Themenwelt – Autismus

Anorexie, Autismus, Beides?

Warum es wichtig ist, die Unterschiede zu kennen.

“Take home message: if someone is diagnosed with anorexia, check if autism has gone undiagnosed. Not all those with anorexia have underlying autism but a significant minority do. Misdiagnosis or under-diagnosis can mean missing out on the right support.” (S. Baron-Cohen, Twitter, 29.10.19)

Ausgangsthesen:

  • Das Verhalten v.a. Magersüchtiger erinnert an Autismus.
  • Autistisches Essverhalten erinnert manchmal an Anorexie.
  • Anorexie und Autismus können gemeinsam auftreten oder miteinander verwechselt werden- beides mit weitreichenden Folgen.

Ich gebe Euch einen kleinen Überblick über das, was ich darüber weiß und hoffe, Euch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten etwas näherbringen zu können.
Die Beispiele sind exemplarisch. Es gibt Autisten, die gar kein Problem mit ihrem Essverhalten haben und solche, die zwar alle Merkmale gestörten Essverhaltens oder einer Essstörung zeigen, aber nicht darunter leiden. Auch Anorexie zeigt sich nicht immer gleich, aber doch im Wesentlichen so, wie unten beschrieben.

Manchen wir mal eine Tabelle zur Übersicht:

Autismus Anorexie
Eingeschränkte Lebensmittelauswahl wegen Geschmack, Textur, Desinteresse am Essen, Hang zu Same-ness (alles gleich machen).

Kein FEAR FOOD ( Lebensmittel, die Angst vor Gewichtszunahme auslösen ), keine Verbote

Eingeschränkte Lebensmittelauswahl

aus Angst vor Inhaltsstoffen, die das Gewicht erhöhen oder „ungesund“ sind.

FEAR FOOD, viele Verbote

Essverhalten:

Selektion der Lebensmittel (LM) seltener an Gesundheitsaspekten orientiert, eher an sensorischer Wahrnehmung

Essverhalten:

Auswahl der LM vor allem am Anfang einer Essstörung sehr an Glaubenssätzen bzgl. gesunder Ernährung orientiert

Selbstschädigende Gedanken, Versagensgefühle:

hängen ab von dem Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit, dass durch ihr Essverhalten zusätzlich beeinträchtigt sein kann, und von den Auswirkungen auf ihre Gesundheit

Selbstschädigende Gedanken, Versagensgefühle

Häufig und einschneidend, vor allem wenn vermeintlich zu viel gegessen wurde

Gewicht:

Untergewicht, Normalgewicht oder zu hohes Gewicht, je nachdem welche LM konsumiert werden

Gewicht:

Oft sehr niedriges Gewicht, aber keinesfalls immer. Ausschlaggebend ist das anorektische Verhalten, nicht das Gewicht.

Umgang mit Mengen und Kcal:

Kalorienzählen und abwiegen der LM kommen vor bei Zwangsverhalten und starker Orientierung an Zahlen

Besondere Anordnung auf dem Teller dient der Übersicht

Umgang mit Mengen und Kcal:

Häufig werden LM abgewogen und die Kcal genau berechnet, um das Gewicht niedrig zu halten

Essen, das von anderen zubereitet wird, wird oft abgelehnt, weil sie nicht wissen, ob ihr Geschmackssinn das verträgt oder weil die Anordnung auf dem Teller nicht stimmt usw. Essen, das von anderen zubereitet wird, wird oft abgelehnt, weil die Inhaltsstoffe nicht ihren Regeln entsprechen könnten und sich auf ihr Gewicht auswirken könnten.
Angst vor Essen:

Angst vor unbekannten LM, wegen Textur/Geschmack/fremdes LM

Angst vor Essen:

