Themenwelt – Autismus und Essstörungen

Schöne Feiertage

Ein paar Tipps zum Jahresende

Zeit für Besinnlichkeit. Schön wär´s, denkt sich jetzt sicher der eine oder andere.
Für die meisten von uns bedeuten diese Tage eher Endzeitstimmung als Weihnachtsfrieden.
Wir werden zu Weihnachtsfeiern verpflichtet, haben aber keine Lust. Und schon gar keine Zeit, weil der Jahresabschluss deshalb Jahresabschluss heißt, weil er nicht bis zum 1.1. wartet.
Wir fühlen uns gezwungen, drei Tage am Stück mit Menschen zu verbringen, die wir das ganze Jahr nicht sehen, weil man das so macht als sozialkompetenter Mensch. Und manchen von Euch wird  vielleicht jetzt ganz besonders bewusst, dass ihr nicht gut eingebunden seid in ein warmes Nest und die Einsamkeit schlägt richtig zu.

Weihnachten heißt Geschenke und schenken kann stressen, weil man ja nichts falsch machen will. Und was macht man, wenn man etwas kriegt, das nicht passt? Dann ringt man sich die Masterclass des Maskierens ab, damit niemand merkt, dass man nichts damit anfangen kann. Auch nicht gerade entspannend.
Und dann die Völlerei. Wehe man sagt nach der fünften Mahlzeit des Tages: „Ne, lass mal, ich bin satt“. Dann kommen die bösen Blicke, weil man doch gerade an Weihnachten zu würdigen hat, was auf den Tisch kommt.
Und was machst Du an Silvester? Wer da nicht mindestens mit drei Partyeinladungen aufwarten kann, der ist Looser of the year.

Für uns Autisten bedeutet das Ende des Jahres auch eine Unterbrechung unserer Routinen. Und diejenigen von Euch, die alles rund ums Essen überfordert, haben vermutlich momentan auch nicht gerade Spaß.

Aber das muss nicht so sein. Mit ein wenig Planung und mentaler Vorbereitung können die Feiertage auch für Autisten und Menschen mit Essstörungen zu einer schönen Zeit werden.

Hier sind ein paar Tipps, die mir so einfallen und die für mich ganz gut funktionieren:

Vorbereitung:

Kauft nicht in letzter Sekunde ein- ok, zugegeben, ich hätte diesen Artikel schon vor vier Wochen schreiben sollen 😉 Aber dieser Tipp gilt auch für zukünftige Großereignisse. Sorgt dafür, dass ihr alles im Haus habt, was ihr braucht und mögt.
Überlegt Euch, wen ihr treffen wollt und wen nicht und versucht, das entsprechend vorher zu organisieren. Dann wisst ihr schon mal, wie Euer Zeitablauf ungefähr sein wird. Habt keine Scheu, nein zu sagen, wenn Euch nicht nach Gesellschaft ist. Ihr dürft das auch an Weihnachten. Und an Silvester!

Wenn ihr allein seid und Euch einsam fühlt, guckt in Eure Foren. Im Aspies Forum ist immer jemand online, an Silvester treffen sich immer ein paar Leute in der Rubrik „Spielwiese“ oder auch in anderen Bereichen zum Chatten. Vielleicht seid ihr in einer Facebook Gruppe und könnt Euch auch da organisieren. Irgendwer ist immer da draußen!

Gäste:

Gäste zu haben kann schön sein, ist aber für Autisten oft ein Anschlag auf die Exekutivfunktionen. Es wäre von Vorteil, zumindest Wasser kochen zu können, ohne dass der Topf anbrennt. Außerdem brauchen Gäste Kommunikation und ein großes Maß an Interaktionsfähigkeit und man sollte wissen, was andere brauchen oder wollen. Und dann steht auch noch der Haushalt auf dem Kopf. Die Alternative, sich im Kaffee oder im Restaurant zu treffen, geht auch oft nicht, weil viele Kneipen zu haben und es dort außerdem laut ist. Wobei: laut ist es mit Gästen auch zu Hause. Wenn Euch Besuch zu kompliziert ist, ist das ok. Orientiert Euch nicht an der Erwartung anderer.

Man kann sich auch zu einem Spaziergang treffen oder ins Museum gehen. Es tut ja auch mal ganz gut, etwas anderes zu sehen als die eigenen vier Wände.

Haltet es simpel:

Deko, Flackerlicht, haufenweise Kerzen, bunt, bunter am buntesten, Raketen und Lärm. Es gibt Autisten, die lieben Lichter und Deko. Genießt es.

Andere aber fühlen sich überfordert und überladen. Wenn ihr nicht allein lebt, einigt Euch in Euren Familien oder WGs über den Weihnachtsschmuck, bittet darum, dass ihr nicht zu vielen Reizen ausgesetzt werdet. Tut es vorher, nicht erst, wenn ihr merkt, dass ihr schon im Overload hängt. Wenn ihr eingeladen seid, fragt nach der Deko, oder was an Silvester geplant ist, und sagt Bescheid, wenn ihr nicht klar kommt. Vergesst Eure Ohrstöpsel nicht.

Feiertagsroutinen:

An den Feiertagen fallen Alltagsroutinen weg. Die Orte, an die man normalerweise geht, sehen anders aus oder sind nicht zugänglich, wenn es z.B. Einkaufszentren oder Bibliotheken sind. Wir können nicht tun, was was wir immer tun.

