchtig und auch nicht nachtragend. Wir reflektieren uns selbst oft mehr als uns guttut und können problemlos zugeben, wenn wir falsch liegen. Wir sind Meister der Problemlösung und wir haben ein wahrhaftiges Interesse an Menschen, die aufrichtig sind, die zuverlässig sind und die es ehrlich mit uns meinen. Wenn wir einen Freund gefunden haben, der zu uns passt, sind wir mitfühlend und treu, auch dann, wenn´s mal schwierig ist.

Trotzdem kenne ich keinen autistischen Menschen, für den Freundschaften ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens sind. Für die meisten sind Beziehungen aller Art lebenslang ein schwieriges Thema. Schwierig nicht nur deshalb, weil es oft nicht klappt mit unseren Mitmenschen, sondern auch, weil wir uns entgegen diverser Vorurteile im Grunde alle nach Freundschaft und Zugehörigkeit sehnen. Keine Freunde zu finden, uns nicht mit anderen verbinden zu können, darunter leiden viele Autisten am meisten. Hier machen wir tatsächlich so viele negative Erfahrungen, dass einige irgendwann aufgeben und ein Leben in Einsamkeit immer noch besser finden, als ständig an ihren Interaktionen zu scheitern.

Beeinträchtigungen der Interaktion und Kommunikation, eine übersensitive Wahrnehmung und eine exekutive Dysfunktion zählen zu den größten Problemen von Autisten. Daraus könnte man schließen, diese autistischen Eigenschaften wären die limitierenden Faktoren für Freundschaften. Und für einige trifft das sicher auch zu. Denn wer große Probleme hat, die Perspektiven des anderen einzunehmen, Ironie nicht versteht, sich verbal schwer ausdrücken kann, alles wörtlich nimmt und seine Routinen nicht unterbrechen kann, kommt schwer in Kontakt.

Tatsächlich sind hochfunktionale Erwachsene aber ziemlich gut geübt darin, sich verbal auszudrücken, sich zu flexibilisieren, wenn es wichtig ist und auch ihre Bedürfnisse mitzuteilen, zum Beispiel nach einem Treffen in eher ruhiger Umgebung.

Die meisten von uns sind tatsächlich auch sehr einfühlsam. Es mag sein, dass Bereiche der autistischen Empathie erlernt sind, aber meine Erfahrung ist, dass über Jahre hinweg bewusstes und eingeübtes Einfühlen den Kern des Anliegens meines Gegenübers oft besser trifft, als die Art und Weise mancher nicht Autisten, die ihre Empathie als gegeben hinnehmen und weniger reflektieren, ob ihre Perspektive tatsächlich die Richtige ist.

Warum also tun wir uns so schwer mit Freundschaften?

Ich habe gestern mit einem männlichen Autisten geschrieben und wir waren uns schnell einig:

Eins der größten Probleme ist, dass wir sehr schwer Menschen finden, die dieselben Interessen haben. Menschen, die dasselbe mögen, wie wir. Die über dieselben Dinge sprechen wollen, wie wir. Die ähnlich intensiv und in ähnliche Themen vertieft sind, wie wir. Und die genauso sachlich, logikorientiert und wissensorientiert denken.

Es gib eine neuere Untersuchung, die sich damit beschäftigt, was der Unterschied sein könnte in den Interaktionen zwischen Autisten und nicht Autisten und zwischen Autisten untereinander.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Schwierigkeiten in Interaktionen nicht wie bisher angenommen einseitig von Autisten ausgehen, sondern ein „Double Empathy Problem“ sind. Möglicherweise sind Interaktionprobleme nicht irgendwelchen „Defiziten“ geschuldet, sondern den unterschiedlichen Kommunikationsstilen der Autisten versus der nicht-Autisten.


Interaktion und Kommunikation ist wechselseitig. Autisten tun sich schwer, neurotypische Menschen zu verstehen und NT haben Probleme mit autistischer Kommunikation. Es sind die Denkweisen, die Sprechweisen und die bewussten und unbewussten Muster beider Seiten, die sich gegenseitig positiv oder negativ beeinflussen.