Extreme Angst vor Essen und Gewicht

Es wird nur Safe Food (sichere LM) gegessen, also LM mit niedrigem Kcal.Gehalt

Zeitliche Fixierung stark, es wird nach der Uhrzeit gegessen = Sicherheit und Stressreduktion Zeitliche Fixierung stark, es wird nach der Uhrzeit gegessen = Sicherheit und Stressreduktion
„Mental Hunger“ (ständiges Denken an Essen als Folge der Unterernährung):

Kein permanentes Kreisen ums Essen (mir zumindest nicht bekannt)

„Mental Hunger“:

Gedanken sind von Essen besessen (Auswirkung des hungry brain)

Endet oft in unkontrollierten Fressanfällen (Binges)

Andere bekochen u.a.:

Keine Neigung, ständig Rezepte zu lesen, für andere zu kochen etc.

Andere bekochen u.a.:

Starke Neigung, andere mit Essen zu versorgen, aber selbst nicht zu essen, um Nichtessen auszugleichen durch die Beschäftigung damit.

Kochen, Einkaufen etc.:

Können oft nicht kochen (Exek. Dys), gehen nicht gerne in Supermärkte (Reize, Anordnung der LM kann verwirren….)

Kochen, Einkaufen etc.:

Kochen meist leidenschaftlich gerne, sind oft in Supermärkten, um Essen wenigstens zu sehen

Vergessen, zu essen Vergessen es nie, zu essen, behaupten es aber
Interesse am Essen entweder nicht vorhanden oder aber extrem, weil Essen beruhigt. Dann wird auch viel gegessen. Starkes Interesse am Essen, MS lieben Essen, trauen sich aber nicht
Restriktion dient eher der Stressreduktion; man muss sich nicht auch noch um das Essen kümmern, weil es Routine ist. Restriktion dient der Angstreduktion vor den Folgen aufs Gewicht und vor anderen, Angst auslösenden Situationen
Gewicht:

Fixierung auf ein Gewicht (=Zahl) möglich, wegen dem autistischen Hang zu Zahlen und zu Fixierungen

Es geht nicht ums Abnehmen

Gewicht:

Extreme Fixierung auf das Gewicht an sich. Je niedriger, umso besser. Es geht immer ums. Abnehmen

Körperschemastörung:

Nicht auffälliger als in der Allgemeinbevölkerung, allerdings oft kein gutes Köpergefühl

Körperschemastörung sehr auffällig, Menschen mit ESS sehen sich oft ganz anders, als andere sie sehen
Soziale Situationen werden vermieden, weil sie Wahrnehmung, Verarbeitung und interaktive Fähigkeiten überlasten Soziale Situationen werden vermieden, weil sie häufig mit Essen verbunden sind und daher Angst machen.
Essen in Gemeinschaft überfordert, weil zu viel auf einmal passiert und verarbeitet werden muss. Geräusche und Gerüche stören Essen in Gemeinschaft macht Angst. Betroffene fühlen sich beobachtet und zum Essen gedrängt.
Reizintegrationsstörung:

Starke Irritation durch Reize aller Art aufgrund Autismus

Reizintegrationsstörung:

Starke Irritation durch Reize, insb. Lärm, durch ein hungriges Gehirn

Regeln und Rituale:

Strikte Regeln rund um Essen und Essenszeiten (autistisches Gehirn liebt Routinen, Stressreduktion)

Regeln und Rituale:

Strikte Regeln rund um Essen und Essenszeiten (hungerndes Gehirn liebt Routinen, Angstreduktion)

Alexithymie (Emotionsblindheit) Alexithymie (Emotionsblindheit)
Theory of Mind/ kognitive Empathie (Perspektivenübernahme) problematisch wegen Autismus Theory of Mind/kognitive Empathie

Problematisch, vermutlich wegen permanenter Fixierung auf Essen und hungry brain

Affektive Empathie

Spüren sehr viel

Affektive Empathie

Spüren sehr viel

Kompensationen:

Es wird beschrieben, dass Erbrechen oder auch übermäßiger Sport zur Beruhigung/Emotionsregulation genutzt wird; nicht zur Gewichtsregulation

Kompensationen:

Erbrechen, Sport, Abführmittel zur Gewichtsregulation

Leidensdruck:

Hoch bei hohem sozialem Druck von außen oder bei körperlichen Problemen aufgrund des eingeschränkte Essverhaltens

Sonst eher gering.

