Themenwelt – Autismus

Sind Autisten die besseren Spirituellen?

Warum Autismus und Spiritualität zusammen hängen

Ich war auf einer Yogawoche. Dieses Event war weniger geeignet für mich als Frau im Spektrum, die es nicht packt, wenn jemand neben mir laut atmet. Folglich habe ich schon in der ersten Stunde den Raum verlassen. Ich weiß, das war nicht mindful, also achtsam; zumindest nicht den anderen gegenüber. Aber ich hatte den körperlichen und geistigen Hauch von 30 Fremden in meinem System, und wer dieses Gefühl kennt, der weiß, dass nur noch flüchten hilft, wenn man als Autistin nicht im Shutdown enden will.

Nur, ohne Yogaatmung kommt man nicht in die Spiritualität, und da muss man hin, wenn man ein guter Mensch sein will. Das sagen die, die es angeblich wissen. Andere dagegen sind davon überzeugt, der Mensch sei von Grund auf spirituell, man müsse also einfach nur sein und gar nichts tun. Und dann gibt es noch allerhand Lichtgestalten, die Theorien haben, die so abgehoben sind, dass ich mir ernsthafte Sorgen mache um deren psychische Gesundheit. Und noch mehr um die Seelen ihrer Anhänger.

Einer der Autisten aus dem Aspies-Forum schreibt dazu:

„Ich habe kein Problem mit Spiritualität, wenn sie eine klare und menschliche ist, aber meiner Ansicht nach sind diese Gewässer bei den Esoterikern und Religionen unglaublich getrübt und führen einen in Hinterwelten, die kein gesund denkender Mensch je zulassen würde. […] Diese Szenen sind zu großen Teilen verseucht mit Gedanken, die Tatsachen verdrehen und sich ihre „Wahrheit“ so zurechtschwurbeln, bis sie in die idiologische „Schablone“ (Metapher) passt.
[…] ich denke man sollte sich immer einen ungetrübten und kritischen Geist bewahren, der sich am Tatsächlichen orientiert.“ (peter9837)

An Tatsachen, an Beweisbarem orientieren, das ist definitiv eine autistische Stärke, die schützen kann vor so mancher Gehirnwäsche. Aber lässt sie uns vielleicht auch mal übersehen, was es da sonst noch geben könnte, jenseits der Fakten?

Es gibt Vertreter der Theorie, dass gerade Autisten wegen ihrer durchlässigen Sensorik besondere spirituelle Veranlagungen haben. Viele von uns nehmen ja tatsächlich andere Ebenen wahr. Wir sind oft ausgesprochen sensitiv, spüren vieles, was andere vielleicht nicht spüren. Und nicht wenige Autisten verbringen viel Zeit in ihrem Inneren. Sie tun sich nicht leicht damit, sich mit der Außenwelt zu verbinden, während nicht autistische Menschen häufig schwer Zugang zu ihrem Innenleben finden.

Aber macht das uns Autisten tatsächlich zu spirituelleren Menschen?
Um diese Frage beantworten zu können, muss man erstmal begreifen, was Spiritualität eigentlich ist; sofern man sie überhaupt greifen kann.

Normalerweise fällt es mir eher leicht, einen Text einfach runter- zuschreiben, wenn ich das Grobkonzept im Kopf habe, aber bei diesem Thema kämpfe ich um Worte, um Beschreibungen, die Euch verständlich machen, was ich dazu denke und fühle. Ich könnte jetzt irgendwelche allgemein gültigen Aussagen wiedergeben, wie sie zuhauf bei Google zu lesen sind, aber was hätte das mit mir zu tun?

Genau das ist die Krux:
Ich glaube nämlich, spirituell zu sein, empfindet jeder anders. Es gibt hierfür keine „one fits all“ Erklärung und auch keinen Weg, ein spiritueller Mensch zu werden, der für alle passt. Spiritualität ist in uns, in unseren Seelen, in unseren Herzen, in unseren Gedanken und Emotionen, in unserer Haltung zu uns selbst und zu anderen; in unserem Weltbild. Es ist etwas, das an sich nicht sichtbar ist, aber sichtbar und spürbar wird durch unser Verhalten. Es entsteht im Inneren und zeigt sich als positive Eigenschaften im Außen. So gesehen haben diejenigen recht, die sagen, Spiritualität sei eine notwendige Tugend, um ein guter Mensch zu sein.

