Themenwelt – Autismus

Sommerblues und Winterhoch

Warum Autisten im Sommer weinen und Winter ziemlich cool sein kann

Als Kind fand ich Sommer super. Draußen sein, möglichst wenig Klamotten anhaben, Hitzefrei. Eigentlich nur Vorteile. Ich weiß nicht genau, wann das aufhörte. Ich glaube, so rund um die Pubertät. Es hörte auf, als meine Mitschüler anfingen, in Horden an die Isar zu pilgern, stundenlang dort abzuhängen und sich abends bei irgendwem im Garten die Kante zu geben. Mit entsprechendem Lärmpegel.
Es hörte auf, als mir klar wurde, was ein Sozialleben ist und mir so leise dämmerte, dass mir dafür wohl irgendetwas fehlt.
Ich glaube, das war auch das erste Mal, dass ich diese Diskrepanz spürte zwischen dabei sein wollen, es aber nicht ertragen können und zwischen tun wollen, aber nicht hinbekommen. Sommer ist ein einziger „sei dabei und in Aktion“ Event.
Jedenfalls wusste ich in irgendeinem dieser Sommer: „Nicht meine Welt hier.“

Je reizsensibler ich wurde, je weniger Licht, Lärm und Hitze ich vertrug, umso lieber wurden mir Herbst und Winter.
Lange, laute Nächte, heiße, helle Tage und ein Leben draußen für NT (und Autisten, die Sommer lieben), gegen geschlossene Rollläden, Ventilator, meinen Laptop, Ohrstöpsel und ein Leben drinnen für mich.

Bis 22.09., dann geht´s bergauf. Herbstanfang. Kürzere Tage, kühlere Nächte, schöne Farben und endlich wieder schlafen. Keine lauten Kinder, keine grillenden Nachbarn und nicht mehr ständig das Gefühl: „Du kommst hier nicht rein.“

Es hat eine Weile gedauert, bis mir diese Zusammenhänge klar wurden. Im Austausch mit anderen darüber, wurde ich immer wieder gefragt, was ich denn dagegen tun würde. Daraufhin war ich mal bei Google und habe geschaut, was es noch so gibt zu diesem Problem und ob ich für mich und Euch ein paar Schlaue Tips finde.

Allzu viel Erhellendes war nicht dabei. Reizüberladung, wie ich es oben schon beschrieben habe, ist als Hauptgrund genannt, dass es Autisten jeden Alters im Sommer oft nicht gut geht. Ein weiterer Punkt ist die Routine. Die heiße Jahreszeit bringt vieles durcheinander. Urlaub, Ferien, Reisen, irgendwie läuft im Sommer der Alltag anders, und sei es nur in Nuancen. Aber Kleinigkeiten reichen aus, um Autisten aus ihrem Rhythmus zu bringen. Das wiederum bedeutet Stress. Dieser Stress, zusammen mit den sonstigen Herausforderungen des Sommers, trägt mit dazu bei, dass es vielen von uns in dieser Zeit des Jahres oft nicht gut geht.

Was kann man machen?
Sommer ist Routine. Nutzt das für Euch. „Same- Same“ können wir alle. Sommer kommt garantiert jedes Jahr, auch nächstes Jahr. Legt Euch Sommerroutinen zu, die für Euch passen und die Ihr jedes Jahr von neuem abrufen könnt.
Stellt Euch auf die vielen Reize ein. Wenn es wieder soweit ist, verlegt einen Großteil der Aktivitäten, die Ihr draußen machen müsst, in die früheren Stunden des Tages oder in die Abendstunden, je nach Biorhythmus.
Rollläden, die dunkel machen, helfen dem Schlaf. Das Licht kommt morgens nicht so früh in Euere Schlafzimmer und abends könnt ihr es aussperren.
Überlegt Euch ein „drinnen Projekt“, das Euch erfüllt.
Wenn ihr wegfahren wollt, plant Eure Urlaube irgendwo an einem Ort, der für Eure Bedürfnisse passt, einen, an den Ihr immer wieder fahren könnt.
Plant rechtzeitig, damit Ihr frei kriegt, wenn ihr frei braucht.
Sonnenbrille und Ohropax muss ich nicht erwähnen, habt ihr alle.

Der Somme 2019 ist vorbei. Nehmt Eure Erfahrungen zum Anlass, für 2020 zu planen. Was hat funktioniert, was hat nicht funktioniert etc…

Alle, die sich dringend vom Sommer ausruhen müssen, brauchen nur noch ein bisschen Geduld. Ein paar heiße Tage wir´s noch geben. Dann wird es wieder leise und kühl und kuschelig. Dann wird der soziale Druck weniger und diejenigen unter Euch, die den Glitzer lieben, dürfen sich wieder austoben.

Ich glaube, am wichtigsten ist es, zu akzeptieren, dass Ihr so seid, wie Ihr seid und Euch nicht an dem zu orientieren, was andere so machen. Camouflage ist eine Garantie für Depressionen. Leicht gesagt, ich weiß. Aber Übung macht den Meister. Ich übe auch, jeden Tag.