Warum hochfunktionale Autisten eine pseudo- neurotypische Identität brauchen.

 

Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen.

Lasst uns erstmal kurz den Identitätsbegriff klären. Dazu haben eine Menge Leute eine Menge zu sagen.

Ich fasse zusammen, worin sie sich einig sind:

Unsere Identität wird durch unsere Genetik und unser Umfeld bestimmt.

Gene bilden unsere körperlichen Merkmale aus (Frau, Mann, groß, klein usw.) und auch Teile unseres Charakters.

Das Umfeld bestimmt, unter welchen Bedingungen wir aufwachsen und wer und was unsere Persönlichkeit prägt. Das sind z.B. unsere Eltern, das Land, in dem wir leben und dessen Kultur, unsere Freunde und die Gruppen, denen wir angehören (oder auch nicht).

Damit wir wissen, wer wir sind und was uns einzigartig macht, brauchen wir einerseits ein Bild von uns selbst (unser Selbstbild) und andererseits das Bild, das andere von uns haben (Fremdbild). Wenn das Selbst- und Fremdbild übereinstimmen, fühlen wir unser „Ich“ gesehen. Wir fühlen uns zugehörig zu den Menschen, die uns umgeben. Deshalb suchen wir uns meist Freunde oder Partner, die ähnlich sind, die ähnlich denken, die ähnliche Werte haben, ähnliche Hobbies etc. Andererseits lehnen wir nicht selten ab, was unserem Selbstbild widerspricht.

Im Laufe unseres Lebens bildet sich aus dem, was uns genetisch formt und aus den Erfahrungen, die wir in unserem Umfeld machen, eine zunehmend beständige und erwachsene Identität aus (bestenfalls). Wir wissen dann, wer wir sind und was uns von anderen unterscheidet.

Autisten brauchen dafür erstmal eine Diagnose 😉

Identität könnte man also als individuelle Fortsetzung des Satzes: „Ich bin…..“ beschreiben.

Sie ist der beständige Teil in uns, der gleichbleibt, egal in welchen Rollen wir uns befinden. Rollen sind zum Beispiel Vater, Mutter, Arbeitnehmer, Freund/Freundin usw.

Früher ging man davon aus, dass sich Identitäten/Persönlichkeiten ab einem bestimmten Alter nicht mehr verändern können. Heute weiß man, dass wir Menschen dank unseres plastischen Gehirns lebenslang in der Lage sind, an uns zu arbeiten und uns der Identität anzunähern, die wir sein wollen; oder sein müssen, so wie wir Autisten. Hätte man uns gefragt, hätte man die Erkenntnis beständiger Anpassungsfähigkeit viel früher haben können, denn wir machen 24/7 nichts anderes, als uns der Identität anzunähern, die wir eben gerade brauchen. Neurotypische Menschen „bilden ihre Persönlichkeit“ (=Persönlichkeitsbildung), Autisten maskieren (=Masking).

Situation:

Hochfunktionaler Autist ist in irgendeiner Gruppe, sagen wir einem Arbeitsteam. Alle verstehen sich untereinander. Jeder scheint die unausgesprochenen Regeln zu kennen, nach denen sie sich richten und blind und unausgesprochen verständigen. Es ist ganz normal, dass Person C ständig in eigenen Worten wiederholt, was Person A und B längst gesagt haben. Keinen stört´s. Keinen, außer unseren Autisten unter den Neurotypen. Der fragt sich, warum sich die Kollegen wie Papageien (nicht böse sein, liebe Nt 😉 ) verhalten und wer jetzt endlich mal die Lösung checkt, die der Autist längst kennt- aber nicht sagt, weil er die Erfahrung hat, dass es eh keinen interessiert. Warum nicht? Das versteht er nicht.

Für ihn heißt das jetzt: Drei Stunden maskieren. Heimlicher Overload, mit sich selbst ausgemacht, Atemübungen, Stimming unter´m Tisch bis die Fingernägel fast ab sind, dabei aufmerksam und interessiert schauen, hoffen, dass keiner eine Frage an ihn richtet und wenn doch, neurotypisch maskiert freundlich und bestenfalls richtig antworten- mit Blick auf die Mundpartie des anderen. Irgendwann, nach 2,5 Stunden, steht er höflich auf, entschuldigt sich kurz und geht auf´s Klo. Das macht er nicht, weil er mal muss, sondern weil er sonst in drei Sekunden mit irgendeinem Gegenstand nach dem Nächsten werfen würde, der zu laut atmet. Meltdown nennt man das dann.

Kennt Ihr? Kennt Ihr!

Warum ist das so?

Autisten denken in der Regel von der Lösung zum Konzept. Wenn wir uns in einem Bereich auskennen, ist das Ergebnis schnell gefunden. Es zählt die Sache, die muss stimmen, da muss es passen. Wie man das dann umsetzt, ist, von hinten gedacht, auch schnell gelöst. Fertig.

