Themenwelt – Essstörungen

Hungern für die Wissenschaft Teil III

Food First!

 

 

 

 

Warum Kalorien der Schlüssel zur Erholung sind

 

 

Wieder Essen und gut ist? 

Nach der wochenlangen Hungerkur folgte die lang ersehnte, 12 Wochen dauernde Rehabilitationsphase. Das Darben sollte endlich ein Ende haben. Weil die Forscher nicht nur interessierte, was lang dauernder Hunger mit Menschen machte, sondern vor allem auch, wie man ihnen helfen könnte, sich möglichst schnell davon zu erholen, wurden die 32 Probanden nun in vier Gruppen aufgeteilt, die wiederum Untergruppen bildeten. Sie bekamen jeweils eine unterschiedliche Menge Kalorien, Proteine aus Soja und Casein und zusätzlich die Vitamine A, C, E, D, Riboflavin, Niacin und Thiamin. Keiner wusste, welcher Gruppe er angehörte.

Gruppe 1: 1970 kcal

Gruppe 2: 2370 kcal

Gruppe 3: 2770 kcal

Gruppe 4: 3170 kcal

Die Ergebnisse waren frustrierend. Wochenlang hatten die Männer davon geträumt, einfach wieder essen zu dürfen und endlich kräftiger zu werden- aber was passierte: Einige nahmen sogar ab! Charles Smith´s Gewicht ging runter auf schockierende 45 kg. Nur, warum? Die Ödeme waren schuld. Die Wasseransammlungen aufgrund des Hungerns hatten das tatsächliche Gewicht verfälscht. Ein Liter Wasser wiegt ein Kilo, je mehr sie davon verloren, umso leichter wurden sie.

Keiner erholte sich wie erhofft, allerdings interessanterweise proportional zur Kalorienaufnahme. Die Männer, die die wenigsten Kalorien aßen, machten die geringsten Fortschritte, die mit der höchsten Kalorienmenge die schnellsten, auch deren Stoffwechselrate stieg am eindrucksvollsten. Doch selbst sie hatten nach sechs Wochen gerade mal ca. 2 kg mehr auf den Rippen. Es half also nichts, alle Männer brauchten mehr zu essen.

“In 1945, Keys noted:´Enough food must be supplied to allow tissues destroyed during starvation to be rebuilt […] our experiments have shown that in an adult man no appreciable rehabilitation can take place on a diet of 2000 calories [actually 2000 kcal (8368 kJ)] a day. The proper level is more like 4000 [4000 kcal (16,736 kJ)] daily for some months. The character of the rehabilitation diet is important also, but unless calories are abundant, then extra proteins, vitamins and minerals are of little value.`”

So durften sie also ohne Einschränkung schlemmen. Nur, das war keine gute Idee. Sie wurden einfach nicht satt. Ihr Wille, ihre Kontrolle über die Menge, die sie zu sich nahmen, war wie ausgeschaltet. Sie konnten nicht aufhören, alles in sich hineinzuschlingen, was sie an Essbarem finden konnten, obwohl ihre Mägen längst überliefen.

 

William Anderson reported that in many ways rehabilitation was “no better” than the semistarvation period, partially because there was not a noticeable relief from feelings of hunger.“

Die Völlerei war bedenklich und musste gestoppt werden. Also bekamen sie unter der Woche abgezählte 4000 kcal. Nur an den Wochenenden durften sie essen, so viel sie wollten. Trotzdem hatte auch nach Ende der Studie keiner der Männer sein Ausgangsgewicht zurück. Nach wie vor waren sie unersättlich, die Heißhungeranfälle hielten an. Zurück in ihrem alten Leben aßen und aßen sie, obwohl ihre Mägen schon völlig überfüllt waren. 10 000 Kalorien pro Tag waren die Regel. Einem der Männer, Henry Schollenberg, musste sogar der Magen ausgepumpt werden. Er hatte sich schlichtweg überfressen.

Ihr Gewicht ging nun steil nach oben, zum Teil weit über ihr Ausgangsgewicht. Vor allem der Körperfettanteil nahm zu, um bis zu 140 % über deren Anfangswerten. Nahezu alles, was sie zunahmen, sammelte sich am Bauch, um die lebenswichtigen Organe schnell wieder „reparieren“ zu können. Viele waren unglücklich über ihr unförmiges Aussehen und ihre anhaltende Muskelschwäche.

“Boy did I add weight. Well, that was flab. You don’t have muscle yet. And get[ting] the muscle back again, boy that’s no fun.”

Es dauerte zwei Jahre und länger, bis alle ihr normales Gewicht wieder erreicht hatten. Vor allem die Essgewohnheiten änderten sich nur langsam. Das gierige Essen war nicht nur dem extremen Hunger geschuldet, sondern auch der Angst, man könnte ihnen wieder verbieten, zu essen.

