Themenwelt – Autismus

Soziale Motivation bei Autisten

Der Want- Like-Want Zirkel

Wenn Wollen nicht zu Mögen führt

„Wofür brauche ich das?“

Das war meine Standardfrage, als ich noch Schülerin war. Mathe war zum Beispiel gar nicht mein Ding. Ich wusste schon sehr früh, dass ich ganz sicher niemals eine Kurvendiskussion machen werde. Warum sollte ich (mit) Kurven diskutieren? Das fand ich genauso sinnlos, wie die Haltestellen der transsibirischen Eisenbahn auswendig zu lernen. Schließlich gibt es Fahrpläne. Meine sachlichen und für mich so logischen Argumente haben aber niemanden interessiert. Und ich war nicht motiviert, etwas zu lernen, das mir nichts bringt. Damals nicht und heute nicht. Für meine Lehrer war ich irgendwo zwischen zu wenig ehrgeizig, stur, arrogant, schwierig und unwillig.
Dass ich in ein paar Fächern richtig gut war, ohne viel dafür tun zu müssen, das ging völlig unter. Englisch habe ich nebenbei und mühelos gelernt und Biologie fand ich faszinierend. Singen kann ich nicht, vermutlich weil ich es nie übe, aber ich hör(t)e jeden falschen Ton und konnte sofort sagen, welche Note gespielt wurde. Das war keinen positiven Kommentar Wert.

Aber wisst ihr was? Die meisten neurotypischen Kinder hätten darunter gelitten, nicht gesehen zu werden in dem, was sie gut können. Sie hätten dann vermutlich auch in ihren guten Fächern keine Motivation mehr gehabt. Es ging auch mir nicht gut damit, wie meine Lehrer mit mir umgingen, aber ob sie mich lobten oder mir mit Verweisen drohten, weil ich mal wieder meine eigene Sichtweise verteidigte, änderte nichts an meiner Motivation. Mir ging es nicht um die positive oder negative Aufmerksamkeit anderer. Ich wollte etwas lernen, das für mich sinnvoll war, und ich wollte bzw. musste es auf meine Art tun. Unter diesen Bedingungen war ich motiviert, dann war es leicht, wie ein Spiel. Die Reaktionen meiner Lehrer waren mir egal; aber dazugehören wollte ich. Ich wollte so sein, wie die anderen Kinder. An sozialer Motivation mangelte es mir nicht.

John Simpson, ein britischer Autist und Speaker, hat die Besonderheiten, die Autismus kennzeichnen, auf eine Art und Weise umgedeutet, in der ich mich selbst sehr gut wiederfinde. Seine Auslegung drückt ziemlich genau das aus, was ich oben beschrieben habe.

Nach seiner Definition ist Autismus geprägt durch:

 Das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit:
Wir brauchen Pläne und Routinen. Wir wollen wissen, wann, was, wie und mit wem stattfindet. Wir brauchen einen Sinn für das, was wir tun.

 Das ungleiche kognitive Profil, auch genannt „splinter skills“:
Bestimmte Dinge können Autisten herausragend gut. Spezialinteressen machen viele in der Regel so fit in ihrem Themenbereich, dass sie mehr darüber wissen als Fachleute. Dafür können wir anderes nicht oder nur erschwert, vor allem alltagspraktische Dinge, die intakte exekutive Funktionen voraussetzen, und vieles, was man mit anderen gemeinsam tun muss.

 Und die andersartige Motivierbarkeit:
Die Interessen von Autisten weichen oft ab von denen nicht autistischer Menschen. Sie sind tatsächlich meist eher sachorientiert. Alles, was man mit anderen macht, Teamarbeit und Gruppenaktivitäten, steht nicht so im Vordergrund. Für soziale Belohung, für soziale Aufmerksamkeit anderer sind Autisten nicht sonderlich empfänglich.

 Liegt das an mangelnder sozialer Motivation?

Wie definiert sich soziale Motivation/ soziales Interesse?

