Themenwelt – Essstörungen

Süchtig nach nichts

Warum Magersucht keine Sucht sein kann- oder doch?

Auf den ersten Blick macht der Begriff Magersucht keinen Sinn. Magersüchtige essen oft weit unter ihrem täglichen Bedarf und die meisten sind sich nie dünn genug.
Wie kommt man also darauf, ausgerechnet die Form der Essstörung als Sucht zu bezeichnen, bei der die Substanz, von der man süchtig werden könnte, nämlich das Essen, vermieden wird?

Schauen wir uns mal an, was man klassischerweise unter Sucht versteht.

Süchtiges Verhalten braucht etwas, wovon man süchtig werden kann. Leicht zugängliche Suchtstoffe sind Alkohol und Zigaretten. Trinkt man zum Beispiel eine Zeitlang zu viel Alkohol, entwickeln Körper und Psyche ein Verlangen danach. Das führt dazu, dass man immer öfter und somit auch immer mehr trinkt.
Im Laufe der Zeit tritt der Gewöhnungseffekt ein, das gute Gefühl nach x Flaschen Bier bleibt aus. Man will es wiederhaben, also trinkt man noch mehr. Oder härter Sachen, wie Schnaps. Oder beides. Irgendwann wird die Gier nach dem Stoff und die Veränderung im Verhalten so groß, dass man sein Sozialleben vernachlässigt, lügt, betrügt, seinen Job und seine Familie verliert und natürlich seine Gesundheit. Trotzdem kann man das Trinken nicht lassen.

Sucht wird also durch folgende Merkmale definiert:
Konsumzwang, Gewöhnungseffekt, Entzugssymptome, sozialer Rückzug, Verhaltensänderungen, verdrängte/ignorierte Gefahr

Jetzt muss man sich fragen: Was ist der Suchtstoff der Magersüchtigen? Der eigene Körper bzw. dessen stoffliche Auflösung? Das erinnert ja eigentlich eher an eine „geistige“ Autoimmunkrankheit, bei der das Hirn den eigenen Körper attackiert. Eher nicht.

Ich habe also mal bei den Experten nachgelesen, wie die das sehen und die Ergebnisse verglichen.

Es gibt tatsächlich Parallelen im Verhalten von Anorexie Patienten und Suchtmittelabhängigen.
Je weniger Magersüchtige im Laufe der Zeit wiegen, umso stärker wird der Drang nach „weniger von Allem“. Außerdem wirkt die permanente Beschäftigung mit Ernährung und Gewicht ebenso Angst mindernd, wie viele Medikamente oder Alkohol. Nicht wenige Magersüchtige entwickeln vermutlich unter anderem aus diesem Grund auch noch eine Drogenabhängigkeit als Komorbidität. Das Verhalten der Betroffenen richtet sich zunehmend danach aus, Maßnahmen zu verbergen, die dem Ziel dienen, möglichst viel Gewicht zu verlieren.

Wie sieht es mit dem Belohnungseffekt aus:
Drogensüchtige sind süchtig nach ihrem Kick, nach dem perfekten Moment des absoluten High oder nach totaler innerer Ruhe, dem Schweigen aller Gedanken und Emotionen. Ihre Belohnung ist die Wirkung der Drogen selbst.
Das High der Magersüchtigen ist die täglich niedrigere Zahl auf der Waage. Ihre Belohnung ist oft, vor allem anfänglich, Bestätigung durch ihr Umfeld, ein Gefühl der Zugehörigkeit und Akzeptanz. Schließlich gibt es in unserer westlichen Kultur kein höheres Gut als Schlankheit und kein stärkeres Streben, als das nach der perfekten Ernährung. Wer dünn ist, hat´s geschafft.
Sowohl für Magersucht als auch für Substanzmittelabhängigkeiten gilt: Der Leidensdruck ist irgendwann immens. Die Bereitschaft, sich Hilfe zu suchen, ist in beiden Gruppen trotzdem lange eher gering. Die Rückfallquoten sind jeweils hoch.

Aber:

  • Magersüchtige vermeiden alles rund ums Essen. Drogensüchtige dagegen lassen alle Hemmungen fallen, um an ihren Stoff zu kommen.
  • Nahrungsmittel an sich wirken sich nicht unmittelbar auf das zentrale Nervensystem und das Bewusstsein aus, während Drogen genau hier wirken.
  • Körperliche Entzugserscheinungen bleiben bei Essstörungen aus. Es gibt hier keine körperliche Abhängigkeit. Genau das ist aber ist ein Merkmal substanzgebundener Süchte.
  • Bei der Behandlung einer Drogensucht ist dauerhafte Abstinenz der Schlüssel zur Heilung.
  • Bei Magersucht und anderen (restriktiven) Essstörungen definiert Abstinenz die Erkrankung.
  • Eine dauerhafte Besserung oder gar Heilung kann nur gelingen, wenn sich Betroffene möglichst lebenslang davor hüten, ihre Ernährung einzuschränken, und zwar weder in der Menge noch in der Auswahl der Nahrungsmittel.

Fazit:
Verhaltensweisen Magersüchtiger können tatsächlich an eine Sucht erinnern. Anorexie führt zu ähnlichen gesundheitlichen, gehirnverändernden und sozialen Konsequenzen, wie man sie von Menschen kennt, die von irgendwelchen Substanzen abhängig sind.
Trotzdem können weder die Anorexie noch andere Formen der Essstörung den Suchterkrankungen zugeordnet werden, da vor allem die wesentlichen Merkmale, wie die Wirkmechanismen von Drogen und die körperliche Abhängigkeit fehlen.
Während Süchtige einen großen Bogen um ihre Drogen machen müssen, müssen sich Mager- Süchtige ihren größten Feind täglich einverleiben.

Um wirklich beurteilen zu können, ob und inwieweit sich Essstörungen und Substanzmittelabhängigkeiten gleichen, ist ein sehr viel größeres Verständnis über die vor allem gehirnspezifischen Wirkmechanismen von Essstörungen notwendig, als es uns bisher zur Verfügung steht.