Themenwelt – Autismus

Stell Dich nicht so an!

Exekutive Dysfunktion

Warum es manchmal einfach nicht läuft

Kennt ihr folgende Situation? Ihr wacht vor dem Wecker auf, denkt: „Cool, ich kann mir Zeit lassen“, und dann wird’s plötzlich richtig stressig. Gestern war so ein Tag. Ich bin gechillt aufgestanden, habe Kaffee getrunken, mich fertig gemacht und hatte immer noch Zeit.

Was macht eine Autistin, wenn sie sonst nichts zu tun hat? Sie beschäftigt sich mit ihren Interessen. Und was passiert, wenn sich eine Autistin mit ihren Interessen beschäftigt? Sie vergisst die Zeit. Als ich gemerkt habe, dass ich schon viel zu spät dran war, war das Chaos perfekt.

Lost in Details!

Handy gesucht, obwohl ich es kurz vorher in der Hand hatte.
Fahrkarte gesucht, falsche Brille aufgehabt, Schuhband nicht richtig zu gemacht. Auf der Treppe fast über den offenen Schnürsenkel gestolpert.
Schuh zugebunden, dabei Inhalt der offenen Tasche ausgekippt. Zur U-Bahn gesprintet, in letzter Sekunde in die Bahn gesprungen und völlig überladen aber immerhin rechtzeitig bei meinem Termin angekommen. Irgendwie schaffe ich es dann doch immer.

Jetzt könntet ihr zu Recht sagen: „Richte Dir Dein Zeug doch am Tag vorher her.“ Mache ich! So ein Problem entsteht immer dann, wenn ich zwischen zwei Aufgaben zu viel Zeit habe und eine Dritte reinpacke. Aufstehen, Tasche nehmen und los, kein Problem. Aufstehen, Zeit überbrücken müssen, deshalb wieder etwas raus nehmen aus der Tasche, eine andere Aufgabe anfangen usw… das macht am Ende den Stress.

Exekutive Dysfunktion ist, wenn es einfach nicht läuft.

Exekutive Funktionen sind automatisierte Prozesse. Sie laufen ab, ohne dass wir aktiv darüber nachdenken müssen. Wenn sie denn funktionieren. Autisten haben damit so ihre Probleme. Exekutive Funktionen sind kognitive Prozesse, die es uns ermöglichen, zu tun, was wir tun müssen, und zu lassen, was wir nicht tun sollten. Sie machen uns handlungs- und entscheidungsfähig. Sie ermöglichen situationsgerechte, zielgerichtete und flexibel Reaktionen.
Störungen können in jedem einzelnen Ablauf und individuell unterschiedlich ausgeprägt auftreten, je nachdem welche Anteile der für die jeweilige Aufgabe zuständigen Gehirnareale betroffen sind. Deshalb gibt es auch hier große Unterschiede bei Autisten.

Ich beschreibe mal ein bisschen genauer, was unter exekutive Funktionen fällt und wie es mir damit geht.

Von einer Tätigkeit zur anderen wechseln:

Oben genanntes Termin Beispiel beschreibt genau diesen Punkt. Transitionen, also Übergänge von einer Aufgabe zur nächsten (task- shifting) sind für die meisten Autisten sehr schwierig.

Einfach nicht anfangen können:

Procrastination, also „Aufschieberitis“ ist etwas anderes, auch wenn es von außen betrachtet ähnlich aussieht.

Wenn man etwas tun muss/will und einfach nicht in die Gänge kommt, kann es daran liegen, dass man Schwierigkeiten mit der Exekutive hat. Man kriegt das Startsignal nicht und selbst wenn, fühle ich mich dann, als würde ich beim 100 Meter Lauf mit mindestens einem Fuß im Startblock hängen bleiben.

Eine Tätigkeit nicht stoppen können:

Auch nicht so lustig, wenn man eine Aufgabe nicht stoppen kann oder in sozialen Interaktionen nicht aufhören kann zu reden. (Das hat allerdings oft noch andere Funktionen). Man will, aber man kann nicht, bis ein äußerer Impuls kommt und nachhilft. Ich habe dieses Problem nicht.
Ich vergesse manchmal die Zeit, aber ich kann sofort aufhören oder unterbrechen, auch mitten drin.