  • Die Aufmerksamkeit des Menschen richtet sich zuerst auf das, was sozial (für das Zusammensein) wichtig ist.
  • Soziale Interaktion hat einen belohnenden Effekt
  • Der Kontakt mit anderen wird von dem Wunsch angetrieben, Beziehungen aufzubauen und zu erhalten.

Eine Theorie, die zu erklären versucht, warum Autisten weniger sozial motivierbar sind, ist die „Wanting-Liking-These“.

Die Kernaussage dieser Motivations-Theorie lautet:

Autisten sind weniger leicht sozial motivierbar, weil der neuronale Belohnungszirkel aufgrund der besonderen Struktur unserer Gehirne beeinträchtigt ist. Soziale Kontakte und die Aufmerksamkeit anderer geben uns demnach nicht allzu viel. Diese Störung im Motivationskreislauf wirkt sich auf das Bedürfnis aus, mit und von anderen zu lernen. Weniger Interesse an anderen führt demgemäß zu weniger Gelegenheiten, entsprechende soziale Erfahrungen zu machen, die Entwicklungsprozesse in Gang setzen, die soziales Lernen fördern. Das wirkt sich wiederum auf die Gehirnentwicklung und damit auch auf das (soziale) Verhalten aus.

Zusammengefasst heißt das, wenn soziale Informationen nicht priorisiert werden, führt das zu einer Kaskade von Effekten, die das Lernen von und mit anderen beeinträchtigt.

Diese Defizite der sozialen Motivation werden gemäß entsprechender Studien von einer Dysfunktion das mesocorticolimbischen Belohnungszirkels verursacht, von einer Dysbalance der Hormonen Dopamin, Oxytocin und den Endorphinen.

Was bedeutet das?

Wir brauchen eine Motivation, einen Anreiz, um überhaupt irgendetwas tun zu wollen. Motivationen werden meist von Emotionen ausgelöst. (E-motion = Energie in Bewegung). Wenn wir ein Bedürfnis spüren, werden Dopamin und auch Oxytocin ausgeschüttet. Beide Hormone steuern das Wollen, den Wanting Zirkel.

Oxytocin ist das Bindungshormon, das vor allem unser Verlangen nach sozialen Interaktionen beeinflusst. Es laufen einige Studien darüber, was es mit Oxytocin bei Autisten auf sich hat und wie man das Hormon nutzen könnte, um soziale Interaktionen zu fördern und zu erleichtern.

Dopamin gibt uns eine Vorstellung davon, wie wir ein Vorhaben umsetzen könnten und gibt den Motivationsimpuls, zu handeln. Damit ist das Wanting, das Wollen, eingeleitet. Die Neurotransmitter Adrenalin und Noradrenalin gesellen sich dazu, und machen uns handlungs-fähig.

Wenn wir uns gut fühlen mit dem was wir tun, kommen die körpereigenen Opiate ins Spiel, die Endorphine. Sie führen dann dazu, dass wir etwas mögen. Die Endorphine steuern also das Mögen, das Liking.

Weil Dopamin aber nicht nur dazu führt, dass wir etwas wollen, sondern außerdem dafür sorgt, dass wir uns an die guten Gefühle erinnern, die wir spüren, wenn wir etwas mögen, entsteht ein Bedürfnis nach Wiederholung.

Ohne Wollen entsteht kein Mögen und ohne Mögen entsteht kein erneutes Wollen.

Es gibt nur wenige veröffentlichte Studien über die neuronale Belohnungsschaltungen bei Autismus. Die jedoch deuten darauf hin, dass die Botenstoffe Dopamin, Oxytocin und Noradrenalin mehr beeinträchtigt sind als die Endorphine.

 Es scheint also so zu sein, dass Autisten größere Schwierigkeiten haben, „zu wollen“, was dann dazu führt, dass „Mögen“  (hier im sozialen Kontext) schwer oder gar nicht entstehen kann.