“It’s not just that autistic adults can struggle to infer the thoughts and motivations of typically developing adults, which has been well documented; the reverse is true as well. Non-autistic people struggle to infer what autistic people are thinking,” Sasson said. “Anecdotally, many autistic people often report better quality of social interaction when engaging with other autistic people. We set out to test this empirically.”

Man vermutet, dass sich Autisten untereinander besser verständigen können, weil sie einen ähnlichen kognitiven und kommunikativen Stil haben, während sich der zwischen Autisten und Neurotypen unterscheidet. Das ist eine logische Schlussfolgerung, allerdings erlebe ich persönlich aber, dass eine direkte, nicht schriftliche Kommunikation mit anderen Autisten oft sogar schwieriger ist als mit neurotypischen Menschen. Autismus ist ein Spektrum, daher gibt es auch unter uns große Unterschiede, sowohl in den Entwicklungen als auch in den Kommunikationsstilen. (Schriftliche Kommunikation scheint das zu überbrücken). Ich vermute, die spät diagnostizierten Autisten, für die ihre neurotypische Maske normal ist, die nt- Muster verinnerlicht haben, tun sich leichter mit NT als mit Autisten, die eine andere Entwicklung genommen haben und ihre autistischen Eigenschaften besser leben können.

Ich persönlich fühle mich im Grunde nirgends so richtig zugehörig.

Ich habe auch festgestellt, dass es für meine Freundschaften sehr viel förderlicher ist, wenn ich meine Fähigkeiten zu maskieren beibehalte. Ich habe eine Zeitlang versucht, Masking auf Situationen zu beschränken, die eher offiziellen Charakter haben und mich zu trauen, meine autistischen Eigenschaften mehr zu leben, wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin.

Ich muss feststellen: Es geht gründlich schief!

Umgekehrt ist es entspannter, denn es ist mir egal, ob sich meine Frisörin ärgert, weil sie nicht versteht, dass ich keine Lust habe, ihre Stories anzuhören. Es ist aber unerlässlich, dass meine Freunde meine Sprache und meine Motive verstehen. Sonst funktioniert es nicht. Also muss ich mich in ihrer Gegenwart entsprechend neurotypisch ausdrücken und verhalten und mir zumindest an schwierigeren Tagen bewusst machen, dass ich ihre Sprache nicht wörtlich auslegen darf. Auf diese Weise kann ich das Double Empathy Problem ganz gut überbrücken.

In diesem Kontext wird Masking für mich dann tatsächlich eher zu einer Gabe, als zu einer Last.
Ich komme auf meinem eigenen Selbstfindungsweg immer mehr zu der Erkenntnis, dass Maskieren ein wichtiger Teil des Hochfunktionalen ist. Es ist -zumindest für mich- keine aktive Entscheidung, „so zu tun als ob“. Es ist kein Schauspielern. Ich bin echt und ehrlich in dem, was ich sage und wie ich zu meinem Gegenüber stehe.
Camouflaging oder Masking betrachte ich inzwischen als eine Fähigkeit, auf die neurotypische Ebene zu gehen. Es ist so, wie man sich anpassen kann, wenn man im Ausland lebt und in einer fremden Kultur zurecht kommen muss. In den eigenen vier Wänden lebt man nach seinen Maßgaben und draußen passt man sich bis zu einem gewissen Grad an.
Wichtig ist eben, die Balance zu finden, um sich nicht zu überfordern. Um bei meinem Beispiel zu bleiben: genug Zeit in seiner gewohnten Umgebung zu verbringen, um die eigenen kulturellen Werte/Bedürfnisse nicht zu verlieren.

Nicht-Autisten können nicht autistisch denken lernen. Glaube ich. Aber ich kann neurotypisch, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Und das macht Freundschaften leichter.

Je ungleicher die Kommunikationsstile, umso wichtiger ist es, sich immer wieder gegenseitig seine Motive und Denkweisen zu erklären.

Verständigung, Einfühlungsvermögen, die Bereitschaft, die eigene Perspektive zu hinterfragen, Toleranz und Achtung für die Besonderheiten des anderen, sind essenziell für alle Freundschaften.

„Freundschaft ist eine Tür zwischen zwei Menschen. Sie kann manchmal knarren, sie kann klemmen, aber sie ist nie verschlossen.“