Spontanes Handeln/Flexibilität:

Ich kann gut spontan sein, wenn mir ein Vorhaben oder eine Person entsprechend wichtig und vertraut ist. Und es kostet Energie. Am schwierigsten finde ich die Form von spontan, die mich in eine Warteposition bringt. „Ich melde mich dann irgendwann im Laufe des Vormittags.“

Selbstkontrolle: Impulsive Emotionsausbrüche, selbst- oder andere schädigende Handlungen unterdrücken

Ich sage oft viel zu schnell und viel zu direkt, was ich denke. Das kommt selten gut an. Ich merke es aber erst, wenn mein Gegenüber in den Kampfmodus geht und ich einstecken muss, was ich vorher ausgeteilt habe. Ich bin aber selten impulsiv, habe mich meistens gut unter Kontrolle. Meltdowns erlebe ich zum Glück nicht oft seit ich erwachsen bin und wenn, dann „nur“ verbal. Wenn ich allerdings nicht mehr genug Energie habe und es nicht rechtzeitig merke, wird es kritisch. Wenn mein Speicher leer ist, bin ich nicht mehr in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun und ich kann die zweite Spur in meinem Hirn nicht mehr zuschalten, die die Sprache, die Aktionen und Reaktionen nicht- autistischer Menschen übersetzt. Missverständnisse sind dann vorprogrammiert und ich kann meine Reaktionen darauf nicht mehr adäquat anpassen. Dann hilft nur eins: raus aus der Situation und auftanken.

Planung/Entscheidung/Problemlösung:

Aktionen auswählen, die das Erreichen eines Zieles wahrscheinlich machen:

Das kann ich gut. Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, welche Wege mich zu meinen Zielen führen und welche nicht. Es sind oft ganz andere Wege als die der NT, aber sie sind für mich sehr effektiv.

In die Zukunft gerichtet denken:

Ich kann mir tatsächlich oft schwer vorstellen, wie etwas in der Zukunft sein könnte oder welche Konsequenzen eine Handlung in der Zukunft haben wird.  Es ist aber kein Problem, wenn ich auf etwas zurückgreifen kann, das ich kenne. Zum Glück bin ich Ü 50 und habe einen großen Erfahrungsschatz.

Erfahrungen aus der Vergangenheit für zukunftsbezogene Handlungen nutzen können:

Ich habe endlose Diskussionen verfolgt, in denen es darum ging, warum man immer und immer wieder in dieselben dämlichen Aktionsmuster läuft und sich erst hinterher denkt: „Fuuuuckkk. Hätte ich doch diese E-Mail nicht weggeschickt oder wäre ich doch da nicht hingegangen, ich hätte doch wissen müssen, was passieren wird.“ Einige Erfahrungen bleiben einfach nicht hängen. Manchmal erlebe ich es auch so, dass ich genau weiß, ich sollte irgendetwas besser nicht tun, aber der angefangene Prozess stoppt nicht mehr. Dann sind wir wieder bei der Inhibition, bei „eine Handlung nicht stoppen können.“

Planen und Umsetzen:

Kriege ich hin, solange ich nicht zu viele Details bedenken muss. Sortieren von Unterlagen zum Beispiel macht mir Probleme. Ich habe zwar inzwischen ein Ablagesystem, das für mich ganz gut funktioniert, aber optimal ist anders. Kochen, selbst mit Kochbuch? Besser nicht.

Gedächtnis, Arbeitsspeicher

Mein Langzeitspeicher ist superior. Ich merke mir, was ich interessant finde, ganz schnell und oft für immer. Manche Dinge behalte ich wörtlich für den Rest meines Lebens, einschließlich der dazugehörigen Situation in Bildform. Ich frage mich oft, wieviel Speicher so eine Festplatte wohl hat, bis sie überläuft. 52 Jahre sind bei mir schon drauf. Es wäre mir lieber, ich könnte mir länger als eine Sekunde merken, wie jemand heißt oder wie der Titel des Romans ist, den ich gerade lese und der des Films, den ich gestern angeschaut habe. Das würde Smalltalk leichter machen.

Exekutive Dysfunktion betrifft alle Bereiche des Lebens: Beziehungen, Haushalt, Schule, Job, Behördenkram, einfach alles. Wer hier massiv betroffen ist und es nicht schafft, zu kompensieren, braucht meist Hilfe von anderen. Ich habe das Glück, dass ich meinen Kram ziemlich gut hinbekomme, wenn ich mich entsprechend organisiere und mich nicht überfordere.

Ich komme am besten zurecht, wenn ich ein möglichst minimalistisches Leben führe, angefangen von dem, was ich in meinem Haushalt habe über das, was ich esse, bis zu meinen täglichen Aktivitäten und Sozialkontakten. Je überschaubarer, je sortierter, je routinierter, je eindeutiger umso besser.

Ich laufe immer noch oft genug in die Muster der Hochfunktionalität und des Masking und versuche, das Unmögliche möglich zu machen. Aber es wird besser. Es fällt mir immer leichter, mir zuzugestehen, dass ich nicht „so wie“ sein muss oder können muss, denn wenn ich das versuche, fehlt mir die Kraft für die schönen und positiven Dinge des Lebens. Ohne Freuden und Leichtigkeit keine Energie und ohne Energie keine Sozialkontakte, keine Alltagskompetenz und keine Lebensfreude.

Passt auf Eure LÖFFEL auf!