Themenwelt – Autismus

Sind Autisten Übermenschen?

Warum Autismus keine Superpower ist!

Es ist Freitag. Es ist Schule. Anstatt die Schulbank zu drücken, sitzt ein 16-jähriges Mädchen in gelbem Regenmantel, blauen Turnschuhen und langen Zöpfen an eine Mauer gelehnt auf dem kalten Steinboden. „Skolstrejk för Klimatet“, steht in schwarzer Schrift auf dem weißen Plakat neben ihr.

Das Mädchen heißt Greta Thunberg, und sie streikt. Sie findet, Schule und Lernen mache keinen Sinn, wenn die Umwelt eh dem Untergang geweiht sei, weil niemand etwas dagegen tue. Vor allem, da die Lösung des Problems doch längst klar sei.

Seit diesem Tag hat sie mit ihrem Appell eine Welle an Aktionen in Gang gesetzt, die Schüler weltweit freitags vom Unterricht fernhält, weil sie mehr Sinn darin sehen, für ihre Zukunft auf die Straße zu gehen, als Mathe zu pauken. Gretas Einsatz zwingt Politiker auf der ganzen Welt dazu, sich intensiv mit der Rettung unserer Erde zu beschäftigen. Eine wirklich beachtliche Leistung für eine 16jährige, umso mehr, wenn man weiß, dass sie Autistin ist.
Es entspricht nämlich nicht unbedingt der autistischen Art zu sein, tagtäglich in Menschenmengen zu baden, Fremden im fünf Minuten Takt die Hand zu schütteln und seine Worte so zu betonen, dass nicht nur klar wird, was man sagt, sondern auch, wie man es meint. Von spontanen und unvorhersehbaren Situationen, Ortswechseln und 24/7 Kommunikation mit korrekt getaktetem Blick mal ganz abgesehen.

Ist Greta ein Übermensch oder wie  kann es sein, dass ein autistisches Mädchen das alles schafft? 

Selbst Autisten unter sich sind nicht immer einig, ob hochfunktionaler Autismus nun eine Besonderheit ist oder eine Behinderung, eine Belastung oder eine Gabe. Tatsächlich ist es ein Spektrum, das alles umfasst und entsprechend individuell empfunden wird.

Ich verweise hier auf diesen Artikel in „The Aspergian, denn er gibt das Thema hervorragend wieder.

Auf der einen Seite sind hochfunktional autistische Menschen mehr oder weniger stark beeinträchtigt von ihren Schwierigkeiten, komplexe Handlungen zu vollziehen, flexibel zu denken, nicht Ausgesprochenes zu verstehen, die Perspektiven zu wechseln und ihre Emotionen zu erkennen und zu integrieren.
Andererseits führt gerade die Trennung zwischen Sache und Emotion, die unzureichende Theory of Mind und deren ausgeprägte Sensitivität dazu, dass Autisten Wahrheitsexperten sein können. Die meisten sind weitgehend unbeeinträchtigt von unlogischen Glaubensmustern. Es gibt inzwischen sogar Ansätze, die darauf hinweisen, dass besonders der hochmanipulative Framing Effekt bei Autisten nicht wirkt, weil er auf Emotionen abzielt und auf das, was zwischen den Zeilen wirkt. Wirken kann nun mal nur, was ankommt.

Ihre andersartige Wahrnehmung macht Autisten also zu Logikern, die in der Lage sind, unvoreingenommen und direkt ihre Meinung zu äußern und zu vertreten, und ihre Neigung zu Spezialinteressen macht sie zu Experten auf ihrem Gebiet. Greta beweist all das seit Monaten eindrücklich.

Aber ist Autismus eine Superkraft?

Als Greta wegen ihres Autismus angegriffen wurde, sagte sie (übersetzt) folgendes:

„Ich habe das Asperger-Syndrom und das heißt, dass ich manchmal ein wenig anders bin als die Norm.

Und unter den richtigen Umständen ist Anderssein eine Superkraft.“

Greta findet, dass die Stärken ihres Autismus ihr die Kraft geben, für ihre Überzeugung zu kämpfen und zu tun, was sie eben tun muss; auch wenn es ihr sicherlich oft schwer fällt.

Aber ist Autismus an sich eine Superpower?

Hier wird mal wieder aus einer kontextbezogenen und individuellen Aussage eine Verallgemeinerung gemacht. Und das halte ich für ausgesprochen kontraproduktiv für das Verständnis von Autismus. Dass sich führende Experten wie Tony Attwood und Leonhard Schilbach, die ich fachlich und menschlich sehr schätze,  dem anzuschließen scheinen, macht nichts besser.