Also schafft Euch Feiertagsroutinen. Was macht ihr gerne? Keine Schule, keine Arbeit, also Zeit für Eure Spezialinteressen! Bedenkt das auch bei der Vorplanung. Baut Zeitfenster ein für Euch selbst. Plant Zeit für Eure Interessen.

Raus gehen

Raus gehen in die Natur, auch wenn das Wetter nicht so toll ist. Frische Luft, vielleicht sogar im Wald, tut Hirn und Körper gut und beruhigt.

Klamotten:

Zieht das an, was ihr wollt! Jogginghosen haben längst nicht mehr den Ruf, dass man die Kontrolle über sein Leben verliert, wenn man sie trägt.
Und wenn, don´t give a shit! Viele Autisten haben es nicht so mit dem „Aufhübschen“. Dann lasst es. Es ist Euer Leben.

Eltern mit autistischen Kindern: lasst die Kids das anziehen, was sie immer anziehen. Das Durcheinander an Weihnachten ist schwierig genug. Gewohnte Klamotten geben Sicherheit.

A apropos Sicherheit:

Schafft Euch sichere Orte. Wenn ihr in Gesellschaft sein müsst oder sein wollt, stellt sicher, dass es einen Ort gibt, wo ihr mal runterkommen könnt. Wenn ihr eingeladen seid und die Gastgeber wissen, dass ihr eine Ruheinsel braucht, lasst Euch sagen, wo. Ansonsten können auch Ohrstöpsel oder Kopfhörer helfen, vielleicht mit der eigenen Musik oder einem Podcast.

Kindern helfen kleine Zelte, die man in einem freien Zimmer aufstellen kann. Oder ein Zelt bauen, in dem man eine große Decke über einen kleinen Tisch hängt. Diese Höhlen habe ich als Kind geliebt! Dorthin können sich die Kleinen zurückziehen, mit ihren gewohnten Spielsachen in einem überdachten und sicheren Reich. Das hilft auch bei Übernachtungsbesuchen, damit die Kleinen sich sicher fühlen und besser schlafen.

Sucht Euch für Silvester einen Ort, an dem nicht geschossen werden darf, wenn ihr das Geballer nicht ertragen könnt. Stichwort Flughafenhotel oder Hundehotel! Oder eine Nordseeinsel oder eine Stadt, in der Feuerwerke verboten sind. Nehmt Euch ein schönes Buch mit, beschäftigt Euch mit Euren Interessen und genießt die Ruhe. Party kann man machen, muss man aber nicht.

Geschenke

Autisten mögen i.d.R. keine Überraschungen. Autistische Kinder eskalieren häufig, wenn sie etwas bekommen, was sie nicht wollten oder wenn sie etwas nicht bekommen, womit sie gerechnet haben. Sagt es Euren Angehörigen und Freunden, wenn ihr ein Problem mit Überraschungen habt. Maskieren ist auch an Weihnachten nicht gesund 😉

Bereitet Eure autistischen Kinder oder Angehörigen auf ihre Geschenke vor, auch auf das, was sie nicht bekommen, obwohl sie es sich wünschen würden. Das macht ein paar Meltdowns weniger.

Essen:

Wenn ihr ein autistisches Essverhalten habt: Esst das, was ihr immer esst. Bleibt auch an diesen Tagen in Euren Routinen, soweit es geht.
Wenn ihr eigeladen seid, fragt vorher, was es gibt, dann könnt ihr aufhören, darüber nachzudenken, ob ihr das packt. Und sagt Bescheid, wenn ihr etwas nicht essen könnt, das erspart Euch Stress und dem Gastgeber Frust.

Für Menschen mit Essstörungen ist Weihnachten auch oft voller Trigger. Es ist vielleicht nicht die richtige Zeit, an einem besseren Essverhalten zu arbeiten, wobei: die richtige Zeit dafür ist immer genau jetzt! Und vielleicht sagen auch manche: Genau jetzt ist der richtige Moment für eine Herausforderung. Super. Dann soll es so sein. Aber es ist auch ok, wenn ihr in dieser Zeit des Jahres in Eurer sicheren Zone bleibt. Achtet auf Eure Bedürfnisse. Das gilt übrigens nicht nur für die Weihnachtszeit.

Versucht, nicht alles zu überdenken. Verbringt die Zeit nicht damit, sie zu überleben. „Muss“ ist das meist überschätzte Wort.

Macht das, was Euch guttut. Nur, weil irgendwann mal irgendwer gesagt hat, dass Weihnachten ein Fest der Familie, der Gemeinsamkeit, der Völlerei und was sonst noch alles sein soll, muss man das für sich selbst nicht so annehmen. Macht Weihnachten und den Jahreswechsel zu Eurer Zeit.

Ich werde die nächsten 14 Tage Blog Pause machen, mich eine Weile fernhalten von wissenschaftlichen Studien und Analysen und üben, mal nicht an Lösungen zu arbeiten oder irgendeinem Sinn hinterherzulaufen. Zugegeben, das wird nicht leicht.

Der Sinn des Lebens ist, das Leben zu leben.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Rutsch. Bleibt gesund oder werdet es.

Viele Grüße, wir lesen uns 2020

Eure Ani

PS: Ihr habt noch mehr Ideen? Schreibt sie in die Kommentare.