Die Affekte des Hungers auf die Psyche besserten sich völlig ohne Psychotherapie, allein mit zunehmendem Körpergewicht und dem besseren Ernährungszustand. Als erstes verschwanden Apathie, Schwindel und Humorlosigkeit. Depressionen und neurologische Probleme vergingen, sie waren so gesellig wie vor dem Experiment und nicht mehr aggressiv. Mit Müdigkeit und sexueller Unlust kämpften sie dagegen noch eine ganze Weile. Letztendlich erholten sich die Männer von allen Folgen der Unterernährung. Jahrzehnte später, als 19 der Männer noch einmal nach ihrem Befinden befragt wurden, erzählten sie, sie hätten sich zu jeder Zeit gut betreut und versorgt gefühlt. Sie beschrieben Keys als freundlichen und zugewandten Menschen, den nicht selten das Gewissen geplagt hätte, als er sah, was seine Studie mit den Männern machte. Keiner von ihnen beklagte nachhaltige Schäden. Das Experiment sei die interessanteste Erfahrung ihres Lebens gewesen.
Für die hungernden Menschen während des zweiten Weltkrieges kamen die Ergebnisse zu spät, denn Keys und seine Kollegen konnten ihre Erkenntnisse erst 1950 veröffentlichen, in dem mehrteiligen Band ´The Biology of the Human Starvation´, „[…] which is still a landmark work on human starvation.” Das Werk prägt unser heutiges Verständnis über den Einfluss der Ernährung auf Körper und Psyche. Umso tragischer ist es, dass, so eindeutig und relevant diese Einblicke auch sein mögen, wir offensichtlich nicht allzu bereit sind, daraus zu lernen. Die Botschaften, mit denen die „Gesundheitsgurus“ auf unsere Glaubenssätze und Ängste abzielen, nicht „richtig“ zu leben, wirken stärker, als Wissen und Vernunft.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es nun zwischen den Ergebnissen der Studie, Essstörungen und Diäten:

Zunächst einmal muss man im Blick behalten, dass das Experiment nicht durchgeführt wurde, um die Ursachen und Folgen von Essstörungen oder Diätverhalten zu erforschen. Essstörungen sind oft Jahre überdauernde Belastungen. Die Konsequenzen langem und/oder wiederholtem Hungerns, wie wir sie bei Essstörungen wie Anorexie sehen, wurden nicht untersucht. Die Studie war zeitlich limitiert, die Wahrscheinlichkeit, schwerwiegende Folgen zu erleiden, war entsprechend gering. Außerdem waren nur Männer zugelassen, während Frauen nach wie vor häufiger von Essstörungen betroffen sind.

Trotzdem gibt es eindrucksvolle Parallelen:

  • Kaloriendefizit unterhalb des individuellen Bedarfes kann schon innerhalb kurzer Zeit zu genau den massiven körperlichen Störungen führen, die im Hungerexperiment beobachtet werden konnten. Vor allem lebenswichtige Organe werden geschädigt. Die körperlichen Problematiken, die die Männer erlitten, sieht man bei nahezu allen Formen der Essstörungen.
  • Hungern macht fett. Viele Menschen mit Essstörungen, nach diversen Diäten oder häufigen Fastenkuren merken, dass sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr abnehmen oder schneller zunehmen, obwohl sie weniger essen und ihr Gewicht am Ende höher ist als irgendwann zuvor. Je häufiger man eine Diät macht, je öfter das Gewicht manipuliert wird, umso mehr steigen Setpoint und Körperfettanteil. Vor allem die Fettverteilung ändert sich. Menschen mit Essstörungen, die zunehmen müssen, sehen oft erstmal genauso unförmig aus, wie die Probanden des Experimentes. Auch der Körperfettanteil genesender Anorexie Patienten oder der „Dauerdiäter“ steigt zunächst oft erheblich und auch bei ihnen sammelt sich das meiste Fett am Bauch, rund um die wichtigsten Organe. Es dauert eine gewisse Zeit, bis sich das Gewicht wieder gleichmäßig verteilt. Auch die Heißhungeranfälle, die für die Männer einfach nicht endeten (=Extreme Hunger) und das ständige Beschäftigen mit Essen (=Mental Hunger) sind eine Folge der Restriktionen, des hungernden Gehirns. Der urzeitliche Teil des Hirns trifft automatisch und ohne, dass wir es beeinflussen können, alle Maßnahmen, um uns vor zukünftigen Hungersnöten zu schützen. Es kann nicht unterscheiden, ob wir tatsächlich von Mangelernährung bedroht sind oder diesen Zustand selbst hervorrufen. Es reduziert unseren Stoffwechsel, sorgt für extremes Verlangen nach hochkalorischen Lebensmitteln und packt uns extra Fett als Vorrat auf die Rippen. Es könnte ja sein, dass die nächste Hungerphase kurz bevorsteht. Anders ausgedrückt: Die nächste Diät, die nächste Fastenkur, der nächste Rückfall in die Essstörung kommt bestimmt!
    Das Gewicht der Männer stabilisierte sich nach einiger Zeit nur deshalb in einem normalen Bereich, weil sie nie mehr hungerten, sondern aßen, bis sie satt waren.
  • Der Ansatz, Essstörungen rein psychologisch zu betrachten, ist eindimensional. Die psychischen Veränderungen der Studienteilnehmer waren dieselben, wie man sie von Essstörungen kennt. Nur: Die Männer waren vor dem Experiment kern gesund und wurden gut betreut. Sie wurden allein deshalb apathisch, depressiv, sozial desinteressiert, ritualisiert und aggressiv, weil sie unterernährt waren. Sie hatten ein hungriges Gehirn. Natürlich können Essstörungen durch psychische Belastungen ausgelöst werden, die dazu führen, dass die Betroffenen ihr Essen einschränken und die den Kreislauf der Essstörung aufrecht erhalten. Neuere Forschungsergebnisse, die sich auf die Ergebnisse dieser Studie stützen, deuten jedoch darauf hin, dass vermutlich eher das Kaloriendefizit, die Gewichtsabnahme und das hungrige Gehirn bei genetischer Veranlagung eine Essstörung auslösen können. Ob man diese Veranlagung hat, merkt man leider erst dann, wenn es zu spät ist.
  • Food First. Wer die körperlichen und mentalen Folgen des restriktiven Essen, der Mangelernährung, heilen will, muss vor allem eins: Essen ohne Einschränkungen und Vorgaben- und zwar dauerhaft.