Der lange Verständigungsweg, den NT oft brauchen, fällt weg. Das „Socializing“ fällt weg. Man muss ja nicht emotional werden, wenn man ein Problem lösen muss. Aber NT müssen sich erstmal aufeinander einschwingen, sich einigen, sich verständigen- verbal und nonverbal. Ich schreibe das hier völlig ohne Wertung und nicht ironisch. Ich möchte nur die Unterschiede darstellen. Sachlich!

Was hat das mit Masking zu tun?

In diesen Gruppen ist selten jemand, der einem Autisten sein Selbstbild bestätigt und umgekehrt. Ein Zugehörigkeitsgefühl kann so nicht entstehen. Es gibt hier keine (Gruppen-) Identität und die eigene- autistische- Identität können wir in diesen UND anderen Situationen auch nicht leben, eben weil unsere Wahrnehmungen und unsere Verständigungswege so selten übereinstimmen.

Diese Erfahrung einer nicht gespiegelten Identität machen Autisten schon, wenn sie noch ganz kleine Kinder sind. Nicht nur das. Oft genug werden sie schon in jungen Jahren gemobbt, weil, siehe oben, Menschen oft ablehnen, was nicht ihrem Selbstbild entspricht. Das (Ablehnen) machen Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Es hört also nie auf, wenn man anders ist, wenn man in der Minderzahl ist- und Autisten sind nun mal in der Minderzahl unter den vielen neurotypischen Menschen in einer neurotypischen Welt.

Es geht aber nicht nur um andere Wahrnehmungen und anderes Denken, es geht auch um autistische Verhaltensweisen. Mal ehrlich, aus neurotypischer Sicht ist das im Grunde sogar verständlich. Overloads, Meltdowns und Shutdowns, Stimming, ungefilterte Sprache, sagen was wir denken, unsere Routinen etc., das ist ja schon für uns selbst oft schwierig. Wenn wir das grundsätzlich öffentlich ausleben würden, hm! Wir müssen also schon früh im Leben lernen, was akzeptiert ist und was nicht.

Ich vergleiche das Masking immer gerne mit Menschen, die blind zur Welt kommen. Sie können nicht sehen, dafür meist umso besser hören. Wir Autisten können nicht neurotypisch, aber wir können hervorragend kopieren- und so tun, als könnten wir…. Das ist den meisten von uns in die Wiege gelegt. Hochfunktional autistische Kinder suchen sich Vorbilder, die dem entsprechen, wie sie sein müssen oder sein wollen. Die werden dann kopiert und diese Kopie wird zur Maske. Von jeder Maske bleibt ein Teil in uns hängen, neben unseren autistischen Anteilen, mit denen wir geboren werden. So perfektioniert sich unsere pseudoneurotypische Identität, neben unserer autistischen. Irgendwann ist die Ersatzidentität so perfekt, dass wir selbst nicht mehr merken, wann wir maskieren und wann nicht. Unsere Identitäten verschwimmen.

Ohne (vor der) Diagnose spüren wir die permanente Schwere des Lebens und die berühmte unsichtbare Wand zwischen uns und dem Rest der Welt. Nach der Diagnose sammeln wir unsere Identitäten ein und versuchen herauszufinden, wer wir sind, wer wir sein wollen und wie wir das schaffen können. Ablegen könnten wir unsere Masken vielleicht, wenn es Autismusland gebe, aber nur, wenn wir dort geboren würden. Denn wenn man sein Ich-Mischmasch so sehr verinnerlicht hat, dass man selbst nicht mehr weiß, wann man wer ist, schafft man authentisch- autistisch sein auch unter Seinesgleichen oft nicht mehr.

Dazu kommt, dass die Ersatzidentitäten aller Autisten aufgrund ihrer Lebensbedingungen oft sehr voneinander abweichen. Somit fehlt auch unter Gleichgesinnten nicht selten das Gefühl der Zugehörigkeit.

Masking ist keine Entscheidung, sondern ein Anpassungsmechanismus, der Autisten ein Leben in einer neurotypischen Welt möglich macht. Es ist ein Versuch, Resonanz zu erzeugen, wo nur selten Resonanz ist. Das ist erschöpfend, frustrierend und führt häufig zu Folgeerkrankungen, allen voran der Depression.

Vielleicht funktioniert es, Situationen so zu wählen, dass wir jeweils den Anteil in uns leben können, der uns am wenigsten Kraft kostet. Vielleicht schaffen wir es mit viel Übung, immer nur so viel zu maskieren, wie unbedingt notwendig.

Ich glaube, wir sollten akzeptieren, dass wir zwei Identitäten brauchen. Alles andere wäre ein permanenter Kampf gegen einen Teil unseres Selbst.