Themenwelt – Essstörungen

Warum Essstörungen neu gedacht werden müssen

Essstörungen sind biopsychosoziale Erkrankungen

Bis heute gibt es keinen medikamentösen Therapieansatz gegen Essstörungen. Psychotherapeutische Methoden sind nicht evidenzbasiert, sind in ihrer Wirkung limitiert, und umstritten. Die Rückfallquote ist hoch und es ist nicht definiert, welche medizinischen und psychologischen Kriterien zutreffen müssen, die Rehabilitation und Heilung definieren. Die Komplexität dieser Erkrankungen zu verstehen ist ein Herausforderung. Neuste Forschungsergebnisse zeigen klar, dass ein Paradigmenwechsel in den Erklärungsmodellen dieser Erkrankungen überfällig ist.

Dr. Jennifer Gaudiani, Internistin und Spezialistin für Essstörungen und Gründerin der Gaudiani Clinic for Eating Disorders in Denver, wird nicht müde zu betonen, wie viel falsch gelaufen ist bei der Diagnostik und der Behandlung von Essstörungen in den letzten Jahrzehnten. Und Dr. Cynthia Bulik sagt: „I feel a little ashamed when I think about how I disseminated these explanatory models; today I look at them as historical artefacts.” Sie ist Professorin am Department of Medical Epidemiology and Biostatistics am Karolinska Institute in Schweden und lehrt am Center of Excellence for Eating Disorders an der University of South Carolina. Sie ist eine der bekanntesten Forscherinnen zum Zusammenspiel zwischen Genetik und anderen Risikofaktoren von Essstörungen. Diese beiden führenden Expertinnen und viele andere mehr bekennen sich längst öffentlich dazu, unbeabsichtigt und trotz bestem Wissen und Gewissen in die falsche Richtung gedacht zu haben. Sie bereiten damit den Weg für alle, sich von althergebrachten Mythen zu verabschieden und sich für neue Ansätze in der Behandlung und Therapie von Essstörungen zu öffnen. Diese schweren Erkrankungen müssen baldmöglichst noch eindeutiger diagnostiziert und effektiv behandelt werden können.

Um das zu erreichen, müssen Forscher aller beteiligten Fachrichtungen, behandelnde Ärzte, Psychologen, Betroffene und deren Familien endlich an einem Strang ziehen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zusammentragen und sich öffnen für die Sichten und Erkenntnisse der anderen. Anorexie ist eine der schwersten psychiatrischen Erkrankungen mit der höchsten Sterberate, nicht nur durch deren physische Folgen, sondern auch durch Suizid. Es darf nicht mehr passieren, dass Patienten aus Scham keine Hilfe in Anspruch nehmen oder dass Krankenkassen die Finanzierung der Therapien vom Gewicht abhängig machen. Wir dürfen die Konsequenzen der falschen Annahmen über Essstörungen und die Hürden im Zugang zu Behandlungen nicht mehr ignorieren, wir müssen endlich handeln. Wir müssen weg von Schuldzuweisungen und Stigmatisierungen. Wir müssen aufhören anzuklagen und anfangen, Ressourcen zu nutzen.

Räumen wir auf mit den Mythen:

Merke: Risikofaktor ist nicht gleich Ursache!

Familien sind nicht schuld

Schwierige familiäre Situationen sind eine Herausforderung für alle Familienmitglieder. Psychisch belastende Situationen, egal welcher Art, sind als Risikofaktoren für Essstörungen beschrieben und anerkannt. Aber Risikofaktoren sind keine Ursachen. Risiken allein machen nicht krank. Familien anzuklagen ist einseitig gedacht und in vielen Fällen unfair. Tatsächlich ist die Familie für Jugendliche mit Essstörungen die größte Unterstützung, die sie bekommen können. „Family Based Treatment“ ist in USA bereits gut etabliert. Über Therapieansätze werde ich in einem gesonderten Artikel berichten.

 Mütter sind nicht schuld.

Seit Bruno Bettelheim in den 60ger Jahren verbreitete, Mütter wären schuld am Autismus ihrer Kinder, hat sich diese These auf alle möglichen anderen Erkrankungen ausgeweitet, so auch auf Essstörungen.

Diese Aussage ist längst widerlegt!

Auch hier gilt: Es gibt schwierige Mutter-Kind Verhältnisse, die bei manchen Kindern das Risiko erhöhen, an einer Essstörung zu erkranken. Aber wenn Mütter schuld sein sollen, warum erkranken dann auch Kinder an Anorexie oder Bulimie oder Binge Eating, die ein herzliches und sicher gebundenes Verhältnis zu ihren Müttern haben? Und warum bleibt ein Großteil aller Kinder von Essstörungen verschont, auch wenn sie ein schwieriges Mutter Kind Verhältnis haben? Es sind nicht die Mütter.

Essstörungen sind keine Wahl! Betroffene sind nicht selbst schuld.

Eine Essstörung ist genauso wenig eine Wahl, wie eine Depression, eine Schizophrenie oder andere (psychiatrische) Erkrankungen. Niemand begibt sich freiwillig dort hinein und niemand bleibt freiwillig darin hängen.

Essstörungen sind kein Schrei nach Aufmerksamkeit

Zu wenig oder zu viel zu essen ist ein Signal, dass etwas nicht stimmt, aber kein narzisstischer Schrei nach Aufmerksamkeit, keine Trotzreaktion, kein böser Wille und keine Bestrafungsaktion anderer.

Essstörungen betreffen nicht nur Weiße aus der Mittelschicht, Teenager und Frauen.