Leidensdruck:

Hoch, wegen der Diskrepanz zwischen Essen wollen und sich nicht erlauben, wegen sozialem Rückzug/Einsamkeit, wegen der ständigen Ausreden rund ums Essen, wegen der selbstzerstörerischen Gedanken, der obsessiven Gedanken ans Essen, die keine Konzentration zulassen und der Gegenmaßnahmen, die zum Zwang werden. Das ganze Verhalten wird oft zum Zwang.

Ausreden: nur im absoluten Notfall, wenn sie einer schwierigen Essenssituation anders nicht entkommen können. Ausreden: ständig, um nicht essen zu müssen
Übergang in Anorexie:

Möglich bei genetischer Prädisposition, wenn das Gewicht stark sinkt.

Möglich, wenn viele äußere Belastungen, sozialer Stress, Wunsch nach Zugehörigkeit, Stress und Angst durch nicht- essen gesteuert werden und falsche (dünne) Kopie- Modelle als Vorbild dienen.

Übergang in Autismus:

NEIN Anorexie führt nicht zu Autismus

Die autistischen Eigenschaften zeigen keine Transformation von AN in ASS an, das geht nicht. Anorexie ist nie führende Erkrankung, allenfalls Folgeerkrankung (=AN wegen Autismus) oder Zweiterkrankung (=Autismus + AN)

Behandlung:

Behandlung nicht immer erforderlich, nur bei sehr starken Einschränkungen und starken gesundheitlichen Problemen. Evtl. Substitution der Mangelerscheinungen.

Autistisches Essverhalten ist stark an autistische Neigung zu Same-ness und Routinen gekoppelt. Je früher eine Steuerung des Essverhaltens Richtung „Norm“ erfolgt, umso besser die Chance, dass sich erwachsene Autisten einigermaßen gut ernähren können.

Bei Autismus ist die herkömmliche Behandlung (stationär, Gruppe) oft überfordernd UND geht an den autistischen Problematiken, die zu Grunde liegen, vorbei.

Behandlung:

Betroffene schaffen es selten allein, ihre Essstörung zu besiegen.

Essstörungen außerhalb von Autismus sind auf vielfältige Ursachen zurückzuführen, die in einer erfolgreichen Behandlung incl. Verhaltenstherapie und „Umprogrammierung“ des essgestörten Denkens (neuro rewiring) beseitigt werden können.

Rechtzeitig! erkannt und richtig therapiert, sind Essstörungen heute heilbar. Rückfallgefahr besteht vermutl. lebenslang.

Erfolgreich behandelt heißt hier:

Stabiles Gewicht, kein hoher Leidensdruck

Erfolgreich kann nicht heißen:

Normales Essverhalten, gemessen an neurotypischen Menschen. Normales soziales Interaktionsverhalten wird sich nicht einstellen.

Das autistische Verhalten bleibt!

Erfolgreich behandelt heißt hier:

Stabiles Essverhalten/Gewicht, keine Regeln mehr, keine Angst mehr vor Gewichtszunahme, kein Fear Food, kein Mentaler Hunger. Normalisierung des Sozialverhaltens und der kognitiven Fähigkeiten, wie z.B. Konzentration und Interessen.

Das autistische Verhalten verschwindet mit der Heilung/Besserung.

Es zeigen sich in beiden Gruppen eingeschränktes Essverhalten, sozialer Rückzug, Vermeidung von Lebensmitteln, hohe affektive und niedrige kognitive Empathie, Konzentrationsprobleme, Schwierigkeiten bei der Perspektivenübernahme und der Emotionserkennung, eingeschränkte Interessen und Neigung zu Rigidität und Ritualen und eine Tendenz zu lokal kohärenter Wahrnehmung.

