Themenwelt – Autismus

Was ist Was- Autismus
Damit wir wissen, wovon wir reden.

Am Anfang steht das Wort.Ich mache es kurz und knackig. Wenn was fehlt, bitte melden.

Without further ado, los geht´s:

Autismus

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Das heißt, man wird mit gehirnspezifischen Besonderheiten geboren, die sich maßgeblich auf die Entwicklung auswirken. Bei Autismus betrifft das vor allem die Bereiche, die für Interaktion und Kommunikation gebraucht werden. Das erklärt die Problematiken, die daraus entstehen und natürlich auch die Stärken, die Autisten ja dadurch haben. Sie bleiben bis zum Lebensende bestehen. Sprich: Autismus ist nicht heilbar und Autismus selbst ist auch nicht behandelbar. Behandelbar sind allenfalls die Komorbiditäten, die Begleiterkrankungen, wie z.B. Depressionen, Zwänge, Angststörungen oder Essstörungen (siehe dort).

Spektrum: Autistensprech: „Ich bin im Spektrum.“

Spektrum heißt, alle Gehirnfunktionen, von der TOM bis zur Exekutive (dazu gleich) sind betroffen. Bei manchen sind alle Funktionen massiv beeinträchtigt, bei anderen nur einzelne schwer, dafür andere kaum. Das hat zur Folge, dass Autisten ein individuell sehr unausgeglichenes Stärken und Schwächenprofil haben und sich in ihren Fähigkeiten und Einschränkungen auch voneinander unterscheiden. Dieses unausgeglichene Profil, also das, was Autisten können im Vergleich zu dem, was sie nicht können (dafür aber fast jeder andere), kann Autismus von autistischen Eigenschaften unterscheiden, die bei anderen psychiatrischen Erkrankungen auftreten können.

Autismus ist kein Impfschaden und kommt auch nicht von dem, was ihr so esst. Es gibt ein paar krasse Hardliner, die aus Lobbygründen oder sonstigen Gründen sehr hartnäckig das Gegenteil behaupten. Einfach ignorieren.

Wie bei den meisten Behinderungen spielt die Genetik eine große Rolle. Autismus kommt in Familien gehäuft vor, es sind in der Regel mehrere Familienmitglieder betroffen. Warum bei machen diese Gene anspringen und bei anderen nicht, darüber gibt es nach meiner Kenntnis noch kein wirkliches Wissen, nur mehr oder weniger fundierte Annahmen.

TOM ist schuld, dass Autisten oft nicht verstehen, was andere von ihnen wollen. TOM ist kein Mann, sondern die Abkürzung für Theory of Mind. Lassen wir mal das Kleinklein weg und machen es kurz: TOM beschreibt die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen einzunehmen, die Absichten eines anderen Menschen zu erkennen. Warum sagt jemand etwas. Warum macht jemand etwas. Wieso guckt die so! Damit haben Autisten häufig Probleme, die sich dann natürlich auf das Miteinander auswirken. Die meisten setzten TOM mit der kognitiven Empathie gleich. Die kognitive Empathie brauchen wir, um zu verstehen, warum jemand fühlt, was er fühlt.

Hochfunktionale Autisten haben die Fähigkeit, diese Schwächen durch bestimmte Lernmechanismen auszugleichen, allen voran dem
„Copy and Paste“.
Keine Ahnung, wer diesen Vergleich erfunden hat, er passt aber ziemlich gut. Hochfunktionale Autisten suchen sich bestimmte Vorbilder (wonach sie da suchen, ist individuell und vermutlich auch unbewusst.). Diese Rollenmodelle werden dann genau beobachtet und deren Verhalten, und oft auch deren äußere Erscheinung, wird kopiert. Autisten verinnerlichen sozusagen ihr Gegenüber. Das Auftreten und Verhalten anderer wird zu einem Teil ihrer Maske, ihrer neurotypischen Identität.

Neurotypisch bedeutet, jemand ist kein Autist. Dieser Begriff wurde mal eingeführt, um sprachlich zwischen Spektrum und nicht Spektrum zu unterscheiden. Die allgemeingültige Abkürzung ist NT. Ist nicht schön, „NT“ geht aber schneller als irgendwelche komplizierten Umschreibungen.
Masking ist, wenn Autisten in ihre gelernten nt-Rollen schlüpfen, um bestimmte oder alle Situationen, die diese neurotypische Welt für sie bereithält, zu meistern. Eine andere Möglichkeit, das zu schaffen, sieht ihr Gehirn nicht vor. Deshalb sind Autisten ohne Maske ziemlich ausgeliefert. Maskieren ist keine Wahl, keine Entscheidung, sondern ein Mechanismus, der die Lebensfähigkeit in der NT Welt sichert. Problem: Masken sind Ersatzidentitäten, anstrengend, energiezehrend und trotzdem nie völlig vermeidbar, weil: siehe oben.