Essstörungen können alle treffen. Sie unterscheiden nicht zwischen Nationen, Kulturen, Hautfarbe, Alter oder Geschlecht.

Essstörungen sieht man nicht am Gewicht

Es gibt dünne Menschen ohne Essstörung, es gibt füllige Menschen mit Anorexie oder Bulimie, es gibt Binge Eating bei schlanken Leuten und es gibt alle Formen von Essstörungen in normalgewichtigen Menschen.

Die Kultur ist nicht schuld.

Anorexie ist seit dem 14ten Jahrhundert beschrieben. Damals gab es keine Medien und völlig andere kulturelle Begebenheiten.
Botschaften und Regeln der westlichen Gesellschaft von heute sind definitiv ein Risikofaktor, der zu einem Verhalten führt, dass in einer Essstörung enden kann- aber auch nicht die Ursache.

Essstörungen sind keine Willensschwäche

Essstörungen sind keine Frage des Wollens oder nicht- Wollens.

All diese verletzenden, wertenden und missachtenden Annahmen und Reaktionen, die Betroffenen leider auch immer noch oft genug dort begegnen, wo sie eigentlich Hilfe bekommen sollten, verkennen deren Not und deren Leiden massiv. Derartige Anklagen sorgen dafür, dass diese Erkrankungen so schambehaftet sind, dass sie lange verborgen und verheimlicht werden- viel zu lange.
Essstörungen funktionieren nicht nach dem Schuldprinzip. Sie lassen sich nicht durch Richtersprüche und Auflagen auflösen.

Sie sind multifaktorielle, bio-psycho-soziale oder womöglich sogar metabo-psychiatrische Erkrankungen, also psychiatrische Erkrankungen, die in Zusammenhang stehen mit einer Stoffwechselstörung.

Nach all dem, was man heute weiß, ist die Ursache also ein Zusammenwirken von genetischer Prädisposition, Vorgängen im Stoffwechsel, Besonderheiten im Gehirn, Persönlichkeitsmerkmalen und Lebensumständen.

Es ist jedoch nach wie vor unklar, wie dieses Zusammenspiel im Einzelnen aussieht und welcher Faktor letztendlich ausschlaggebend für den Ausbruch der Erkrankungen ist. Vermutet wird die genetische Prädisposition und deren Auswirkung auf den (Gehirn-) Stoffwechsel, die zum Tragen kommt, sobald die Energieaufnahme unter ein bestimmtes Level sinkt.

Um all das noch besser zu verstehen, hat Dr. Cynthia Bulik 2013 zusammen mit Kollegen aus USA, Schweden, Dänemark und Australien die größte Studie zu den Ursachen von Essstörungen, ihren Auslösern und Wirkungen ins Leben gerufen, die es jemals gab. (ANGI anorexia nervosa genetics initiative)

Das Besondere an dieser Studie ist nicht nur die große Anzahl rekrutierter Probanden, sondern auch, dass man versuchte, gezielt Bestätigungsfehler auszuschließen. Die Genome der Teilnehmer wurden ohne Erwartung ans Ergebnis ausgewertet. Es wurde die DNA von 13 000 Probanden und 13 000 Kontrollpersonen aus USA, Europa und Australien untersucht und verglichen. Vier Jahre später war eindeutig, dass vor allem Anorexie eine starke genetische Komponente hat.

“The first exciting finding was that we identified 8 regions on the genome that were significantly associated with anorexia nervosa, on chromosomes (nearest gene)1 (PTB2), 2 (ASB3, ERLEC1), 3 (FOXP1 and NSUN3), 5 (CHD10), 10 (MGMT), and 11 (CADM1).”

Weiterhin fanden die Forscher heraus, dass es Verbindungen gibt zwischen den Genen, die man mit Anorexie in Verbindung bringen kann und denen, die bereits für andere Erkrankungen, wie zum Beispiel Zwangserkrankungen, Depressionen, Autismus, Autoimmun- und Stoffwechselerkrankungen identifiziert wurden. Die Verbindung und die Interaktion zwischen Genetik, Hormonen und Stoffwechsel könnten z.B. Antworten darauf geben, warum Magersüchtige so auffallend schnell Gewicht verlieren können, warum sie einen großen Bewegungsdrang haben, warum auch bei langjährig rehabilitierten Anorexie Patienten eine kurze Phase im Energiedefizit ausreicht, um die Erkrankung zu reaktivieren, unabhängig von der Ursache, warum sie autistische Eigenschaften zeigen, und vielleicht auch, warum Autisten so anfällig sind für Essstörungen. Diese genetischen Links könnten auch erklären, warum Magersüchtige Hungern als beruhigend empfinden während Sättigung Stress auslöst- und das vermutlich schon vor Ausbruch der Erkrankung.

Noch kennt man das Ursache Wirkung Prinzip von Essstörungen leider nicht genauer, aber die Ansätze zeigen in die richtige Richtung. Die ANGI Studie wird weiter gehen. Die Zahl der Studienteilnehmer soll noch wesentlich erhöht werden. Männliche Probanden müssen einbezogen und die Fachrichtungen weltweit (incl. Asien) noch intensiver vernetzen werden, um letztendlich den Hauptauslöser der Anorexie zu identifizieren und dieses Wissen auch für andere Formen der Essstörungen nutzen zu können.

Bulik sagt, es sei ihr Ziel, Anorexie, ARFID, Bulimie und Binge Eating Disorder so selbstverständlich behandelbar zu machen, wie Asthma.

https://uncexchanges.org/2019/07/15/anorexia-nervosa-genetics-initiative-angi-part-1-the-results/

https://ki.se/en/research/she-wants-us-to-see-the-biology

Genetics of anorexia nervosa