Zunächst vermutete man, das Verhalten Anorexie Betroffener liege lediglich an deren unterernährtem Gehirn. Ein Gehirn im Mangelzustand führt zu Verhaltensweisen, wie man sie auch von Autist_innen kennt.

Inzwischen gehen Wissenschaftler davon aus, dass der genetische Ursprung von Autismus und Anorexie eine Verbindung  haben könnte. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Gehirne von Anorexie Patienten bereits vor Ausbruch der Erkrankung Besonderheiten in den Bereichen aufweisen, die auch bei  frühkindlichen Entwicklungsstörungen wie Autismus auffallen.

„According to Dr. Eric Hollander from Montefiore Medical Center in New York City, there is evidence that the repetitive thoughts and behaviors, rigid routines and rituals, and perfectionism that characterize both autism and anorexia may be traced to the same regions in the brain.“ (Libby Lions, Eating Disorder Hope)

“In 2006, Steinglass et al.38 found cognitive flexibility problems in patients with AN, although other cognitive functions were normal. More specifically, AN patients experienced difficulty with set shifting tasks and were less able to adapt to changes in rules. These authors concluded that the presence of cognitive problems in subjects of normal weight and without attention deficit disorder suggests that neuropsychological disorders which are not attributable to low weight alone may be present in AN. This supports the hypothesis that abnormalities may exist prior to onset of the disorder rather than merely resulting from it.(J. Oltra Cucarella et al., S. 506)

Es ist nach wie vor unklar, ob und wie Gewichtsabnahme/Mangelernährung bei Magersüchtigen die vermutlich bereits vor der Erkrankung bestehenden Veränderungen in deren Gehirnen aktiviert und damit unter anderem Verhaltensweisen ausgelöst werden, die an Autismus erinnern. Man weiß auch noch nicht, weshalb diese Auffälligkeiten bei einem Großteil der vollständig geheilten Anorexie Patienten wieder verschwinden. Es scheint so zu sein, dass ein für den jeweiligen Menschen ideales Gewicht, gekoppelt mit dem Therapieansatz des „Neuro Rewiring“ (dazu später in einem gesonderten Artikel), die genetische Antwort wieder ausschalten.

Was man außerdem herausgefunden hat, sind Besonderheiten im Dopamin Stoffwechsel, sowohl bei Autisten als auch bei Magersüchtigen.
Dopamin wirkt einerseits belohnend, andererseits Angst auslösend, je nach dem wo genau im Gehirn es wirkt und in welcher Konzentration.
Ein Teil der Autisten interessiert sich nicht für Essen, weil dieser Stoff, der Lust auf Mehr macht, der Appetit macht, eben nicht wirkt. Bei Anorexie Patienten könnte es so sein, dass Dopamin, das beim Essen ausgeschüttet wird, nicht belohnend wirkt, sondern Angst auslöst.

Sowohl für Autisten als auch für Menschen mit Essstörungen ist es unglaublich wichtig, dass Antworten darauf gefunden werden, wie, wo und warum sich die Symptomatiken überschneiden. Nur dann wird es möglich sein, zu erkennen, ob Autismus, Anorexie oder beides vorliegt. Nur dann werden unzureichende und frustrierende Therapien vermieden und Menschen mit auffälligem Essverhalten und Verdacht auf Autismus rechtzeitig einer Diagnose zugeführt.

„As a result, doctors can take action in the initial stages of the disorder in order to prevent patients’ body weights from reaching unhealthy levels.“ (vergl. Cucarella S. 508).

Bis man mehr über all diese Mechanismen weiß, sollten vor allem Ärzte, die Autisten behandeln, darauf achten, dass deren Gewicht nicht in einen gefährlichen Bereich absinkt und dadurch eine Anorexie ausgelöst wird.