Autisten, deren Eltern, Ärzte und Therapeuten müssen wissen, wie schädlich es ist, schon autistischen Kindern und Jugendlichen beizubringen, zu maskieren. „Masking“ ist Fluch und Segen zugleich. Maskieren macht es uns Hochfunktionalen möglich, in einer neurotypischen Welt zu bestehen, aber es ist auch die Hauptursache dafür, dass so viele Autisten früher oder später oft massive ausgebrannt sind und unter Komorbiditäten, wie Depressionen, Essstörungen und Angststörungen leiden.

Vor ihrem politischen Engagement wurde Greta beschrieben als Kind mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen. Depressionen, Zwangsstörungen, Angst- und Essstörungen soll sie gehabt haben. Außerdem soll sie selektiv mutistisch gewesen sein, also zeitweise unfähig zu sprechen. Alles ausgesprochen typische Symptome, die Autismus begleiten können.

Hat sich das nun alles in Luft aufgelöst?

Hat ein Bad in der neurotypischen Menschenmenge und das Licht der Scheinwerfer ein autistisches Kind von etwas geheilt, das nicht heilbar ist?

Wohl kaum! Sie brennt für ihr Ziel, das Klima zu retten, aber das, was ihr diesen Ansporn gibt, ist keine Superpower. Es ist vermutlich vielmehr die Fixierung auf die Idee, eine Klimakatastrophe abzuwenden, die aus ihrem Spezialinteresse entsteht, und die herausragende Fähigkeit der meisten Autisten, ihre autistischen Eigenschaften zu maskieren. Das hat sie sichtlich perfektioniert in den letzten Monaten.

Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie wenigstens ein gutes Betreuungsteam hat. Ich wünsche ihr, dass sie kompetente Menschen hat, die die Folgen auffangen können, die all das, was hier passiert, vermutlich haben werden.
Ich befürchte jedoch, dass dem nicht so ist. Denn diejenigen, die eigentlich Verantwortung übernehmen müssten, ihre Eltern, ihre Ärzte und Therapeuten, die Erwachsenen, scheinen nicht zu verhindern, dass eine Autistin ihre eigenen Grenzen massiv überschreitet. Grenzen, die sie selbst nicht spüren wird. Noch nicht. Sie lassen zu, dass Greta einer Meute zum Fraß vorgeworfen wird, die sie ausnutzt und ausbeutet -ohne dass das Mädchen es merkt. Denn sie ist autistisch!

Und das ist weit entfernt von Fürsorge!

Bei allem Respekt für ihr Wissen und ihren Einsatz: Beraten kann man auch aus dem ruhigen Hintergrund, dafür muss man nicht ins Rampenlicht.

Die mediale Wirksamkeit der autistischen Greta dient der Lobby, nicht der Sache und schon gar nicht Greta selbst.

Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Darstellung von Autismus als Superkraft in der Öffentlichkeit. Jahrzehnte lang kämpft die autistische Community weltweit darum, gehört und ernst genommen zu werden. Seit einer Ewigkeit gibt es Initiativen, Aufklärungskampagnen und sonstige Aktionen, die aufzeigen sollen, dass wir selbstverständlich Stärken haben, aber besondere Bedingungen brauchen, damit wir sie leben können, anstatt zu scheitern.

Seit Jahren stehen Eltern vor Ämtern, weil sie um Eingliederungshilfen für ihre autistischen Kinder kämpfen- und diese verwehrt bekommen. Weil es ja so toll ist, ein autistisches Kind zu haben, mit diesen „übermenschlichen“ Fähigkeiten (Ironie!)

Immer wieder bemühen sich autistische Erwachsene um Inklusion am Arbeitsplatz, damit sie nicht frühzeitig Rente beantragen müssen, weil das ständige Maskieren sie ausbrennt. Rente, die sie selten bekommen, weil die, die darüber entscheiden, der Meinung sind, Autismus sei doch so großartig.

Weil Medien das jetzt bestätigen und weil man Medien lieber glaubt als Betroffenen, werden Autisten in Zukunft noch öfter leer ausgehen.

Autisten sind keine Übermenschen und Autismus ist keine Superkraft!
Wir haben unsere Stärken, so wie jeder Mensch, aber unsere Schwächen, unsere Probleme sind für die meisten von uns limitierend, anstrengend und frustrierend- und für andere unsichtbar.

Maskieren darf keine Lösung sein, und ein Spezialinteresse darf nicht dazu führen, dass Menschen benutzt werden. Auch nicht im scheinbaren Interesse der Welt.

Hört damit auf, Autismus so darzustellen, als sollte sich jeder Mensch wünschen, damit geboren zu werden. Überlasst es uns Autisten, individuell zu entscheiden, womit und wie es uns gut geht, was wir ganz individuell als unsere Stärken definieren, und ob und welche Hilfen wir brauchen.

Autismus ist, was es ist: Eine andere Art zu sein, die ein Leben in einer neurotypischen Welt zu einer Herausforderung machen kann- und engagierte junge Autistinnen wie Greta- unter den falschen Umständen- zu einem Opfer.