Ein spiritueller Mensch ist das, was ich als „Herzmensch“ bezeichnen würde. Ein Herzmensch ist für mich jemand, der gleichermaßen ein Gespür hat für seine eigenen Bedürfnisse, für das, was andere bewegt und für das, was die Welt braucht, um uns noch lange erhalten zu bleiben. Spirituell ist derjenige, der sich mit gesundem Egoismus um sich selbst kümmern kann, ohne dabei seine Mitmenschen zu übersehen und zu übergehen. Der einfühlsam und mitfühlend ist, der achtsam lebt, der dankbar ist für das, was er hier haben und leben darf. Der nicht verbittert andere beneidet um deren Fülle, um das, was sie sich zugestehen, obwohl er sich vielleicht sogar selbst und eigenverantwortlich entschieden hat, sich Dinge zu versagen.
Spirituell zu sein heißt für mich auch, mir selbst und anderen verzeihen zu können, dass wir Menschen fehlerhaft sind, mich nicht über andere zu stellen und anderen nichts nachzutragen. Spiritualität bedeutet, stets bereit zu sein, mich zu reflektieren und an mir zu arbeiten und mir gleichzeitig zu erlauben, nicht perfekt zu sein.

Spiritualität braucht keine besonderen sensorischen Fähigkeiten, wie sie uns Autisten teilweise zurecht zugeschrieben werden. Um spirituell zu leben, braucht man meiner Ansicht nach auch keine besonderen Methoden, wie Yoga oder Meditation.
Beides wird häufig als Voraussetzung genannt, sich seiner Spiritualität zu nähern. Besonders Meditation kann sicherlich sehr wertvoll sein, sich seinem inneren Erleben, sich seiner Gedanken und Emotionen zuzuwenden, sich seiner selbst und seinem Einfluss bewusster zu werden, aber ist es Bedingung?

Ich finde, jeder darf selbst entscheiden, ob Yoga, Meditation oder etwas anderes hilfreich sein kann, um zu seiner Spiritualität zu finden. Einen Weg vorzugeben, finde ich falsch, denn das würde bedeuten: Alle, die nicht meditieren, die kein Yoga machen, die keine kollektive Atemtechnik üben, sind keine spirituellen Menschen und haben auch keine Chance, es jemals zu werden. Für mein Verständnis ist diese Haltung das genaue Gegenteil von spirituell, nämlich wertend und diskriminierend anstatt akzeptierend und tolerant. Für mich als Autistin zum Beispiel, ist Yoga in Gruppen eben kontraproduktiv, von Atemtechniken mal ganz abgesehen. Und was Meditation betrifft, sie tut mir gut, um mich für eine begrenzte Zeit zu erholen von den Anforderungen und Reizen des Lebens in einer neurotypischen Welt. Aber es fühlt sich nicht gesund an, zu viel Zeit in meinem Inneren zu verbringen. Das verstärkt meinen Autismus und führt dazu, dass ich immer wieder von Neuem eine Menge Mühe und Energie aufbringen muss, mich mit meiner Umwelt zu verbinden. Ich wäre nicht selbst-fürsorglich, nicht in meiner Spiritualität, wenn ich diese Signale übergehen würde.

Mein Verständnis von meiner Spiritualität ist nicht beeinflusst davon, ob ich meditiere oder Yoga übe, oder gar dass ich Autistin bin.
Jeder Mensch kann und sollte sich Gedanken darüber machen, wie er wirkt und wer und wie er sein möchte. Wir alle können täglich in jeder Minute Verhaltensweisen üben, die uns dem Ziel näherbringen, ein spiritueller und liebenswerter Mensch zu sein. Liebenswert für andere und damit auch für uns selbst, denn die Liebe zu uns selbst braucht den Spiegel der anderen. Wer nicht geliebt wird, wird sich schwer tun, sich selbst zu lieben und damit auch, andere zu lieben.
Wer nur im Innen ist, kann seine Spiritualität nicht weitergeben und wer sie nicht weitergibt, kann sie nicht empfangen.
Wer dagegen nur im Außen ist, kann sein Selbst, sein Inneres, sein eigenes Bewusstsein nicht erweitern und seine eigene Spiritualität nicht finden.

Vor 250 Jahren stellte schon Humboldt fest, dass alles mit allem zusammenhängt, also auch Autismus und Spiritualität.
Aber nicht, weil Autisten die besseren Spirituellen sind, sondern weil Autisten Menschen sind.