Themenwelt – Essstörungen

Hungern für die Wissenschaft

Teil I: Die “Minnesota Semi Starvation Study”

 

Warum in Minnesota Männer freiwillig hungerten

 

Will you starve that they be better fed?“

Mit diesem Slogan wurden im Jahre 1944 in Minnesota junge, körperlich und psychisch gesunde Männer gesucht, die sich für ein Hungerexperiment zur Verfügung stellen sollten.

Die Studie wurde an der dortigen Universität durchgeführt, unter der Leitung von Dr. Ancel Keys (Dr. der Physiologie) und dem Psychologen Josef Brozek.

Es war die Zeit des zweiten Weltkriegs. Viele Menschen hungerten, nicht wenige starben an Unterernährung. Man wusste damals kaum etwas darüber, was in einem menschlichen Körper passierte, der über längere Zeit unterernährt war. Entsprechend unklar war es, wie man diesen Menschen helfen konnte. Der Wissenschaftler Dr. A. Keys wollte mittels der „Minnesota Semi Starvation Study“ Erkenntnisse gewinnen über die körperlichen und psychischen Auswirkungen des Hungerns, um später daraus eine Rehabilitationsstrategie entwickeln zu können.

Die meisten jungen Männer, die als Probanden in Frage gekommen wären, waren im Krieg. Es gab jedoch damals auch in den USA so etwas wie den Zivildienst in Deutschland. Männer, die aus Gewissensgründen nicht in den Krieg ziehen wollten, konnten sich gemeinnützig engagieren. Diese Studie war definitiv ein Projekt, das diesen Zweck erfüllte. Also entschieden sich mehrere hundert Freiwillige dafür, zu hungern, anstatt zu kämpfen.

Sie wussten noch nicht, was sie erwartete!

Um teilnehmen zu können, mussten sie folgende Bedingungen erfüllen:

  • Alter 22-32 Jahre
  • Männlich und ungebunden
  • Körperliche Gesundheit und Fitness,
  • Psychische Stabilität gem. dem extra für diese Studie entwickelten Minnesota Multiphasic Personality Inventory, einem Testverfahren, das bis heute in seiner weiterentwickelten Variante eingesetzt wird (MMPI 2).
  • Stressresistenz
  • Hohe soziale Kompetenz
  • Interesse an gemeinnütziger Arbeit

Letztendlich wurden 32 Männer ausgewählt. Sie wogen im Durchschnitt ca. 76 kg bei einer Größe von ca. 1,78 cm und sollten innerhalb des Studienzeitraumes 25 % ihres Ausgangsgewichtes verlieren. Sie wurden verpflichtet, 20 Meilen pro Woche (ca. 45 min. pro Tag) entweder draußen oder auf dem Laufband mit 10 % Steigung zu gehen. Sie sollten an der Universität von Minnesota Vorlesungen besuchen und Laborarbeiten verrichten, in einem Umfang von ca. 15 Wochenstunden. Sie schliefen in einem großen Schlafsaal und aßen stets alle zusammen in einem Speisesaal. Sie sollten auch ihr soziales Leben außerhalb der Studie pflegen. Und alle mussten Tagebuch führen über ihr Befinden.

 

Die Studie startete im November 1944. Sie war in drei Phasen unterteilt:

Phase 1: 12 Wochen Kontrollzeitraum.

Phase 2: 24 Wochen „Semi Starvation“, also Kalorienreduktion, nicht Nulldiät.

Phase 3: 12 Wochen Rehabilitation

In den ersten 12 Wochen aßen die Männer ca. 3200 kcal, Kaugummis, Tee, Kaffee und Zigaretten waren uneingeschränkt erlaubt. Es sollte u.a. der Bedarf ermittelt werden, den ein gesunder Mann unter normalen Bedingungen braucht, um sein Gewicht zu halten. Sie wurden umfassend untersucht. Sie durchliefen den Harvard Fitness Test, ihr Körperfettanteil wurde gemessen, ebenso ihre Herzgröße, das Blutvolumen, das Gehör, die Sehkraft und die Spermaqualität. Auch umfassende psychologische Screenings wurden durchgeführt.

In den Wochen 13-24 wurden die Kalorien massiv reduziert, nämlich auf nur noch ca. 1570 kcal, verteilt auf zwei Mahlzeiten pro Tag. Um reale Bedingungen herzustellen, bekamen die Männer das zu essen, was die normale Bevölkerung in der Zeit des zweiten Weltkriegs zur Verfügung hatte. Es war Tag ein Tag aus das gleiche: Kohl, Rüben, Hülsenfrüchte, Kartoffeln und Brot. Nur sonntags gab es eine größere und vielfältigere Mahlzeit.

Je nachdem, wie sich ihr Gewicht entwickelte, wurden ihre Kalorien angepasst. Nahmen sie zu wenig ab, bekamen sie weniger Kalorien, nahmen sie zu viel ab, wurden die Kalorien erhöht. Diese individuellen Entwicklungen und Maßnahmen wurden jeweils in einer Versammlung für alle hörbar verkündet, gemäß dem Belohnungs- und Bestrafungsprinzip.

 Ab Woche 25 begann die Reha Phase.

Zu diesem Zeitraum liest man unterschiedliche Varianten. Das, was vermutlich tatsächlich passierte, lest ihr hier.

Alle Teilnehmer wurden während des gesamten Zeitraums regelmäßig gezielt befragt (MMPI). Sie mussten Auskunft geben über ihre Energielevel, über mögliche Veränderungen ihrer Essgewohnheiten, über ihre Gewohnheiten, wie z.B. Rauchen oder Kaugummi kauen, über ihre Gedächtnisleistung und ihre Stimmung.

Die körperlichen Untersuchungen waren dieselben, wie in Phase eins. Messungen von Temperatur, Puls, Blutdruck und Gehirnströmen, von Knochendichte, Muskelkraft und Verdauungsbewegungen u.v.a.

Im Oktober 1945, also kurz nach Ende des 2 Weltkrieges, endete der offizielle Teil des Experimentes.

Es blieben noch 12 Männer für weitere zwei Monate in einer Anschlussstudie, um deren Entwicklung engmaschig beobachten zu können.

22 Teilnehmer wurden 8 Monate nach der Studie nochmals untersucht und weitere 8 nach einem Jahr. Eine Follow Up Befragung mit 36 ehemaligen Teilnehmern wurde ca. 57 Jahre später durchgeführt, um zu untersuchen, ob und welche Langzeitfolgen das Hungerexperiment hatte.

„Mein Gott, ich lasse sie hungern“, soll Dr. Keys gesagt haben, als es sah, was sein Hungerversuch  aus den Männern machte.

Was genau ihn so besorgte, was mit den Männern passierte und welche wichtigen Erkenntnisse diese Studie bis heute liefert, lest ihr demnächst in Teil 2:

Hungern für die Wissenschaft

Teil 2: Erlebnisse, Ergebnisse und Erkenntnisse der „Minnesota Semi Starvation Study“

Warum Energiedefizit den Menschen verändert