Themenwelt – Autismus

Wer bin ich und wann bin ich ich?

Warum vor der Diagnose nicht nach der Diagnose ist

Vor der Diagnose war ich neurotypisch und habe mich gefragt, warum ich anders denke, anders wahrnehme, anders rede und mir andere Dinge wichtiger sind als anderen.
Vor der Diagnose war mein Leben voller missverstehen und falsch verstehen und nicht verstehen, warum mich andere nicht verstehen- und umgekehrt.
Vor der Diagnose dachte ich, wenn ich anderen nur lange genug dabei zusehe, wie man kommuniziert, wie man miteinander klar kommt, wie man eine Beziehung führt, wie man Emotionen ausdrückt, dann kann ich es irgendwann auch.
Vor der Diagnose dachte ich, wenn ich mich so verhalte, wie andere, bin ich akzeptiert.
Vor der Diagnose dachte ich, wenn ich nur das Richtige studiere, werde ich alles verstehen- und können.
Vor der Diagnose dachte ich, wenn ich mich oft genug in Gruppen treffe, finde ich raus, was andere daran finden.
Vor der Diagnose dachte ich, wenn ich auf Konzerte gehe, finde ich raus, was das anderen gibt.
Vor der Diagnose dachte ich, Therapie kann ganz machen, was in mir fehlt.

Nach der Diagnose wusste ich, dass Therapie nicht heilen kann, was nicht da ist.
Nach der Diagnose wusste ich, dass Intelligenz allein nicht alles ist.
Nach der Diagnose wusste ich, dass ich nie eine Beziehung haben werde.
Nach der Diagnose wusste ich, dass dem was ich kann, das was ich nicht kann, im Weg steht.
Nach der Diagnose wusste ich, dass ich alles anders machen muss.

Nach der Diagnose wusste ich nicht, was „Alles“ eigentlich ist.
Nach der Diagnose wusste ich nicht, wer ich eigentlich bin.
Nach der Diagnose kannte ich meine Stärken, wusste aber nicht, wie ich sie leben soll.

Nach der Diagnose musste ich mein Leben von hinten aufrollen.
Nach der Diagnose musste ich Abschied nehmen.
Nach der Diagnose musste ich anfangen zu suchen.
Nach der Diagnose musste ich alles ändern.

Jetzt muss ich nicht mehr maskieren, aber was dann?
Jetzt soll ich „Ich“ sein, aber wer ist ICH?
Jetzt soll ich meine autistische Identität leben, aber wie sieht die aus?

Viele mit Verdacht auf Autismus stehen vor der Frage, Diagnose, ja oder nein?
Die Entscheidung ist schwer. Einerseits ist Klarheit wichtig, weil wir alle wissen müssen, wo unser Platz im Leben ist, wohin wir gehören und zu wem.
Andererseits bringt eine positive Diagnose genau diese Themen komplett ins Wanken. Innerlich ist plötzlich nichts mehr so, wie es vorher war, aber die Umgebung, der Ort, an dem wir leben, die Menschen, die uns umgeben, sind dieselben.

Das innere Durcheinander, der Wunsch, die eigentliche Identität zu finden, beginnt nicht gleich, wenn man weiß, dass man AutistIin ist. Zunächst überwiegt die Erleichterung, endlich eine Erklärung zu haben für seine Lebensfragen und Lebensthemen.
Irgendwann fängt man aber an zu verstehen, dass man nicht so weiter machen kann, wie vorher.
Irgendwann merkt man, dass man Vieles ändern muss, in sich selbst, an seinen Einstellungen, an seinen Zielen- und wenn man dann versteht, dass man nicht mehr alle Möglichkeiten hat, weil die Exekutive streikt, weil die Hochfunktionalität nie mehr die sein wird, die sie mal war etc., dann kommt die erste Post-Diagnose-Krise. Und die zweite. Und die dritte.

Etwas ganz Ähnliches passiert, wenn man zur Diagnose geht und sie nicht bestätigt wird. Wenn man sich in der langen Wartezeit vor den Untersuchungen so sehr mit Autismus identifiziert hat, dass eine negative Diagnose oder eine andere Diagnose alles noch schlimmer macht, als es jemals war.

Was also tun?
Die Entscheidung kann Euch niemand abnehmen, aber ich gebe Euch ein paar Gedanken dazu.
Ich finde es wichtig, dass Ihr Euch vor allem mit Eurem ganz individuellen WARUM beschäftigt. Warum braucht Ihr eine Diagnose? Was soll sich ändern? Wie wahrscheinlich ist es, dass Autismus der Grund für Eure Schwierigkeiten ist und damit auch, wie wahrscheinlich wird es sein, dass nach der Diagnose WAS GENAU? besser sein wird? Und was macht ihr, wenn nicht?

Wenn ihr ein Leben habt, das eigentlich gut läuft, in dem eigentlich alles passt, überlegt Euch gut, was eine positive oder negative Diagnose auch zum Schlechteren verändern könnte und ob es das wert ist?

Manchmal kann es ratsam sein, einen Diagnosetermin zu vereinbaren und dann Abstand zu nehmen von diesem Thema, abzuwarten, was die Spezialisten sagen und erst dann anzufangen, tiefer in das Thema einzusteigen. Das erspart Euch möglicherweise eine „pseudoautistische“ Zwischenidentität, von der Ihr Abschied nehmen müsst, wenn Ihr die Autismus Diagnose nicht bekommt.