Hochfunktional (HF) ist in mehrfacher Hinsicht ein schräger Begriff. Warum, könnt Ihr demnächst in einem Artikel lesen. Hochfunktionaler Autismus und Asperger Autismus wird inzwischen meist gleichgesetzt. Es gibt ein paar Unterschiede, die findet Ihr im DSM. HF beschreibt die Fähigkeiten der Autisten, im Alltag klar zu kommen. Je näher ein Autist am neurotypischen Ideal ist, je weniger Unterstützung er braucht, umso hochfunktionaler ist er (angeblich). Hochfunktional heißt nicht: Alles easy! Im Gegenteil. Aber wie gesagt, dazu später.

Wie hochfunktional ein Autist ist, zeigt sich auch an seinen exekutiven Funktionen, die leider oft nicht funktionieren = Exekutive Dysfunktion. Exekutive Funktionen steuern unsere Handlungen. Wir können tun, was wir tun wollen, weil die ausführenden Funktionen unseres Hirns uns das möglich machen. Wir können so auch lassen, was wir nicht tun sollen oder dürfen. Außerdem entscheidet unsere Exekutive darüber, wie es um unsere Aufmerksamkeit bestellt ist, ob wir uns Ziele setzten können und ob wir diese Ziele dann auch verfolgen. Oder anpassen, wenn wir merken, dass es nicht gut läuft.

Wie wir die Welt sehen, hängt unter anderem von unserer Kohärenz ab. Autisten haben eine eher lokale Kohärenz, das heißt, sie sehen mehr die Details, als das große Ganze. Wenn man seine Umgebung (Menschen, Natur, alles) nicht als Ganzes wahrnimmt, Worte teilweise nur als einzelne Worte hört oder liest und Zusammenhänge konstruieren muss, wird´s mühsam. Und richtig weh tun kann es, wenn man Autist ist und es nicht schafft, soziale Kohärenz herzustellen, also das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Gefühl der Verbundenheit mit anderen. Das wird vor allem in Gruppen spürbar. Mit einzelnen geht es oft leichter. Manche Hochfunktionale können auch lernen, zentrale Kohärenz herzustellen, wenn sie es denn müssen, aber auch das ist anstrengend und geht nur für begrenzte Zeit.

Apropos Wahrnehmung: Mandelentzündung ist kein Problem, aber das Etikett im Pulli macht Dich irre? Vielleicht bist Du Autist. Hyper- oder Hyposensorik, auch genannt Reizintegrationsstörung, kann sehr stressig sein. Wenn alles zu laut und zu hell ist und man jeden anderen Menschen „irgendwie fühlt“ oder aber man gar nichts spürt, weder bei sich noch vom anderen, wird der Alltag zur Herausforderung.
Andere Menschen spüren, also mitfühlen, ist der affektive Anteil der Empathie, das Einfühlungsvermögen. Dieser Anteil ist bei HF Autisten fast übermäßig ausgebildet.

Um diese und andere Stressfaktoren auszugleichen, machen viele Autisten das, was man Stimming nennt. Stimming beschreibt so kleine Ticks, wie zum Beispiel ständig mit dem Fuß wippen, den Körper schaukeln und vieles andere. Es beruhigt. Es kann einen Overload runterfahren. HF machen es meist so, dass andere es nicht sehen.

Overload, Meltdown und Shutdown sind Reaktionen auf Überlastung aller Art. Das ist ein großes Thema, das einen großen Extraartikel verdient. Kurzfassung: Wenn´s zu viel wird, kündigt sich das durch bestimmte körperliche und psychische Reaktionen an (Overload). Wenn man das ignoriert, folgt ein Meltdown. Sieht aus wie ein unkontrollierter Wutanfall, ist aber eigentlich keine Wut. Machen fallen danach in den Shutdown, ein Zustand, der einem Nervenzusammenbruch gleicht und den sich niemand wünschen sollte. Manche lassen den Meltdown aus, manche haben niemals Shutdowns. Wir sind halt alle unterschiedlich.

Hab´ ich jetzt noch was Wichtiges vergessen? Ich glaube, das waren so die „Highlights“ zum Thema Autismus. Ach so, vielleicht noch kurz:
Kommunikation ist die Art und Weise, wie wir uns verständigen also „com“ = mit = miteinander. Miteinander reden etc.
Interaktion ist, wie einer auf den anderen wirkt, das wechselseitige Hin und Her. „Inter“ = zwischen = Zwischen A und B hin und her.

Ich kommuniziere mit Euch, indem ich hier schreibe. Wir interagieren, indem ihr das lest und darauf reagiert- oder auch nicht. Wobei nicht nicht geht, weil Watzlawick gesagt hat, dass man nicht nicht kommunizieren kann- und auch nicht nicht interagieren.

PS: Ich benutzte meist die männliche Form, einfach nur, weil sich das flüssiger schreibt