Soweit so gut. Ohne Wollen kein Mögen. Logisch.

Ich bin keine Hirnforscherin und auch keine Autismusforscherin. Ich bin nicht in die Tiefen dieser Theorien vorgedrungen, ich finde sie interessant, aber ziemlich komplex und kompliziert.

Zu dem, was ich verstanden habe, kann ich aus meinem eigenen Erleben sagen:

Dass Wollen manchmal nicht zu Mögen führt, kenne ich. Ich bleibe tatsächlich oft im Wollen hängen, aber eben nicht nur bezogen auf soziale Interaktionen. Ich kann grundsätzlich schwer bis gar nicht das tun, was ich nicht sinnvoll finde oder was keinen sofortigen positiven Effekt auslöst, egal ob es mit sozialen Interaktionen in Zusammenhang steht oder nicht. Und dieses Problem erklärt die Theorie nicht.

Es ist richtig, dass meine Interessen autismustypisch eher intellektuell als sozial orientiert sind. Ich habe also tatsächlich keine besonders ausgeprägte soziale Motivation.
Aber: Mangelndes soziales Interesse ist nicht das/mein Problem. Es ist vielmehr so, dass manche Menschen und grundsätzlich Gruppen meine Theory of Mind und meine Wahrnehmung überfordern. Natürlich steht Überforderung jeglicher Motivation entgegen. Insofern wirkt soziale Interaktion nicht belohnend. Trotzdem bleibt der Wunsch nach Zugehörigkeit und Verbindung bestehen.
Warum bleibt das „Wanting“, das Bedürfnis, wenn kein „Liking“ folgt, weil die Umsetzung des Wunsches und die Erfahrung jeweils frustrierend und anstrengend sind?

Es stimmt auch, dass mir die Meinung anderer als Kind ziemlich egal war. Aber war das wirklich mangelndes soziales Interesse oder lag es vielleicht eher daran, dass ich entsprechende Botschaften gar nicht wahrgenommen habe oder nicht einordnen konnte? Denn wäre geringe soziale Motivation und wenig Interesse an anderen das Problem gewesen, hätte ich mir einiges erspart: falsche Vorbilder (copy-paste), eine maskierte Identität und einen ungeeigneten Beruf.
Ich habe den Belohnungseffekt sozialer Interaktionen durchaus gesucht. Ich war hier sogar sehr motiviert. Ging nur ziemlich nach hinten los.
Auch hier: Wanting ja, liking nein.

Fazit:

Das Wanting- Liking-Modell ist nicht neu. Die Reaktionen der Neurotransmitter und deren Wirkung auf das Gehirn erklären nahezu jede Form von Motivation und Bedürfnis bis hin zur Entstehung von Süchten.

Die Erkenntnis ist vermutlich richtig, dass neuronale Mechanismen und der Einfluss der Botenstoffe bei Autisten aufgrund ihrer Hirnstrukturen anders ablaufen als bei neurotypischen Menschen. Einige Besonderheiten im Verhalten lassen sich auch sicherlich damit erklären. Diese These hat aber auch diverse Lücken.

  • Ich habe nichts darüber gefunden, warum der Wunsch nach sozialen Kontakten oft bestehen bleibt, obwohl kein Mögen folgt, sondern das Gegenteil: Frustration.
  • Die Theorie gibt auch keine Hinweise, warum viele von uns auch dann im Wollen hängen bleiben, wenn es nicht um soziale Interaktion geht, sondern darum, eine an sich simple Aufgabe zu erledigen.
  • Und von mangelndem sozialen Interesse autistischer Menschen auszugehen, finde ich auch fragwürdig.

Autismus ist komplex und genauso komplex sind die Erklärungen für autistisches Verhalten. Autismus ist multifaktoriell. Es ist nie nur ein Aspekt verantwortlich, sondern ein Zusammenspiel diverser Besonderheiten, die je nach Mensch unterschiedliche Auswirkungen haben, negative und positive.